Tove Ditlevsen: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will
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Beschreibung
vor 1 Tag
Zum Zeitpunkt ihres Todes, der sich in diesem Jahr zum 50. Mal
jährt, war Tove Ditlevsen eine der meistgelesenen
Schriftstellerinnen Dänemarks, zu deren Begräbnis hunderte
Menschen erschienen und ausharrten, um sich von der Dichterin
verabschieden zu können. Und das wollte sie auch immer sein: eine
Dichterin, besser gesagt eine Lyrikerin. Obwohl wir gerade in
Deutschland bisher hauptsächlich ihre Romane kennen, was vor
allem daran liegen dürfte, dass diese bereits ins Deutsche
übersetzt wurden, wurde sie in ihrem Heimatland vor allem durch
ihre Gedichte bekannt, die von Anfang an viel Aufmerksamkeit
erregten. Dies lag unter anderem daran, dass die Lyrik noch nicht
den Stellenwert besaß, den sie später erlangte und Tove Ditlevsen
mit 22 Jahren als Frau und Arbeitertochter auf dem Literaturmarkt
eine regelrechte Sensation war. Bis zu ihrem Tod veröffentlichte
sie acht Gedichtbände, sowie weitere Bände mit ausgewählten
Gedichten, über die Übersetzerin Ursel Allenstein im Nachwort des
eben erschienen Gedichtbandes Folgendes schreibt: „Sie gingen ins
kulturelle Gedächtnis des Landes ein und blieben dort auch nach
ihrem Tod im Jahr 1976 lebendig, wurden von Großmüttern an
Töchter und Enkelinnen weitergegeben, in Poesiealben geschrieben,
von Musikerinnen […] vertont.“ (S.175)
Die in Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will
veröffentlichten Gedichte umfassen einen Zeitraum von vier
Jahrzehnten und sind nicht chronologisch angeordnet, sondern
„[...] bilden einen thematischen Dialog zwischen jenen
Gegensätzen, in den Gedichte aus jeder Phase des Werks
miteinander treten[...]“ (S.179). Aufgrund der großen Zeitspanne
sind sie nicht nur thematisch äußerst vielfältig, auch eine
Veränderung in Ditlevsens Schreibstil – ihre Entwicklung als
Lyrikerin und Mensch – ist deutlich zu spüren. Die späteren
Gedichte muten oft mehr wie Erzählungen oder Beobachtungen an,
was zum einen am nun häufigeren Verzicht der Reimform liegt, zum
anderen am lyrischen Ich, das deutlich abgeklärter und
desillusionierter wirkt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass
sich die Jahreszahlen, die den Gedichten beigefügt sind,
lediglich auf das Jahr der Veröffentlichung des entsprechenden
Gedichtbandes beziehen. Wann einzelne Gedichte genau verfasst
wurden, ist teilweise nicht mehr rekonstruierbar oder en detail
nachzuvollziehen.
Die Auswahl der Gedichte, für den an dieser Stelle besprochenen
Gedichtband, geben einen guten Einblick über die Themen, die Tove
Ditlevsen zeitlebens beschäftigt haben mögen und auch in ihren
Romanen immer wieder zu finden sind. Es ist die Beschäftigung mit
der Frau, der Freundin, der Familie; als sie selbst, in
allgemeinen Betrachtungen des Alltags oder als ihr Gegenüber.
„Ich kannte die stumme Einsamkeit
ein Lächeln, als seist du nicht hier –
von meinem eigenen Spiegelbild
und sah mein Gesicht in dir.“ (aus: Vertraut, S. 95)
Auch das Kind oder Kind-sein ist ein zentrales Motiv, das sie in
vielfältiger Weise bearbeitet. Dabei ist sie entweder selbst das
Kind, erinnert Dinge aus der Kindheit, aber auch Kindheit im
Allgemeinen, das Erwachsenwerden, sowie Mutterschaft und Ehe
stehen thematisch in enger Verbindung.
„Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben kann,
bis ich selbst kaum noch glaub, dass uns etwas verbindet,
ihre Augen starren mich aus dem Spiegel an,
als suchte sie etwas, das man allzu schwer findet.“ (aus: Da
wohnt ein junges Mädchen in mir, S. 167)
Als thematischen Gegenspieler zum Kind-sein empfinde ich ihr
stetiges Befassen mit dem Tod. Wie eng die Themen miteinander
verwoben sind, zeigt das eben genannte Zitat besonders deutlich.
Es ist aber auch ein Thema, das erschöpfen kann. Die ständige
Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und auch einer
gewissen Todessehnsucht, die durchaus aus ihren Gedichten
hervorgeht, ebenso wie die Gedanken an den Tod anderer oder das
tatsächliche Erleben dessen strengen an. Sie machen traurig,
erschöpfen, lassen das eigene Leben in einem neuen Licht
erscheinen, werfen Zweifel auf und sind dennoch unvermeidlich.
Ich stelle mir vor, dass es für Tove Ditlevsen auslaugend gewesen
sein muss und trotzdem sind ihre Gedichte nicht frei von
Hoffnung. Sie ver- und bearbeitet ihre Ängste und Sehnsüchte,
reflektiert und porträtiert sich selbst und andere, stellt
Beobachtungen an und erschafft mit ihren Gedichten, so viel wird
an der Auswahl in Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht
sterben will klar, eine lyrische Zusammenfassung ihres Lebens.
„Wächst das Glück wie eine Perle
leise und an vielen Tagen,
dann lieb ich – seltsam, aber treu –
alle meine Niederlagen“ (aus: Abwechslung, S. 31)
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