Hexen in Deutschland – SG 316

Hexen in Deutschland – SG 316

13 Minuten

Beschreibung

vor 1 Woche

Letztens habe ich die Netflix-Serie Wednesday gesehen. Und in
einer Episode ging es um Hexen und um Hexerei. Ich habe mich dann
an mein Studium der Amerikanischen Kulturgeschichte erinnert. An
die Hexenprozesse von Salem, die Salem Witch Trials. Es ist ein
Kapitel der Geschichte, das man heute kaum glauben mag, oder?
Also habe ich mal nachgeschaut, wie das eigentlich in Deutschland
mit den Hexen war.


Wenn wir heute an Hexen denken, sehen wir oft Märchenfiguren mit
spitzen Hüten und Besen. Kinder verkleiden sich an Halloween oder
Fasching gerne als Hexen. Und bei Zauberern denken wir an Harry
Potter. Also alles positiv, oder? Doch in der Vergangenheit war
das Thema sehr ernst und oft sehr grausam. Besonders zwischen dem
15. und dem 18. Jahrhundert hatten viele Menschen in Deutschland
große Angst vor Hexen.


Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit glaubten viele Menschen
an Magie, Dämonen und den Teufel. Krankheiten, schlechte Ernten
oder Naturkatastrophen konnte man sich oft nicht erklären.
Deshalb suchte man nach Schuldigen. Hexen galten als Menschen,
die mit dem Teufel zusammenarbeiteten und anderen Schaden
zufügten. Dieser Glaube war in vielen Teilen Europas verbreitet,
aber im Gebiet des heutigen Deutschlands gab es besonders viele
Hexenverfolgungen.


Die Vorstellung davon, wer eine Hexe war, entstand nicht aus
echten Beweisen, sondern aus Angst, Glauben und Vorurteilen. Es
gab keine klare oder sichere Methode, um eine Hexe zu erkennen.
Trotzdem glaubten viele Menschen, dass man bestimmte Zeichen
sehen könne.


Oft begann alles mit einem Unglück. Wenn eine Kuh starb, ein Kind
krank wurde oder die Ernte schlecht war, suchte man einen
Schuldigen. Häufig fiel der Verdacht auf Menschen, die anders
waren oder am Rand der Gesellschaft lebten. Das konnten arme
Menschen sein, Bettlerinnen, alte Frauen oder Personen, die
Streit mit Nachbarn hatten. Auch wer als unfreundlich oder
schwierig galt, konnte schnell verdächtigt werden.


Ein weiteres wichtiges Element waren Gerüchte. Wenn jemand sagte:
„Diese Frau hat mich verflucht“, konnte das ausreichen, um eine
Untersuchung zu starten. Gerüchte verbreiteten sich schnell,
besonders in kleinen Dörfern. Angst und Misstrauen verstärkten
sich gegenseitig. Manchmal beschuldigten Menschen andere auch aus
Rache oder Neid.


Richter und Geistliche glaubten an bestimmte Zeichen von Hexerei.
Man suchte zum Beispiel nach dem sogenannten Hexenmal. Das sollte
eine Stelle auf der Haut sein, die angeblich vom Teufel stammte.
Muttermale, Narben oder Warzen galten als verdächtig. Man stach
mit Nadeln hinein. Wenn die Person keinen Schmerz zeigte oder
nicht blutete, galt das als Beweis, dass sie eine Hexe ist,
obwohl das medizinisch natürlich gar keinen Sinn hatte.


Auch das Verhalten spielte eine Rolle. Wer sich nicht richtig
verteidigen konnte, sehr ängstlich war oder sich aus Nervosität
widersprach, wurde schnell verdächtigt. Unter Folter gestanden
viele Menschen, eine Hexe zu sein. Sie nannten dann oft weitere
Namen, weil man ihnen versprach, die Schmerzen zu beenden. So
entstanden lange Ketten von neuen Anschuldigungen.


Träume, Visionen oder Aussagen von Kindern wurden ebenfalls ernst
genommen. Kinder sagten manchmal, sie hätten gesehen, wie jemand
nachts flog oder sich in ein Tier verwandelte. Solche Aussagen
galten damals als glaubwürdig. Heute wissen wir, dass Kinder
leicht beeinflusst werden können und eine lebendige Fantasie
haben.


