Podcast
Podcaster
Beschreibung
vor 1 Woche
Treue Elizabeth Strout Fans sowie Kenner und Liebhaberinnen ihrer
Figuren dürften sich gefreut haben, als kürzlich, nämlich im
März, endlich ein neuer Roman der amerikanischen Autorin
veröffentlicht wurde. Dabei erschien Tell me everything, wie er
im englischen Original heißt, bereits im vorangegangenen Jahr in
Deutschland im Original, und noch ein Jahr davor bereits auf dem
amerikanischen Markt. Somit ist Erzähl mir alles, wie Elizabeth
Strouts Roman im Deutschen heißt, also längst nicht mehr ganz
neu, aber für die in ihrer Muttersprache lesende Rezensentin eben
schon. Nicht neu hingegen sind die der Leserin lieb gewonnenen
Figuren, die schon aus diversen vorangegangenen Romanen Strouts
geläufig sind und deren Leben wir bereits recht gut kennen. Dabei
stechen vor allem Lucy Barton hervor, deren Entwicklung und
Lebensweg bereits in vier Romanen beleuchtet wurde, sowie Olive
Kitteridge, deren Leben die Autorin zwei Romane gewidmet hat und
die ebenfalls als Miniserie verfilmt und bereits in diesem Format
von mir besprochen wurden. Nun ist es aber so, dass alle Figuren,
die Strout ihrem literarischen Universum zufügt, immer wieder
auftauchen, sei es als Randfigur oder Hauptakteur.
Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass uns das Personal in
Erzähl mir alles reichlich vertraut ist. Die Hauptfiguren sind
Lucy Barton, ihres Zeichen erfolgreiche Schriftstellerin aus New
York, die seit Corona in Crosby, Maine mit ihrem Exmann William
lebt, was von der einheimischen Bevölkerung eher skeptisch
betrachtet wird. Außerdem Olive Kitteridge, die ihre ganz eigene
und spezielle Art im Umgang mit Menschen pflegt, vor langer Zeit
Lehrerin in Crosby war, die aber zum Zeitpunkt der Handlung
bereits 90 Jahre alt ist und in einem Altersheim lebt, jedoch
nichts von ihrem unvergleichlichen Wesen eingebüßt hat. Als
Dritten im Bunde und auch bereits wegen seiner tragischen
Familiengeschichte bekannt, ist Bob Burgess. Er ist Anwalt, mit
Lucy befreundet und, wie uns die Autorin direkt zu Beginn der
Geschichte wissen lässt, der eigentlich Protagonist.
Zu Beginn des Romans werden Olive und Lucy durch Bob einander
vorgestellt, da sie sich bisher nicht persönlich kannten, Olive
Lucy aber aufgrund ihres Berufs als Schriftstellerin ausgewählt
hat, um ihr eine Geschichte zu erzählen, von der sie glaubt, dass
diese damit vielleicht etwas anfangen kann. Die Erzählung, die
anschließend folgt, dreht sich um ihre Eltern, vor allem aber ist
es eine tragische Liebesgeschichte. Sie markiert den
Ausgangspunkt für die nun regelmäßig stattfindenden Treffen
zwischen Olive und Lucy, in denen sie sich gegenseitig
Geschichten über Menschen erzählen, Menschen, die Lucy im Verlauf
des Romans als „unbeachtete Leben“ bezeichnet und nach deren
Lebenssinn sie fragt. Im Fokus stehen aber auch die Gespräche
zwischen Bob und Lucy, die eine späte, enge Freundschaft
verbindet, die auch deren jeweiligen Partnern insofern recht zu
sein scheint, da diese viel mit sich selbst beschäftigt sind.
Dass Lucy und Bob im Laufe der Zeit mehr als nur
freundschaftliche Gefühle füreinander hegen, offenbaren sie sich
gegenseitig nicht, so dass auch ihre Geschichte ein weiteres
Zeugnis unerfüllter Liebe im Roman darstellt und die sich –
entgegen des Buchtitels – eben nicht alles erzählen und dafür
ihre Gründe haben.
Letztlich würde es zu weit führen, auf all die Biografien und
Lebensläufe einzugehen, von denen uns Elizabeth Strout berichtet
und dafür sollte man schließlich den Roman lesen, aber eine
thematische Einordnung ist dennoch möglich. Neben bereits
erwähnten Liebesgeschichten geht es auch um zwischenmenschliche
Beziehungen im Allgemeinen, um Schuldgefühle und Traumata, die
unser ganzes Leben beeinflussen und die vielleicht sogar auf
Missverständnissen beruhen. Aber auch die Themen Älterwerden und
Einsamkeit ziehen sich durch den Roman und führen schließlich zu
der Frage, wie wir leben wollen und mit Erlebtem umgehen.
„Wir glauben gern, dass wir unser Leben unter Kontrolle haben,
aber das stimmt manchmal nur bedingt. Die, die vor uns kamen,
haben die Weichen für uns gestellt.“ (S.35)
Eine zusätzliche Wendung in der Handlung ist eine
Kriminalgeschichte, in der Bob in seiner Rolle als Anwalt tätig
wird, in der es aber nicht weniger um Familie, Lebensläufe und
Verbundenheit geht. Alles hängt zusammen und wird von Strout fein
miteinander verwoben, so dass sie einen liebevollen und
wertschätzenden Blick auf die Leben wirft, die unbeachtet zu sein
scheinen und nach deren Sinn sie ihre Protagonistinnen immer
wieder fragen lässt. Das Tiefgreifende wird bei Strout in das
Alltägliche eingebettet, ohne dabei kitschig zu sein. Aktuelle
politische Verweise werden dabei fein säuberlich immer wieder
eingestreut.
Worin sich Elizabeth Strout treu bleibt, ist die Tatsache, dass
der Roman für sich steht und auch ohne Kenntnis ihrer
vorangegangenen Werke gelesen werden kann. Für diejenigen, die
ihr Oeuvre bereits kennen, ist es ein weiterer Ausflug in die
komplexe Figurenwelt, die die Autorin über Jahre hinweg
geschaffen hat und über die es immer noch etwas zu erfahren gibt.
Wie ich bei meiner Recherche außerdem feststellen durfte,
erscheint bereits am 05. Mai ihr neuer Roman The things we never
say in englischer Sprache in Deutschland und der Titel verweist
doch auf einen engen, wenn auch konträren Bezug zu Tell me
everything. Je nachdem wie lange wir auf die Übersetzung warten
müssen, wird es wohl früher oder später wieder eine Rezension
eines Elizabeth Strout Romans geben und bis dahin verbleibe ich
mit einer Empfehlung.
This is a public episode. If you would like to discuss this with
other subscribers or get access to bonus episodes, visit
lobundverriss.substack.com
Weitere Episoden
8 Minuten
vor 3 Tagen
13 Minuten
vor 2 Wochen
10 Minuten
vor 1 Monat
35 Minuten
vor 1 Monat
5 Minuten
vor 2 Monaten
Abonnenten
Hamburg
Kommentare (0)
Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.