Journalismus ist keine vierte Gewalt mit Michael Fleischhacker
Addendum, Geduld im Journalismus und wie wir Lügen gerne glauben
40 Minuten
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Beschreibung
vor 6 Jahren
Der Chefredakteur und Herausgeber von Addendum im Gespräch mit
Philipp Weritz über die Anfänge, Erfolge und Hürden der Plattform,
was er heute anders machen würde und warum Geduld ein Luxus im
Journalismus geworden ist. Außerdem spricht er über die Rolle des
Journalismus in der Demokratie und erklärt, welche Lügen wir gerne
glauben. Hier lesen Sie drei Stichpunkte aus dem Gespräch: „Wir
glauben Lügen gerne, wenn sie Geschichten erzählen, die wir hören
wollen“. Der Gedanke hinter Addendum Unter dem Motto „Das, was
fehlt“ startetet die Rechercheplattform vor knapp 2 Jahren. Im
Gespräch mit Dietrich Mateschitz nennt Fleischhacker die Debatte um
die „Lügenpresse“ und den Vertrauensverlust vieler Medien als den
Beginn. „Was fehlte, war das Vertrauen“. Abgesehen von
Verschwörungstheoretikern, die glauben, dass sich ganze
Medienhäuser absprechen, traf die Debatte einen wunden Punkt:
Informationen in der Berichterstattung, etwa zur Flüchtlingskrise,
wurden oft ausgelassen oder verzerrt. Das hat einerseits
ökonomische Gründe, denn Recherche kostet Zeit und Geld. Güter, die
knapp geworden sind für Journalisten. Andererseits fehlt ihm das
Denken über den eigenen Horizont. „Wenn eine Information in mein
Weltbild passt, dann höre ich auf zu recherchieren. Nicht weil ich
ein böser Mensch oder Spindoktor bin, sondern weil ich froh bin,
mit den wenigen Ressourcen eine plausible Geschichte geschafft zu
haben“. In der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise 2015
spricht er von einem dritten Aspekt, einem „erzieherischen
Journalismus“. Nichts erfinden, aber bewusst betonen und weglassen:
„Viele Journalisten zeigen die Welt oft so, wie sie gerne hätten,
und nicht so wie sie ist. Das hat verständlicherweise für einen
Vertrauensverlust gesorgt“. Was tatsächlich fehlt Keinen
vorgegebenen Rhythmus zu haben, wie bei Addendum, bezeichnet er als
einen unglaublichen Luxus. „Hintergrundgeschichten und Recherchen
sind fertig, wenn wir sie gut finden, und nicht, wenn
Redaktionsschluss ist. Das ist auch einer der Gründe, warum wir
Addendum aufgebaut haben, weil viele Medien diese Ressourcen nicht
mehr haben“. Fristen und Deadlines haben auch ihr Gutes, denn
„Publizieren, wann es fertig ist“ ist eine große Versuchung, nie
fertig zu werden. Fleischhacker hält es mit Karl Kraus, der sagte,
wenn der Journalist Zeit hat, dann schreibt er schlecht. Aber eine
Geschichte nicht veröffentlichen zu müssen, wenn sie noch nicht
fertig ist, hängt auch mit dem Onlineauftritt zusammen. „Kein
Vergleich zu einer Tageszeitung, wie Der Presse: Die Erwartungen
der Redakteure, der Leserschaft oder der Eigentümer“. Neben Zeit
als Ressource, fehlt noch etwas in der hiesigen Medienlandschaft.
