6. "Stimmführer, Cembalo und zweite Geige – musikalische Geschwister" Folge 6 mit Prof. Ulrike Liedtke

6. "Stimmführer, Cembalo und zweite Geige – musikalische Geschwister" Folge 6 mit Prof. Ulrike Liedtke

39 Minuten

Beschreibung

vor 3 Tagen

Eine neue Facette des preußischen Kulturerbes – eine der
spannensten Musikentwicklungen Mitte des 18. Jahrhunderts. Zu
Gast ist die Brandenburger Landtagspräsidentin und
Musikwissenschaftlerin Professorin Ulrike Liedtke, undsie zeigt
Preußen als Labor musikalischer Umbrüche.


Im Zentrum steht Friedrich II. – nicht der Feldherr, sondern der
Flötist. Der König  übte täglich und komponierte121 Sonaten,
vier Sinfonien und vier fabelhafte Flötenkonzerte. Abends wurde
in Sanssouci musiziert, unter der künstlerischen Leitung seines
Flötenlehrers Johann Joachim Quantz. Und Friedrich ordnete sich
unter – eine bemerkenswertePointe: Der absolute Monarch wollte im
Ensemble spielen, zuhören, reagieren, sich einfügen. „Sonst geht
Musik nicht“, sagt Liedtke trocken.
Begleitet wurde er unter anderem von Carl Philipp Emanuel Bach,
damals als „der große Bach“ gefeiert – nicht sein Vater. Emanuel
Bach komponierte so frei, so experimentierlustig, dass seine
Fantasien beinahe in die Moderne greifen.Fehlende Taktstriche,
abrupte Tempiwechsel – hier wird nicht repräsentiert,hier wird
ausprobiert.
Überhaupt sind es die Umbrüche, die Liedtke faszinieren: der
Übergang von barocker Polyphonie zur vorklassischen Klarheit, vom
kunstvollen Stimmengeflecht zur Melodie mit Begleitung. Was
später als „Mannheimer Schule“berühmt wurde, hat schon in Ruppin
und Rheinsberg begonnen. Preußen als Ideenschmiede der Klassik?
Eine gut begründete Behauptung.Eine Lieblingsfigur dieser
musikalischen Betrachtung ist Friedrichs Schwester Wilhelmine von
Bayreuth. Sie spielte virtuos Cembalo, komponierte und schrieb
mit Agenore eine Oper, die so gar nicht ins barocke
Happy-End-Schema passt: keine Apotheose, kein versöhnlicher
Schlusschor – stattdessen Tragödie. Ihr MarkgräflichesOpernhaus
in Bayreuth, heute UNESCO-Welterbe, zeugt vom Ehrgeiz einer Frau,
die Kunst als Selbstermächtigung betrieb. Täglich üben,
komponieren, inszenieren – Aufklärungals Haltung.


Und dann ist da noch der „Teufelsgeiger“ Franz Benda. Virtuose
aus Böhmen, geflohener Leibeigener, später Konzertmeister. Seine
Violinkonzerte galten lange als anonym – bis sie ihm wieder
zugeschrieben werden konnten. Benda steht für eine abenteuerliche
Musikerbiografie zwischen Abhängigkeit und Aufbruch. Preußische
Hofmusik war kein Nebenjob; siewar Hochleistungssport mit
Probenzeiten von vier bis sieben Uhr – täglich.
Überraschend ist auch der Blick auf Friedrichs Bruder, den lange
Zeit verkannten und von Friedrich abgestellten Prinz Heinrich von
Preußen. Während Friedrich der „Stimmführer“ war – Flötensolist
und Taktgeber –, spielte Heinrich im übertragenen Sinn die
„zweite Geige“. Doch gerade er öffnete seinRheinsberger Theater
für Reformideen, engagierte französische Künstler und brachte mit
Christoph Willibald Gluck die Opernreform voran. Hier tritt der
Chor als Stimme des Volkes auf, hier wird Aufklärung praktisch.


Ein weiterer Höhepunkt der Episode ist die legendäre Begegnung
zwischen Johann Sebastian Bach und Friedrich II. 1747 in Potsdam.
Das berühmte„königliche Thema“ – spröde, sperrig – sollte Bach
improvisierend verarbeiten.Er tat es, ärgerte sich später über
sich selbst und schuf das Musikalische Opfer. Hofmusik als
intellektuelles Kräftemessen.Am Ende entsteht wiedereine anderer
Fokus - weniger Marsch, mehr Modulation,weniger monarchisches
Geltungsbewußtsein mehr Experiment. Zwischen Krieg und Konzert
existierten tatsächlich zwei Welten – und Friedrich hielt sie
strikt getrennt.


Militärmärsche hat er nie komponiert.

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