Szczepan Twardoch: Der Boxer

Szczepan Twardoch: Der Boxer

vor 2 Wochen
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Literaturkritik und Themen, die uns bewegen

Beschreibung

vor 2 Wochen

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein!” Wer hat’s gesagt? Na? Wieder
keiner? Der olle Marx war’s!


Das wussten natürlich alle Lob und Verriss-Leserinnen aber vor
hundert Jahren wusste das so ziemlich jeder, denn Karl Marx war
noch ein bestimmender Philosoph und keine versubstantivierte
Ideologie. Man baute seine politischen Bewegungen um, gegen oder
für seine Schriften. Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten
gegen Nationalisten, Zentrums- und Volksparteien – das waren nur
ein Bruchteil der neuen politischen Bewegungen. Das endete in den
Auswüchsen der Weimarer Republik mit ihren siebzehn Parteien im
Reichstag und der daraus folgenden Lähmung des Parlamentarismus,
aber auch die Nachbarländer kamen in den Strudel dieses Chaos, es
war die Zeit. Ins polnische Parlament, den Sejm, kamen und gingen
über die jahre gar zweiunddreißig Parteien. Politik, so kommt es
einem mit dem Blick von heute vor, war Lebenszweck, war Sport,
war Theater. Nach der Erstarrung des Lebens in den immergleichen
Kreisläufen des Mittelalters, aufgebrochen durch die industrielle
Revolution, die den Reichtum nur vom Adel zum Bürgertum
verteilte, gab Marx den Habenichtsen Ideen (und Wege, diese zu
verwirklichen!) an die Hand, um die Gesellschaft zu ihren Gunsten
zu verändern. Der Erste Weltkrieg hatte zudem die Verkrustungen
auf nationaler Ebene brutal aufgebrochen, mit dem Nebeneffekt
zwei Dutzend Monarchien zu beenden. Neue Länder entstanden, alte
vereinigten sich wieder und all diese Staaten brauchten neue
Gesellschaftsmodelle.


Die Unordnung war aufregend für alle, die nach vorn wollten,
(ver-)störend für alle, die wollten, dass sich nichts verändere
oder die einfach keine Chance sahen, am großen Rennen in die
Zukunft teilzunehmen. Für alle, die gar nicht durchsahen oder
durchsehen wollten, gab es natürlich immer die Alternative, auf
die Basics zurückzufallen - der gute alte Rassismus: die dort zu
braun, der zu blond, dem seine Nase zu platt und die andere zu
hakelig. Das erdet und reduziert die Komplexität und die Juden
haben eh schon immer gestört. Da können wir Deutsche mitreden, da
sind wir Experten. Weshalb wir da eben eher nicht mitreden
sollten und im Gegenteil recht dankbar sind, wenn andere die
Stories erzählen vom Leben vor der Shoah: vom Überleben, vom
Sterben und vom Töten. Über all das ist intensiv, gewalttätig und
unendlich faszinierend zu lesen in “Der Boxer”, einem Roman, im
Warschau der dreißiger Jahre spielend, in dem der polnische Autor
Szczepan Twardoch uns die schwere Arbeit abnimmt, ein Bild von
jüdischem Leben zu zeichnen in und außerhalb dessen, was von den
Deutschen nur wenige Jahre später zum “Warschauer Ghetto” gemacht
wurde – nicht, dass die polnische Mehrheit in der Stadt viel
dagegen gehabt hätte. Aber das Buch hat eben nichts mit solchem
Schwarz-Weiß-Holzschnitt zu tun, der herauskommen muss, wenn das
Tätervolk vom Opfervolk berichtet.


