Hochschulreform heute: Von wegen "Wissensgesellschaft"!

Hochschulreform heute: Von wegen "Wissensgesellschaft"!

2 Stunden 13 Minuten

Beschreibung

vor 20 Jahren

Deutschland versteht sich, wie ähnliche Staaten, heute als
"Wissensgesellschaft". Die Nation erklärt die Erkenntnis der Welt
zu einem ihrer wichtigsten Lebensmittel: Wir brauchen immer mehr
Wissen, mehr Forschung, mehr Studenten und akademisch gebildete
Berufstätige. Warum "wir" das alles brauchen, ist kein Geheimnis
und eine erste Klarstellung über die Wissensgesellschaft: Bessere
Wissenschaft brauchen "wir", um die kapitalistische
Standort-Konkurrenz der Nationen zu bestehen und möglichst zu
gewinnen. Die Erkenntnis von Natur und Gesellschaft wird nicht
als Mittel der Leute vorangetrieben; es geht weder darum, dass
sie sich in ihrer Welt auskennen, noch darum, dass sie die
gesellschaftlichen Verhältnisse praktisch beherrschen; es geht
noch nicht einmal darum, dass man ihnen neue Gebrauchswerte und
Hilfsmittel zur Erleichterung ihres Alltags anbieten können will.
Der Staat lässt ausschließlich forschen und lehren, um die
Konkurrenzfähigkeit der nationalen Wirtschaft gegenüber dem
Ausland zu steigern, und das heißt eben: die Fähigkeit,
gleichgelagerte Anstrengungen anderer kapitalistischer Nationen
zu entwerten und zum Scheitern zu bringen.
2. Und weil das Wissen nur für die Konkurrenzfähigkeit der Nation
da zu sein hat, ist es auch kein Widerspruch, wenn es einerseits
heißt, dass an den Hochschulen hierzulande mehr davon produziert
und "Exzellenz" und "Spitzenwissen" gefördert werden muss,
andererseits weniger davon auch reicht: Studenten sind für die
Wissensgesellschaft bestens qualifiziert, wenn sie in den neuen
Studiengängen weniger lernen, schneller studieren und obendrein
den Staat weniger kosten. Der Vergleich mit Konkurrenznationen,
die man für erfolgreicher hält, gibt den Leitfaden ab, was an den
deutschen Hochschulen zu reformieren ist - und der fordert ganz
etwas anderes als mehr forschen, mehr lernen, mehr wissen.
"Effiziente" Hochschulen sind solche, die nach den Maßstäben
betriebswirtschaftlicher Vernunft und internationaler
Hochschulpraxis durchrationalisiert sind, mit einem freien
Wettbewerb um Finanzmittel, Forschungs- und Lehrpersonal, mit
einer Leistungsentlohnung für Professoren und Studiengebühren für
Studierende, mit einer Sortierung in Elite- und
Massenuniversitäten, und nicht zuletzt mit den auf dem globalen
Bildungsmarkt einzig anerkannten angloamerikanischen
Studienabschlüssen Bachelor und Master.
3. Der Vortrag behandelt die aktuelle Hochschulreform, was die
Reformer bewegt und was sie an Forschung und Lehre tatsächlich
verändern. Und wirft ein Licht auf die schäbige Rolle, die das
Wissen im Kapitalismus spielt...


Weitere Publikationen zum Thema von argudiss oder von anderen:


Artikel "Hochschulreform heute - Das Projekt, Wissenschaft und
Ausbildung als Waffe in der Standortkonkurrenz zu effektivieren"
in GegenStandpunkt 4-05


Artikel "Mit verschärfter Konkurrenz dem Denken Beine machen:
Kürzungen der Uni-Haushalte, Studiengebühren, Elite-Universitäten
- So bewirtschaftet der Staat die Ressource Bildung" in
GegenStandpunkt 1-04

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