Episode 9: Kollektive Fiktionen – Was die Kommunalwahl über organisationale Ziele verrät

Episode 9: Kollektive Fiktionen – Was die Kommunalwahl über organisationale Ziele verrät

16 Minuten

Beschreibung

vor 4 Tagen

Ich bin Robin, und in Episode 9 von OE3000 wird es
lokalpolitisch.


Am achten März wird hier in Utting am Ammersee gewählt. Ein
4.000-Einwohner-Ort südwestlich von München. Was dort passiert,
zeigt etwas Faszinierendes über organisationale Identität: Selbst
Nicht-Organisationen müssen so tun, als wären sie Organisationen,
um erfolgreich zu sein.


Da ist die "Liste für Utting" – 16 Menschen, unterschiedlicher
geht's nicht. Ein 72-jähriger Kunstkurator neben einem
20-jährigen Handwerker. Eine Zahnarzthelferin neben einem
Bankkaufmann. Das Paradox: Die LFU ist wahrscheinlich gar keine
echte Organisation. Ein lockerer Zusammenschluss. Aber sie sehen
aus wie eine Partei. Professionelle Website, einheitliches
Branding, geschliffene Kampagne. Sie müssen wie eine Organisation
auftreten, um gegen CSU und Grüne anzukommen.


Und ihre Ziele? Völlig widersprüchlich. Naturschutz UND
Entwicklung. Bezahlbarer Wohnraum OHNE das Dorfgesicht zu
zerstören. Mehr Mittel für Kultur UND für Wirtschaft. Aber genau
diese Widersprüchlichkeit könnte ihr Erfolgsgeheimnis sein. Alle
16 können ihre eigene Interpretation hineinlesen.


Dann die CSU mit Bürgermeister Florian Hoffmann. Ihr Argument:
"Es läuft doch." Das ist die konservative Fiktion – der bewährte
Verwalter. Sie suggeriert: Politik ist Verwaltung, Regieren ist
Problemlösung, Macht ist Kompetenz. Eine zutiefst
entpolitisierende Erzählung, die Ideologie als Sachzwang tarnt.
Aber wer profitiert vom Status quo? Für wen hat sich was bewährt?


Die Grünen funktionieren nach dem Prinzip der Antizipation. Sie
identifizieren zukünftige Probleme, bevor die Krise akut wird.
Aber ihre Plakate verschwinden regelmäßig. Nicht durch Wind oder
Wetter – sie werden abgerissen, zerstört. Die der Linken auch.
CSU-Plakate bleiben unbeschädigt. Warum? Haben Menschen Angst vor
bestimmten Botschaften? Stört die Konfrontation mit
Klimawandel-Thematik?


Was lehrt uns das? Politische Ziele sind kollektive Fiktionen und
Machtinstrumente. Nie neutral, immer interessengeleitet. Sie
spiegeln tieferliegende Ängste wider. Die CSU fürchtet Chaos. Die
Grünen fürchten Umweltzerstörung. Die LFU fürchtet Parteipolitik
– und muss deshalb selbst wie eine Partei werden.


Der reifste Umgang damit? Ironische Distanz. Sie ernst nehmen,
ohne ihnen zu verfallen. Als nützliche Werkzeuge verstehen, nicht
als heilige Wahrheiten.


Und zum Schluss noch ein Link zu meinem Buch Hinter der
Schauseite. Viel Spaß beim Lesen!


Erwähnte Personen: Florian Hoffmann


Schreib mir: mail@robin-taylor.de


Mehr Infos: www.robin-taylor.de

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