Die Erzählerstimme im Buch ist Mojżesz, ein zur Handlung 1937
siebzehnjähriger Junge, streng jüdisch erzogen, lebend in
Warschau, und da es damals nicht “ein” Warschau gab, braucht es
die Qualifizierung: “links der Weichsel”, zwischen Nalewki und
Zamenhofstraße, in Mirów und Muranów, dort, wo Warschau nicht wie
Paris roch, sondern wie der Orient, wie uns Twardoch erzählt. Wir
sind nicht wirklich lange im Buch, als wir erfahren, das Mojżesz
Halbwaise ist. Sein Vater Naum Bernstein wurde umgebracht, gerade
eben erst, zwei Tage vorm Pessachfest, und eigentlich müsste er
in den Tempel, und wer bestellt eigentlich das Kaddisch, seine
Mutter weint den ganzen Tag, sein Bruder ist zu klein dafür, also
eigentlich sein Job, aber er hat Karten bekommen für den Boxkampf
in der Stadt, das Team von Legia vs. dem von Makkabi, und wir
lernen bald, wenn wir nicht ganz so firm sind in den ethnischen
Hintergründen beider Teamnamen, hier kämpfen Polen gegen Juden,
hier ist Prestige im Spiel oder sagen wir einfach: Rassismus. Die
Eintrittskarte hat er von seinem Helden bekommen, Jakub Shapiro,
dem Boxmeister des Viertels, ein schöner Mann, ein starker, ein
reicher zudem, Frauen lieben ihn, Männer beneiden ihn und
ausgerechnet der hat dem kleinen Mojżesz ein Ticket geschenkt und
er darf mit ihm hinterher im Auto fahren, einem roten Chrysler,
der aber nicht dem Boxer selbst gehört (der hat “nur” einen
Buick), sondern seinem Chef, der unverholen “Der Pate” genannt
wird und genau das ist, ein Pate, Chef der jüdischen Unterwelt:
Schutzgeld, Prostitution, Drogen, das ganze Programm, der Boss im
Viertel, der vor genau zwei Tagen Jakub, dem Boxer, den Auftrag
gab, Mojżesz’ Vater umzubringen. Und mit den beiden sitzt Mojżesz
jetzt im Auto. Oha. Ok. Jesus… Sorry. Falscher Zungenschlag.


Das alles weiß in dem Augenblick nur der erzählende Mojżesz, der
das als fast Siebzigjähriger aufschreibt. Wir erfahrne das immer
wieder in Zwischensätzen, kurz herausgerissen aus der Geschichte
vom jungen Mojżesz, wie der alte kurz von der Schreibmaschine
aufsteht und auf die Dizengoff Street in Tel Aviv runterschaut,
aus seinem Apartment, das er viel zu selten verlässt.


Warum schenkt der Mörder dem Sohn des Opfers Tickets zum
Boxkampf? Warum, wie es sich entwickelt, nimmt er ihn in seine
Obhut, lässt ihn bei sich leben, trainiert mit ihm, macht ihn zu
seiner rechten Hand? Schuldgefühle? Scham? Nach einem Jahrzehnt
im Dienst des “Paten” eigentlich unwahrscheinlich, wird uns
dieses Rätsel bis zum Ende des Romans begleiten, ja, es ist das
zentrale Thema des Buches und am Ende ein Baustein für so manche
Wendung.


Nicht nur mit dem Mord, sondern mit der Art und Weise desselben
setzt das Buch den Ton für eine Gangsterstory, einen politischen
Thriller, ein Moralitätenstück angesiedelt im Polen zwischen 1918
und 1939. Denn der Mord war brutal, Naum Bernstein wurde nicht
einfach umgebracht, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte,
er wurde gevierteilt und in die verschiedenen Seen in und um
Warschau verteilt, in Teile zerhackt wie der weiße Hahn, den man
zu Pessach über dem Kopf schwenkt und dem man hinterher den Kopf
abschlägt auf dass man von allen Sünden erlöst sei. Religion, you
know.


So brutal ging es in der gesamten zweiten polnischen Republik zu,
wie sie genannt wurde. Entstanden war sie aus den Wirren des
ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution, nach denen Polen
die Chance zur Wiedervereinigung ergriff und verspielte. Wie sich
Polen mit wem wiedervereinigte? Frag Chat. Wer sich in Polen
politisch mit wem stritt, zoffte, intrigierte, putschte: versuch
es zu verstehen, überlies es, lies den hervorragenden Anhang des
hervorragenden Übersetzers Olaf Kühl zuerst oder: Frag Chat. Es
ist endlos kompoliziert.


