OE3000 - Episode 6 - Was motiviert Menschen Organisationen beizutreten und in ihnen zu bleiben?
19 Minuten
Beschreibung
vor 1 Woche
Ich bin Robin, und in Episode 6 von OE3000 wird es persönlich.
Wer gehört eigentlich zu einer Organisation – und warum? Die
Antwort scheint klar: Man hat einen Vertrag und steht auf der
Mitgliederliste, oder eben nicht. Aber sobald wir genauer
hinschauen, wird aus dieser scheinbaren Eindeutigkeit ein
komplexes Geflecht aus Erwartungen, Motiven und Macht.
Organisationen stehen vor einem Paradox. Sie müssen Menschen
gewinnen, sie davon abhalten zu gehen – und sie gleichzeitig dazu
bringen, ihre Rolle tatsächlich zu erfüllen. Rekrutieren, binden,
motivieren. Drei Aufgaben, die nie endgültig gelöst sind. Denn
anders als Organisationen brauchen Menschen Organisationen nicht
zwingend. Es gibt immer Alternativen. Die eigentliche Frage
lautet also: Warum investieren Menschen trotzdem Zeit, Energie
und Loyalität?
Mitgliedschaft hat viele Gesichter. Da ist der Vereinsenthusiast,
der mehr Zeit im Club verbringt als zuhause. Die engagierten
Eltern, die faktisch unverzichtbar sind, ohne formale Mitglieder
zu sein. Die langjährige Angestellte, deren Identität mit der
Organisation verwoben ist – obwohl die Beziehung auf einem
kündbaren Vertrag basiert. Der Berater, technisch extern,
funktional intern. Die Freiwillige, die projektbasiert
unterstützt, aber keine Stimmrechte hat. Das Parteimitglied,
formal gleichberechtigt – praktisch oft passiv. Und schließlich
das Geistermitglied: offiziell dabei, real abwesend.
All diese Formen erzeugen unterschiedliche Beziehungen zur
Organisation. Unterschiedliche Rechte, unterschiedliche
Pflichten, unterschiedliche Grade der Bindung. Mitgliedschaft ist
kein Ja-oder-Nein-Zustand. Sie ist ein Spektrum.
Und genau darin liegt die Herausforderung. Wie koordiniert man
Menschen, die sich fundamental unterschiedlich zur Organisation
verhalten? Unterschiedliche Zeitbudgets, unterschiedliche
Motivationen, unterschiedliche Macht. Organisationen antworten
klassisch: mit Hierarchie. Jemand muss entscheiden, wenn
Interessen kollidieren. Jemand muss koordinieren, wenn Vielfalt
in Chaos kippt.
Hinzu kommt eine Spannung, die selten offen benannt wird: Formale
Gleichheit trifft auf praktische Ungleichheit. Auf dem Papier
haben alle die gleichen Rechte. In der Realität ist Einfluss
ungleich verteilt. Manche tragen mehr bei. Manche werden stärker
gehört. Manche konkurrieren um Projekte, Budgets, Anerkennung.
Wettbewerb ist kein Betriebsunfall – er ist Teil des
organisationalen Alltags.
Und trotzdem bleiben Menschen. Nicht nur wegen Geld. Sondern
wegen Sinn, Zugehörigkeit, Entwicklung. Wegen investierter Zeit,
die man nicht einfach aufgeben will. Weil Identität und
Organisation sich ineinander verschränken. Organisationen
funktionieren nicht wegen perfekter Strukturen – sondern weil für
genug Menschen die Gleichung aus Anreiz, Erwartung und
persönlicher Motivation aufgeht.
Mitgliedschaft ist damit kein administrativer Akt. Sie ist eine
Beziehung. Fragil, widersprüchlich, produktiv.
In der nächsten Episode geht es um Hierarchie. Wir haben sie hier
bereits gestreift – als Koordinationsmechanismus für heterogene
Mitgliedschaft. Aber wie funktioniert Hierarchie tatsächlich? Was
leistet sie, wo scheitert sie – und gibt es realistische
Alternativen?
Erwähnte Personen: Stefan Kühl
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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