Schon wieder eine große Gesundheitsreform - Das Gesundheitswesen im Kapitalismus: unentbehrlich, eine Wachstumsbranche, immer zu teuer
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Beschreibung
vor 18 Jahren
Der deutsche Staat, ein Weltwirtschaftszentrum, rühmt sich für
sein Gesundheitswesen. Er lässt sein Volk von der Zeugung bis zur
Beerdigung medizinisch betreuen. Das zeigt seine Interessiertheit
an leistungsfähigen Menschen. Und die Menschen selbst sind nicht
nur ungern krank und lieber gesund - was auch sonst? -, sie
kennen einen unentbehrlichen Bedarf an medizinischer Betreuung:
Man muss leistungsfähig sein in der kapitalistischen Konkurrenz
um Stellen und Verdienst, Krankheiten stellen sich auch mit
Impfung, gesundheitlicher Betreuung und gesundheitsbewusster
Lebensführung ein - und diese Unterbrechung der
Leistungsfähigkeit kann man sich nicht leisten. Deswegen sind die
Leute außerordentlich dankbar für die beruflichen Leistungen des
Gesundheitswesens - und selten nachdenklich über die
gesellschaftlichen Lebensverhältnisse, in denen Krankheiten nicht
nur im medizinischen Sinn Existenz bedrohend sind und sich so
regelmäßig einstellen.
Wie alles in der Marktwirtschaft müssen medizinische Leistungen
bezahlt werden. Und in dieser famosen Wirtschaft verdient die
Masse der Menschen so wenig, dass sie sich eine
Privatversicherung für die medizinischen Rechnungen nicht leisten
können. Davon geht jedenfalls der Staat aus, der für
Normalverdiener und ihren Anhang eine Pflichtkasse organisiert.
Damit durch „Umlage“ doch bezahlt werden kann, was sich
Normalverdiener in dieser Wirtschaft nicht recht leisten können,
aber so unbedingt brauchen: Medizinische Versorgung ihrer
Leistungsfähigkeit.
Die Betreuung der Volksgesundheit bringt nicht nur den Ärzten
ihre besseren Verdienste ein. An den Krankenkassen sind Apparate-
und Pharmakapitale so reich geworden, dass sie vom Staat als
nationale „Wachstumsbranche“ und als „Global Player“ geschätzt
werden. Dennoch stellt sich bei den Führern von Politik und
Wirtschaft keine Zufriedenheit ein. Warum nur?
Die Gesundheitsreform gibt eine Antwort: Das Gesundheitswesen ist
– „zu teuer“. Die Pflege der körperlichen Voraussetzungen der
Einwohner soll sich „eine der reichsten Gesellschaften der Welt“
nicht leisten können? Zu teuer ist die medizinische Versorgung
gemessen an den Einkommen, die die Krankenkassen zu speisen
haben. Zum einen senken die Unternehmen Lohneinkommen und
Beschäftigtenzahlen, zum anderen wollen die Unternehmer und der
Staat in der internationalen Konkurrenz niedrigere
Lohn(neben)kosten, also keine steigenden Krankenkassenbeiträge.
Zu teuer ist die Versorgung der Leistungsfähigkeit der Leute für
das kapitalistische Geschäft, das systematisch auf eben diese
Lebenskraft der Leute zugreift.
Auch nach der Reform soll es eine Volksgesundheit und natürlich
die Wachstumsbranche Gesundheitswesen weiter geben. Der Staat
besorgt dafür das Geld zunehmend auf eine Weise, die nicht die
Kosten für die Unternehmen treibt: Die Patienten müssen aus ihrem
Nettolohn selbst oder zuzahlen; die „Trennung der Gesundheits-
von der Arbeitskosten“ ist dem Staat so wichtig, dass er sogar
von seinen Steuern etwas in den neuen Gesundheitsfonds zuschießt.
Die Reformen gehen aber auch auf die Leistungen des
Gesundheitswesenlos und zwar nach der Prämisse, das es
„Wirtschaftlichkeitsreserven“ geben, sprich: billiger gehen muss.
Zwischen Kassen und Gesundheitsgeschäft regiert der Staat dafür
„mehr Wettbewerb“ herbei, den jeder hierzulande als Patentrezept
der Marktwirtschaft schätzen muss. Und sicher kommt so, sogar
unter Beteiligung der Kassen-Patienten - ein Experiment zustande:
Die Kassen drücken auf die Abrechnungssätze und Preise, die
Gesundheitsgeschäftsleute erbringen die Leistungen, die sich dann
(noch) lohnen, die Patienten dürfen nach Sparmöglichkeiten an
ihrer eigenen gesundheitlichen Betreuung suchen und sich über
geringere Zuzahlungen oder Prämien freuen…Irgendwann sieht man
dann – an den Leuten, was das neue Niveau der noch gesetzlich
gesicherten Gesundheitsversorgung ist, was man sich an bitteren
Pillen und Prothesen noch leisten leisten kann und was nicht. Das
ist dann die Vernunft des Wettbewerbs.
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