Derart verworrene politische Chaosjahre künstlerisch zu
verarbeiten kann enorm abturnend sein, wie ich kürzlich lernen
musste, in einem dreistündigen Theaterstück, geschrieben nur ein
paar Jahre vorm Handlungszeitraum des “Boxer” vom doch großen
Hans Fallada. Das Stück “Bauern, Bonzen und Bomben” wurde gegeben
am Dresdner Staatsschauspiel und es wurde einzig durch die
Schauspieler und vor allem das Bühnenbild herausgerissen. Denn ob
die Sozis, der Bauernpartei oder den Nationalen gerade im
Bürgermeisteramt einer holsteinischen Kleinstadt Demonstrationen
erlauben oder verbieten, interessierte die Theatergängerin 1931
sicherlich, eventuell, hundert Jahre später aber eher nicht. Denn
so etwas spannend zu erzählen braucht es keinen begnadeten und
innovativen Autoren der “Neuen Sachlichkeit” wie Hans Fallada, da
braucht es einen Punk, einen atemlosen, rücksichtslosen Schreiber
wie Szczepan Twardoch der uns die politischen Wirren des Warschau
zwischen den Weltkriegen in einer Brutalität, Schmutzigkeit und
oft kaum auszuhalten schmerzevoll in einem Stakkato von Szene zu
Szene zu Szene um die Ohren haut - wir kommen oft genug nicht
hinterher. Nicht nur wegen der real existierenden polnischen
Politikernamen, die wir nur anhand der Diakritika an den
Buchstaben ausseinanderhalten können, jeder Ausspracheversuch
muss scheitern. Der mit P und durchgestrichen I ist Präsident
(Ja, war Józef Piłsudski nicht wirklich, it’s complicated), der
mit L und durchgestrichenem T der Staatsanwalt, wer war nochmal
der mit D und dem Schwänzchen unter dem E?


Geschrieben ist das Ganze in einem mir sonst eher unangenehmen
wilden Herumgespringe in der Zeit, von 1929 nach 1918 nach 1926
nach 1988 und wieder zurück, dazu die vielen Namen, die nur mit
hartem Training bei Ellroy oder Pynchon zu durchsteigen (oder zu
ignorieren) sind – es ergibt sich ein Vertigo, wie es die
Zeitzeugen der Epoche selbst erlebt haben müssen und welches wir
Szczepan Twardoch mal als gewolltes Stilmittel unterstellen. Nach
ein paar Seiten Eingewöhnung wandelt sich das leicht verwirrte
Lesen in manisches Pageturnen – man legt das Buch nicht mehr weg,
man will die nächste Episode, die nächste kleine Backstory eines
Charakters (oft im Sinne von “was ein Charakter!”) lesen. Ja, das
Buch ist lang, aber es ist brillant und unglaublich gut
übersetzt.


Und so hangelt man sich also durch den politischen Urwald der 2.
polnischen Republik und lernt doch viel, wenn man sich drauf
einlässt, und es wird nicht einfacher dadurch, dass praktisch
alle handelnden Personen permanent Wodka trinken, koksen, Frauen
vergewaltigen, politische Gegner misshandeln, einsperren,
umbringen – oder sich im allerbesten Fall nur mit ihnen prügeln.
Wir sind nach spätestens hundert Seiten so abgestumpft, dass wir
erschrocken Mitleid mit Mördern haben, Sympathie für
Rechtsradikale entwickeln, Geldeintreiber als wertvolle
Ordnungsmacht der Gesellschaft akzeptieren. Nur Vergewaltiger
bleiben geradeso außerhalb unseres Verständnishorizontes, aber
auch nur, weil Twardoch sich entscheidet, diese am Ende doch
eindeutig als Bösewichte zu belassen. Alle anderen bekommen eine
schwere Kindheit, ein Kriegstrauma, eine körperliche Missbildung
(und was für eine, Herrgott, wurde mir schlecht!) als mildernde
Umstände in die Story geschrieben, damit wir uns ja nicht zu
sicher sind in unseren Urteilen.


