Regierte Seelen | Von Roland Rottenfußer

Regierte Seelen | Von Roland Rottenfußer

32 Minuten

Beschreibung

vor 8 Monaten

Politische Ereignisse lassen uns auch als Menschen nicht
unberührt — wie wir uns fühlen, hängt oft davon ab, was die Macht
mit uns macht.


Ein Standpunkt von Roland Rottenfußer.


Politische Aktivitäten sind gut — aber wie geht es den Aktivisten
dabei? Starren sie, von schlechten Nachrichten gejagt, nur noch
verhärmt auf das Elend der Welt, sodass am Ende die Welt nicht
besser, der Seelenzustand der Engagierten aber viel schlechter
geworden ist? Politik — darunter verstehen wir meistens die
äußeren Strukturen einer Gesellschaft: Regierung, Verwaltung,
Gesetze, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, meist auch die
vorhandene oder fehlende Integrität von Spitzenpolitikern. Die
Seele steht dabei scheinbar „auf einem anderen Blatt“, wird den
Psychologen überlassen, manchmal auch den Priestern. Sehr viele
politisch interessierte und aktive Menschen reiben sich im „Kampf
gegen …“ völlig auf, werden dabei verbittert und unzufrieden. Sie
verschließen diese Gefühle aber tief in sich und bleiben allein
damit, denn „die tun nichts zur Sache“. Auch wir kritischen
Journalisten fallen wegen der scheinbaren Aussichtslosigkeit des
Kampfes nicht selten in ein seelisches Loch, in welches wir
unsere Leserinnen und Leser dann mit hineinziehen. Nicht wenige
fühlen sich von politischen Nachrichten gequält und können doch,
einem unwiderstehlichen Drang folgend, nicht von ihnen lassen. Im
Grunde zeugt es aber von einer gesunden Veranlagung, mit einer
kranken Welt nicht gut zurechtzukommen. Mit diesem Artikel
startet Manova den Themenschwerpunkt „Politik und Psyche“, der
versucht, die seelische Innenseite äußerer Weltereignisse zu
beleuchten.
„Was, wenn wir eine Gesellschaft nicht mehr ertragen? Was, wenn
uns nichts mehr hält in dem, was wir einst ‚Zuhause‘ nannten?“

So fragte der damals schon schwer an Krebs erkrankte Philosoph
und Video-Blogger Gunnar Kaiser, gestorben im Oktober 2023.
Und er begründete auch gut, warum er diese Gesellschaft nicht
mehr ertragen konnte:
„Weil ein repressives Klima um sich greift, von dem klar ist,
dass es nicht verschwinden wird. Selbst wenn jetzt umfassende
Lockerungen kämen, wird es nicht verschwinden. Weil es eben ein
Teil unserer Realität, unseres Alltags bereits geworden ist. Was,
wenn viele, die derzeit diese Maßnahmen befürworten, die wir einst
unsere Freunde nannten, dabei mitmachen, uns ausgrenzen und
diffamieren, wenn sie uns nicht mehr verstehen? Genauso wenig wie
wir sie.“

Gegen Ende seines Lebens lenkte Kaiser, der sonst meistens streng
„bei der Sache“ geblieben war, die Aufmerksamkeit seiner
Zuschauer verstärkt auf seine eigene Befindlichkeit. Plötzlich
ging es in seinen Videos darum, wie sehr ihn die brutalen
Angriffe der Staatsmacht auf unsere Freiheit, das Schweigen der
Intellektuellen angesichts des Unrechts und auch die vielen
Anfeindungen, denen er ausgesetzt war, „angefasst“ hatten. Er
sprach über seine Sinnkrise, über die Seele des Aktivisten und
sogar darüber, wie weit diese Seele auf Unsterblichkeit hoffen
durfte. Diesen inhaltlichen Schwenk ihres Helden nahmen ihm viele
Stammzuschauer damals übel. Ich meine aber: Die Verlagerung des
Fokus auf das menschliche Innenleben war aufrichtig, sie war
mutig und sie war auch relevant. Wir sind ohnehin Menschen —
versuchen wir diese Tatsache zu verschleiern, riskieren wir,
unehrlich zu werden.


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