Eine andere Betrachtungsweise – ist das, was als common sense gilt,
wirklich so? „Feindbild“ Hausverstand und die vierte Gewalt Michael
Fleischhacker ist, salopp gesagt, nicht der größte Fan des „common
sense“. Er zitiert Lichtenberg: „Wenn alle das Gleiche denken,
denkt niemand richtig“. Das ist nicht nur seine persönliche
Einstellung, sondern auch wie er sein Handwerk als Journalist
anlegt. Für Addendum bedeutet das folgendes: „Falls es ein Thema
gibt, über das alle gleich berichten, stellen wir eine Hypothese
auf. Was könnte fehlen? In diesem frühen Stadium spielt die Meinung
natürlich noch eine Rolle“. Die Hypothese wird überprüft mit
Recherchen. „Ist es so wie alle sagen? Wenn ja, dann lassen wir es
so, weil wir glauben, der Konsens besteht zurecht. Es gibt oft
einen vernünftigen Mainstream, wo es idiotisch wäre zu hinterfragen
um des Hinterfragens Willen. Zeigen die Recherche ein anderes Bild,
wird diese publiziert. Die Rolle des Journalismus sieht er auch
nicht als vierte Gewalt, die Exekutive, Judikative und Legislative
überwachen soll. „Ich glaube, dass das Funktionieren von Demokratie
gewisse Dienstleistungen braucht. Information ist eine davon, aber
dafür gibt es einen Markt. Solang es eine gewisse Vielfalt und
Dichte an Informationen gibt, können die Teilnehmer der
Philipp Weritz über die Anfänge, Erfolge und Hürden der Plattform,
was er heute anders machen würde und warum Geduld ein Luxus im
Journalismus geworden ist. Außerdem spricht er über die Rolle des
Journalismus in der Demokratie und erklärt, welche Lügen wir gerne
glauben. Hier lesen Sie drei Stichpunkte aus dem Gespräch: „Wir
glauben Lügen gerne, wenn sie Geschichten erzählen, die wir hören
wollen“. Der Gedanke hinter Addendum Unter dem Motto „Das, was
fehlt“ startetet die Rechercheplattform vor knapp 2 Jahren. Im
Gespräch mit Dietrich Mateschitz nennt Fleischhacker die Debatte um
die „Lügenpresse“ und den Vertrauensverlust vieler Medien als den
Beginn. „Was fehlte, war das Vertrauen“. Abgesehen von
Verschwörungstheoretikern, die glauben, dass sich ganze
Medienhäuser absprechen, traf die Debatte einen wunden Punkt:
Informationen in der Berichterstattung, etwa zur Flüchtlingskrise,
wurden oft ausgelassen oder verzerrt. Das hat einerseits
ökonomische Gründe, denn Recherche kostet Zeit und Geld. Güter, die
knapp geworden sind für Journalisten. Andererseits fehlt ihm das
Denken über den eigenen Horizont. „Wenn eine Information in mein
Weltbild passt, dann höre ich auf zu recherchieren. Nicht weil ich
ein böser Mensch oder Spindoktor bin, sondern weil ich froh bin,
mit den wenigen Ressourcen eine plausible Geschichte geschafft zu
haben“. In der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise 2015
spricht er von einem dritten Aspekt, einem „erzieherischen
Journalismus“. Nichts erfinden, aber bewusst betonen und weglassen:
„Viele Journalisten zeigen die Welt oft so, wie sie gerne hätten,
und nicht so wie sie ist. Das hat verständlicherweise für einen
Vertrauensverlust gesorgt“. Was tatsächlich fehlt Keinen
vorgegebenen Rhythmus zu haben, wie bei Addendum, bezeichnet er als
einen unglaublichen Luxus. „Hintergrundgeschichten und Recherchen
sind fertig, wenn wir sie gut finden, und nicht, wenn
Redaktionsschluss ist. Das ist auch einer der Gründe, warum wir
Addendum aufgebaut haben, weil viele Medien diese Ressourcen nicht
mehr haben“. Fristen und Deadlines haben auch ihr Gutes, denn
„Publizieren, wann es fertig ist“ ist eine große Versuchung, nie
fertig zu werden. Fleischhacker hält es mit Karl Kraus, der sagte,
wenn der Journalist Zeit hat, dann schreibt er schlecht. Aber eine
Geschichte nicht veröffentlichen zu müssen, wenn sie noch nicht
fertig ist, hängt auch mit dem Onlineauftritt zusammen. „Kein
Vergleich zu einer Tageszeitung, wie Der Presse: Die Erwartungen
der Redakteure, der Leserschaft oder der Eigentümer“. Neben Zeit
als Ressource, fehlt noch etwas in der hiesigen Medienlandschaft.
Eine andere Betrachtungsweise – ist das, was als common sense gilt,
wirklich so? „Feindbild“ Hausverstand und die vierte Gewalt Michael
Fleischhacker ist, salopp gesagt, nicht der größte Fan des „common
sense“. Er zitiert Lichtenberg: „Wenn alle das Gleiche denken,
denkt niemand richtig“. Das ist nicht nur seine persönliche
Einstellung, sondern auch wie er sein Handwerk als Journalist
anlegt. Für Addendum bedeutet das folgendes: „Falls es ein Thema
gibt, über das alle gleich berichten, stellen wir eine Hypothese
auf. Was könnte fehlen? In diesem frühen Stadium spielt die Meinung
natürlich noch eine Rolle“. Die Hypothese wird überprüft mit
Recherchen. „Ist es so wie alle sagen? Wenn ja, dann lassen wir es
so, weil wir glauben, der Konsens besteht zurecht. Es gibt oft
einen vernünftigen Mainstream, wo es idiotisch wäre zu hinterfragen
um des Hinterfragens Willen. Zeigen die Recherche ein anderes Bild,
wird diese publiziert. Die Rolle des Journalismus sieht er auch
nicht als vierte Gewalt, die Exekutive, Judikative und Legislative
überwachen soll. „Ich glaube, dass das Funktionieren von Demokratie
gewisse Dienstleistungen braucht. Information ist eine davon, aber
dafür gibt es einen Markt. Solang es eine gewisse Vielfalt und
Dichte an Informationen gibt, können die Teilnehmer der
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