Über allem hängt die Fata Morgana eines jüdischen Staates in
Palästina. Manche träumen von einem Neuanfang in Eretz Jisra’el
andere warnen davor, denn ist das nicht die endgültige
Niederlage, die Viertel in die man verbannt wurde freiwillig zu
verlassen? Und was ist, wenn das wieder nur ein Ghetto, diesmal
von Brittanias Gnaden ist? "Und was ist eigentlich mit den
Palästinensern die dort leben?”, fragen besonders Weitsichtige.


Das sind sie also, die berühmten Umstände, dieses “Sein”, das das
Bewusstsein prägt, welches Menschen in harten Situationen hart
werden lässt und in brutalen brutal. In ihren Vierteln lebend
seit Jahrhunderten, chancenlos auszubrechen, entwickeln die
Warschauer Juden Codes, Verhaltensmuster, “Coping Mechanisms”
würde man heute sagen; es bilden sich brutale Machtstrukturen
heraus wie in allen zu engen Gesellschaften, Schutz wird geboten
und bezahlt und, wenn nicht, entzogen, es entstehen innerhalb der
Unterdrückten Unterdrücker und Unterdrückte, innerhalb der
Verlierer Verlierer und Gewinner. Druck von außen, in Warschau
der fast prähistorische Antisemitismus, erzeugt kaum Gegendruck
nach außen, sondern einen inhumanen solchen nach innen.


“Der Boxer” ist eine Betrachtung dieser Mechanismen aus
mindestens drei Perspektiven: Da ist die Erfolgsgeschichte des
Gangsters Jakub Shapiro, dem Boxer, wie er zurückgekehrt aus dem
Krieg der Polen gegen die Sowjetunion, bei dem er als Soldat auf
der Siegerseite stand (was eher Zufall war), zu etwas bringt: im
Sport, im Leben, in der Unterwelt. Bei all seiner Brutalität
fiebern wir mit ihm mit und halten zum Schläger, zum Mörder.


Da ist die traurige Geschichte von Mojżesz Bernstein, der seinen
Vater verliert und einen Vater gewinnt, in Jakub, der Junge, der,
hätte man nicht seinen Vater ermordet, wohl nicht das geworden
wäre, was er heute ist.


Und da ist die Perspektive des alten Mojżesz, unseres Erzählers
mit erfüllter Vergangenheit, Brigadegeneral a.D. in Tel Aviv,
Ende der 80er.


Alle drei haben ein Leben gelebt, das nicht einfach war und
Kompromisse erforderte. Jeder der drei stellt sich moralisch
nicht frei. Jakub, der Boxer, der Mörder, leistet Buße, indem er
Mojżesz annimmt. Dieser, der Junggangster, hat am Ende keine
Wahl. Was soll er machen, fragt er sich? Nicht mit seinem Helden
mitrennen, zurück in das ärmliche vaterlose Haus? Er lässt seine
Mutter und seinen Bruder im Stich, bewusst. Und derselbe Mojżesz,
am Ende seines Lebens, der Brigadegeneral in der israelischen
Armee war, hatte doch auch keine Wahl, so sagt er sich immer
wieder, was soll man machen als Israeli mit Arabern um einen
herum? Die Araber nicht erschießen?


Wir entwickeln Verständnis und merken genauso zu spät wie unsere
Protagonisten, dass man irgendwann auf dem Weg zum Monsterwerden
nicht stehen geblieben ist. Nicht “Neyn! Nie! Lo!” gesagt hat und
dass man all seine moralistischen Begründungen in die Tonne
treten kann, wenn man sich nicht zeitig genug wiederfindet, sich
nicht zeitig genug selbst widerspricht, eine Grenze zieht, nicht
mehr jedes Mittel zum Zweck erklärt und sich selbst und andere
belügt.


P.S. Für eine mildere und differenziertere Geschichte aus dieser
Zeit sei (ungelesen) dieses nagelneuer Buch empfohlen: “Here
Where We Live Is Our Country: The Story of the Jewish Bund” von
Molly Crabapple (klingt wirklich vielversprechend) und dieser
Klassiker aus dem Jahr 1941 “Who Goes Nazi?” by Dorothy Thompson.


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