Zusammengefasst kann man sagen: Man kam nicht durch Wissen oder
Beweise darauf, wer eine Hexe war. Es waren Zufall, Angst,
soziale Konflikte und falsche Vorstellungen. Fast jeder konnte
beschuldigt werden, wenn die Umstände schlecht waren. Und so kam
es dann zu den sogenannten Hexenprozessen.


Die meisten Hexenprozesse fanden zwischen etwa 1550 und 1650
statt. Historiker schätzen, dass in Europa rund 40.000 bis 60.000
Menschen wegen Hexerei hingerichtet wurden. Ein großer Teil davon
lebte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, also in
Gebieten des heutigen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.
Deutschland war damals kein einheitlicher Staat, sondern bestand
aus vielen kleinen Fürstentümern, Städten und kirchlichen
Gebieten. Jedes Gebiet hatte eigene Gesetze und Gerichte. Das
machte Hexenprozesse leichter, weil es keine zentrale Kontrolle
gab.


Die Angeklagten waren meistens Frauen. Etwa drei Viertel der
Opfer waren weiblich. Oft waren es ältere Frauen, arme Frauen
oder Frauen, die allein lebten. Aber auch Männer und sogar Kinder
wurden beschuldigt. Die Vorwürfe reichten von Schadenzauber über
das Vergiften von Brunnen bis hin zu Treffen mit dem Teufel.
Viele Geständnisse kamen durch Folter zustande. Die Menschen
sagten dann alles, was die Richter hören wollten, nur um die
Schmerzen zu beenden.


Eine wichtige Rolle spielte das Buch „Der Hexenhammer“, auf
Latein „Malleus Maleficarum“. Es erschien 1487 und wurde von zwei
Dominikanermönchen geschrieben. Das Buch erklärte, wie man Hexen
erkennt, verhört und bestraft. Es war kein Gesetz, hatte aber
großen Einfluss auf Richter und Geistliche. Besonders betont
wurde darin, dass Frauen angeblich leichter vom Teufel verführt
werden. Diese Idee verstärkte die Verfolgung von Frauen.


Bekannte Orte der Hexenverfolgung in Deutschland sind zum
Beispiel Bamberg und Würzburg. In Bamberg wurden zwischen 1626
und 1631 etwa 1.000 Menschen hingerichtet. Dort ließ der
Fürstbischof sogar ein eigenes Gefängnis für angebliche Hexen
bauen. Auch in Würzburg starben mehrere Hundert Menschen. Unter
den Opfern waren angesehene Bürger, Geistliche und Kinder. Das
zeigt, dass niemand wirklich sicher war, wenn die Verfolgung
einmal begonnen hatte.


Mit der Zeit wuchs jedoch auch Kritik an den Hexenprozessen.
Einige Gelehrte und Juristen zweifelten an den Beweisen und an
der Anwendung von Folter. Einer der bekanntesten Kritiker war der
Jesuit Friedrich Spee. Er hatte als Beichtvater mit Angeklagten
zu tun und erkannte, wie ungerecht die Verfahren waren. 1631
veröffentlichte er ein Buch, in dem er die Hexenprozesse scharf
kritisierte. Seine Argumente trugen dazu bei, dass die
Verfolgungen langsam weniger wurden.


Im 18. Jahrhundert endeten die Hexenprozesse in Deutschland. Die
letzte bekannte Hinrichtung wegen Hexerei fand 1775 in Kempten im
Allgäu statt. Die Aufklärung spielte dabei eine wichtige Rolle.
Die Menschen begannen, mehr an Wissenschaft und Vernunft zu
glauben. Gerichte verlangten bessere Beweise, und Folter wurde
nach und nach verboten.


Heute erinnern Museen, Gedenktafeln und Ausstellungen an die
Opfer der Hexenverfolgung. In vielen Städten wird über diese
Geschichte offen gesprochen. Ich habe natürlich gleich
nachgesehen, wie es in München ist. Auch hier gab es eine
regelrechte Hexenjagd. Allein in München wurden an der Stelle des
heutigen Busbahnhofs an der Hackerbrücke an die 200 Frauen und
Mädchen bei lebendigem Leibe verbrannt. Alles im Namen Gottes.


Text der Episode als PDF:
https://slowgerman.com/folgen/sg316kurz.pdf

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