Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen

Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen

vor 1 Tag
8 Minuten
0
0 0 0
Podcast
Podcaster
Literaturkritik und Themen, die uns bewegen

Beschreibung

vor 1 Tag

Auch wenn wir uns dem Sommer mit großen Schritten nähern, ist bei
meiner heutigen Rezension von Sommerlektüre keine Spur. Dabei
könnte man doch meinen, dass es in einem Roman der, zumindest zu
einem großen Teil, in einer von Männern bewohnten WG oder besser
gesagt Kommune im Berlin der DDR recht freiheitlich und
locker-leicht zugehen müsste und man beschwingt in die Lektüre
starten könnte. Und hat nicht Rosa Luxemburg schon gesagt:
„Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“? Ich
behalte diesen Gedanken im Kopf und komme später darauf zurück.


Im Aufbau Verlag erschien dieses Jahr der Roman Mit beiden Händen
den Himmel stützen der gebürtigen Berlinerin Lilli Tollkien, die
damit ihr literarisches Debüt gab. Darin begleiten wir ihre
Protagonistin Lale, die wir quasi schon vor ihrer Geburt
kennenlernen, als sie uns beschreibt wie es sich anfühlt im Bauch
ihrer Mutter, diesem geschützten und gleichzeitig ungeschützten
Raum zu sein, denn der Schutz des Kindes hängt maßgeblich vom
Verhalten der Mutter ab. Durch deren vorgeburtlichen Drogenkonsum
entwickelt jedoch auch ihr Baby, Lale, unsere Protagonistin, eine
Abhängigkeit und startet in ihr Leben mit einem Drogenentzug und
es ist das Jahr 1980. Einige Zeit später, Lale ist circa
anderthalb Jahre, wird ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen und
der Vater, der ohnehin nicht auf der Geburtsurkunde erscheint,
fährt wegen eines Banküberfalls ins Gefängnis ein. Daraufhin
kommt sie ins Heim, eine Zeit die sowohl für die Leserin als auch
die Protagonistin eine Leerstelle bilden und ein Jahr später,
Lale ist zweieinhalb wird sie von Karlheinz, einem Freund von
Lales Vater, als Pflegekind aufgenommen und findet so ihren Weg
in seine Wohngemeinschaft. Dies ist jedoch kein bloßer Akt der
Nächstenliebe, sondern ein Freundschaftsdienst für Lales Vater,
der Karlheinz beim letzten Bankraub nicht verpfiffen hat und die
700 Mark, die er zusätzlich für sein Pflegekind bekommt, tun ihr
Übriges. In der WG wohnen neben Karlheinz noch drei weitere
Männer, nämlich Wolfgang, Ansgar und Frank und, nach seiner
Entlassung aus dem Gefängnis, schließlich auch Lales Vater.


In diesem Umfeld wächst Lale ohne feste Strukturen und Regeln
auf. Was für andere Kinder eher die Ausnahme wäre, nämlich viele
Süßigkeiten zu essen, lange wach zu bleiben und ständiges
Fernsehen, ist für sie der Normalzustand. Doch es wird schnell
deutlich, dass dieses Leben nichts begehrenswertes für sie
darstellt. Es sind ihre Bewunderung für das zu Hause ihrer
Freundin Lina, das aufgeräumt ist und in dem es gut riecht, aber
vor allem die Schule und die damit verbundenen Regeln und Abläufe
die ihr Halt geben.


„Die Schule ist mein Anker. Alle Abläufe wiederholen sich, und es
gibt eindeutige Regeln. Die Klassenlehrerin ist immer nüchtern,
und alles scheint einem beruhigenden Plan zu folgen, die
Stuhlkreise, die Schulmilch, die Hofpausen und das Lesen in der
bunten Fibel. Das Beste aber ist die Normalität der anderen oder
dass, was ich mir darunter vorstelle.“ (S.33/34)


Ihre Sehnsucht nach Regeln, Ordnung und Stabilität scheinen nicht
verwunderlich, stehen sie doch im starken Gegensatz zu ihrer
tatsächlichen Lebenswelt, die geprägt ist von Männern, die unter
dem Deckmantel der Freiheit ein Leben jenseits von Konventionen
führen, die revolutionär sein wollen und über Philosophien
schwadronieren, in deren Leben aber Alkohol, Drogen und
Machtmissbrauch an der Tagesordnung stehen und denen Lales
Wohlbefinden egal ist.


