Naturwissenschaftler klären auf über "Geist & Gehirn", "Bewusstes & Unbewusstes", "Willensfreiheit & Determinismus": Machen die Ergebnisse der modernen Hirnforschung aus der Psychologie des Seelenapparates eine materialistische Wissenschaft?

Naturwissenschaftler klären auf über "Geist & Gehirn", "Bewusstes & Unbewusstes", "Willensfreiheit & Determinismus": Machen die Ergebnisse der modernen Hirnforschung aus der Psychologie des Seelenapparates eine materialistische Wissenschaft?

1 Stunde 53 Minuten

Beschreibung

vor 19 Jahren

Machen die Ergebnisse der modernen Hirnforschung aus der
Psychologie des Seelenapparates eine materialistische
Wissenschaft?


Zu einer kleinen Erschütterung des abendländischen Wertehimmels
und Menschenbildes haben es eine Handvoll Neuro-Biologen,
Mediziner, Physiologen usw. hierzulande jedenfalls gebracht. Bei
ihrer Erforschung der „materiellen Grundlagen unseres
Bewusstseins“ haben sie einfach keine der höheren Wesenheiten
entdecken können, die nach verbreiteter Auffassung die Gattung
Mensch zur Krone der Schöpfung machen. Von der lausigsten
Reaktion der Sinne auf einen Reiz bis hinauf zu den höchsten
Formen der Verstandestätigkeit: Alles nur „neuronales Geschehen“,
„naturwissenschaftlich zu erklärende Hirnprozesse“ - und weit und
breit keine immaterielle Seele, Ich-Instanz oder sonst eine
metaphysische Wesenheit in Sicht, die das Geistige besorgen und
den Willen leiten würde, dessen Freiheit der Mensch sich rühmt!
Aber rechtfertigt die Entdeckung, dass im Gehirn die Gesetze von
Physik und Chemie regieren, deswegen auch gleich eine
weitergehende „Deutung“? Die z. B., dass dann das Gehirn wohl die
materielle Wesenheit sein muss, die als eigenmächtige Instanz
alles„determiniert“, was man an Geistigem – Gefühl, Bewusstsein,
Wille...- von sich und anderen so kennt? Dieser „These“ nach
wären „Willensfreiheit“, „Selbstbewusstsein“ usw. purer Schein,
lösten sich vielmehr in einem vom Gehirn funktionell arrangierten
Zusammenspiel von „Evolution“, „Genen“ und ein bisschen „Lernen“
auf – nur: Wer mag diese‚ These’ dann gedacht haben? Und wenn sie
stimmt: Was hängt davon ab?


Ein „neues Menschenbild“ mag darüber schon zustande kommen, wenn
„die Freiheit“, die Errungenschaft aller Zivilisiertheit, zur
Chimäre wird. Aber ob man sich dem deswegen auch gleich
anschließen soll? Geht denn die Vorstellung von einem Mechanismus
zur „Steuerung menschlichen Verhaltens“ im Wege von Reiz &
Reaktion deswegen in Ordnung, weil nunmehr Naturwissenschaftler
das Gehirn und sein Funktionieren zum Statthalter dieser Funktion
befördern? Macht die uralte psychologische Frage nach den im
menschlichen Seelenapparat verborgen liegenden Mächten und
Kräften mehr Sinn, wenn die modernste wissenschaftliche Antwort
auf sie lautet: „Verschaltungen legen uns fest“? Freilich: Eine
Empfehlung, dann doch lieber den „traditionellen Vorstellungen
von der menschlichen Willensfreiheit“ den Vorzug zu geben, folgt
daraus nicht. Denn was deren Befürworter an Einwänden gegen das
Konstrukt der „biologischen Determiniertheit des Menschen“ ins
Feld führen,. taugt auch nicht besonders. Zu einem „Plädoyer für
die Freiheit“, für „die Größe und Einzigartigkeit des Menschen“
ergreifen diese Menschenfreunde das Wort, weil sie nichts über
die verbindlichen Instanzen der „Orientierung“ beim Verhalten
kommen lassen wollen, die ihnen schmecken. Sie bringen den
Glauben an Gott oder den ans ‚Es’ und ‚Über-Ich’, das Recht, die
Moral, die Sittlichkeit und überhaupt alles, was ihnen heilig
ist, zur Sprache - und finden überhaupt nichts dabei, lauter
Formen von freiwilliger Selbstbeschränkung als die untrüglichen
Gütemerkmale jener Gattung heranzuziehen, die sich mit
„Willensfreiheit“ vor Schnecken und Schimpansen auszeichnet!


Auf einen Disput zwischen Vertretern einer
„empirisch-materialistischen Wissenschaft“ auf der einen,
Psychoanalytikern und ‚Kantianern’, Moralphilosophen und
sonstigen Hermeneutikern auf der anderen Seite bleibt diese
moderne Auflage des ‚Leib-Seele-Problems’ nicht beschränkt. Über
Feuilletons und ‚Spiegel’ schließt auch das breitere
intellektuelle Publikum Bekanntschaft mit den „provozierenden
Thesen eines neuen naturwissenschaftlichen Menschenbildes.“
Selbstverständlich nicht, um sich näher mit dem Rätsel einer
Naturwissenschaft zu befassen, die für die Stiftung eines
Menschenbildes gut ist. Sondern um letzteres – irgendwie -
„interessant“ zu finden: Mitten in einer Welt, in der höchst
reale und sattsam bekannte Mächte dem Willen Grenzen ziehen, wird
munter darüber spekuliert, ob etwas und was genau dran sein
möchte an der Vorstellung einer unbekannten Macht im
Oberstübchen, die uns vortäuscht, wir wären Herr über uns selbst
und hätten alles im Griff. Fragt sich schon, wer da wem was
vortäuscht.

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