US-Imperialismus – Wer ist der nächste? | Von Uwe Froschauer

US-Imperialismus – Wer ist der nächste? | Von Uwe Froschauer

18 Minuten

Beschreibung

vor 1 Monat

Ein Standpunkt von Uwe Froschauer.


Während der Krieg in der Ukraine bereits die Grundfesten der
internationalen Nachkriegsordnung erschüttert, mehren sich
weltweit die Anzeichen für eine Rückkehr klassischer
Machtpolitik. Die Ordnung, die nach 1945 auf Prinzipien wie
staatlicher Souveränität, territorialer Unverletzlichkeit und
multilateraler Konfliktlösung beruhte, gerät zunehmend unter
Druck. In dieses Klima geopolitischer Instabilität stößt die
US-Regierung unter Präsident Donald Trump mit einer Politik, die
weniger auf Regeln als auf Durchsetzung setzt – militärisch,
ökonomisch und rhetorisch.


Die jüngsten Ereignisse in Venezuela, der eskalierende Streit um
Grönland und Trumps aggressive Zollpolitik gegenüber europäischen
Staaten zeichnen das Bild eines neuen amerikanischen
Imperialismus: nicht mehr in Form klassischer Kolonialverwaltung,
sondern als Kombination aus wirtschaftlichem Zwang, militärischer
Präsenz und strategischer Einflussnahme.


Venezuela: Öl als geopolitische Beute


Anfang Januar 2026 führten die USA militärische Operationen in
Venezuela durch. Präsident Nicolás Maduro wurde festgesetzt und
außer Landes gebracht. Offiziell sprach Washington von einer
„Übergangsphase zur Stabilisierung des Landes“. Trump selbst
erklärte, die USA würden Venezuela „so lange führen, bis Ordnung
und Vernunft hergestellt seien“.


Venezuela besitzt nach Angaben der OPEC mit rund 303 Milliarden
Barrel die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Öl
macht über 90 % der venezolanischen Exporterlöse aus. Die
politische Kontrolle über Caracas bedeutet damit direkten Zugriff
auf einen der strategisch wichtigsten Energiestandorte des
Planeten.


Historisch erinnert dieses Vorgehen an die Logik kolonialer
Rohstoffpolitik: Auch europäische Imperien des 19. Jahrhunderts
rechtfertigten ihre Interventionen in Afrika und Asien mit dem
Versprechen von Ordnung, Fortschritt und Stabilität, während sie
faktisch Handelswege, Arbeitskräfte und Ressourcen unter ihre
Kontrolle brachten. Besonders das britische Empire
perfektionierte diese Form indirekter Herrschaft. London regierte
weite Teile seines Weltreiches nicht primär durch formale
Annexion, sondern durch wirtschaftliche Abhängigkeiten,
militärische Präsenz und lokale Eliten, die britische Interessen
absicherten.


In Indien etwa zerstörte die britische Kolonialverwaltung gezielt
die einheimische Textilproduktion, um den Absatz britischer
Industriewaren zu sichern. Millionen Menschen wurden in ein
System eingebunden, das Rohstoffe lieferte und Fertigwaren
importierte. In Afrika sicherte sich Großbritannien strategische
Routen – vom Suezkanal bis zum Kap der Guten Hoffnung – weniger
aus kulturellem Sendungsbewusstsein als aus nüchterner
Kalkulation: Kontrolle über Transportwege bedeutete Kontrolle
über Märkte. Koloniale Gewalt wurde dabei regelmäßig als
notwendige Maßnahme zur „Befriedung“ verkauft.


Der britische Ökonom John Hobson beschrieb Imperialismus bereits
1902 als
„die Suche nach neuen Absatzmärkten und Rohstoffquellen unter
militärischem Schutz“.

Diese Diagnose zielte direkt auf das britische Weltreich: auf
einen Staat, der politische Expansion betrieb, um wirtschaftliche
Überproduktion zu kanalisieren und Investitionen abzusichern. Was
damals Flaggen, Handelskompanien und Kolonialverwaltungen
leisteten, übernehmen heute Sanktionen, Militärbasen und
internationale Abkommen. Die Form hat sich verändert – die Logik
nicht.


So wie das Empire einst unter dem Banner von Zivilisation und
Ordnung Rohstoffräume erschloss, legitimieren moderne Großmächte
ihre Eingriffe mit Sicherheitsargumenten und
Stabilitätsversprechen. Der Zugriff auf Öl, seltene Erden oder
strategische Territorien folgt dabei einem bekannten Muster: Wer
die Ressourcen kontrolliert, kontrolliert den Handlungsspielraum
der anderen. Der britische Imperialismus war das historische
Lehrstück dieser Strategie – der heutige Imperialismus ist ihre
aktualisierte Version.


...


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