Als Lale mit 14 Jahren aus der Männer WG auszieht, zunächst in
eine betreute Mädchen WG, hat sie längst ihre Erfahrungen mit
Alkohol und Drogen und was noch viel schlimmer ist, mit sexuellem
Missbrauch gemacht und musste aufgrund schulischer Probleme auf
eine Hauptschule wechseln. Mit 16 Jahren bezieht sie zum ersten
Mal alleine eine Wohnung. Auch von diesem Punkt aus begleiten wir
sie weiter durch ihr Leben, dass durch ihre Kindheit so negativ
geprägt ist, dass es für sie unendlich schwer ist erwachsen zu
werden, herauszufinden was sie wirklich möchte – in beruflicher
wie persönlicher Hinsicht – aber auch ihre Traumata zu
verarbeiten. Wir begleiten Lale auf der Suche nach sich selbst,
immer umgeben von der Frage, wer sie eigentlich ist, wer sie sein
möchte. Diese tiefgreifenden persönlichen Fragen rühren vor allem
auch vom quasi nicht vorhandenen elterlichen Schutz und der
Vernachlässigung, die sie durch ihre Eltern erfahren musste.
Während ihre Mutter aufgrund ihrer Heroinabhängigkeit nicht in
der Lage ist für ein Kind zu sorgen und im Leben ihrer Tochter
nur selten und unzuverlässig auftaucht und schließlich auch an
ihrer Sucht stirbt, ist der Vater aufgrund seiner politischen
Aktivitäten und Raubüberfälle oft physisch nicht vorhanden. Wenn
doch, scheint seine Aufmerksamkeit dann eher seinen wechselnden
Partnerinnen denn seiner Tochter zu gelten. Dieses Fehlen der
Eltern und damit auch das Fehlen von Vorbildern oder Leitfiguren
zusammen mit dem fehlenden elterlichen Schutz sowie der Tatsache,
dass Lale sich nahezu allein in einer grenzenlosen und
gefährlichen Erwachsenenwelt behaupten muss, prägen und
traumatisieren sie. Dem chronologischen Erzählstrang, mit dem
Lilli Tollkien uns dabei durch die Handlung führt, sind aber auch
immer wieder Auslassungen und Vorausschauen auf Lales späteres
Leben eingestreut.


Die Freiheit der Andersdenkenden beschränkt sich dabei auf ihre
eigene ganz persönliche Freiheit, durch deren Ausleben sie
Grenzen anderer überschreiten, in denen es vor allem zu
Vernachlässigung und Missbrauch kommt und somit ein Umfeld
entsteht, in dem Gewalt verharmlost und normalisiert wird. Die
Mitglieder der Kommune, die sich nach außen progressiv geben,
werten Frauen zu Objekten ab, die vor allem zur Befriedigung
ihrer eigenen Bedürfnisse, sei es sexueller Natur oder der
Erledigung häuslicher Pflichten, dienen. Empathie,
Gleichberechtigung, Respekt oder Schutz erfahren die Frauen, zu
denen auch Lale – ein Kind – gehören nicht. Rücksichtsloses
Verhalten wird als politisches Ideal getarnt.


„Der Geruch meiner Kindheit setzt sich zusammen aus
Schwarzer-Krauser-Tabak, Bier und stockiger Wäsche. Aus Sperma,
Haschisch und Überbackenem.“ (S.67)


Und später beschreibt die Protagonistin:


„Mit Genugtuung beobachte ich, wie die Erwachsenen mit sich
ringen, wenn ich ein Schnapsglas leere, wenn ich am Joint ziehe,
die Schule schwänze oder betrunken auf irgendeinem Schoß in der
Kneipe sitze, wie sie zu spüren scheinen, dass etwas an der
Situation falsch ist und sie dennoch Teil davon sind und nichts
sagen.“ (S.118)


Dennoch sind Lilli Tollkiens Sprache und Beschreibungen nicht
anklagend. Es ist aber schmerzhaft zu lesen, wie Lale versucht,
Halt und Sinn, ja sich selbst in ihrem Leben zu finden. Es ist
eine Geschichte über Suche und Kampf um Selbstermächtigung und
Emanzipation, die die Frage aufwirft, wer man hätte sein können
und wer man ist.


This is a public episode. If you would like to discuss this with
other subscribers or get access to bonus episodes, visit
lobundverriss.substack.com
15
15
Close