Terror und neuer Krieg gegen den Terror

Terror und neuer Krieg gegen den Terror

1 Stunde 41 Minuten

Beschreibung

vor 10 Jahren

Die Anschläge vom November mit 130 Toten machen den „Islamischen
Staat“ endgültig zum Feind von „uns allen“ – den Franzosen, den
Europäern, ja der zivilisierten Menschheit, zu einem Feind, der
seine Vernichtung nicht nur verdient, sondern zum allgemeinen
Bedürfnis macht. Der antiwestliche Terror der Dschihaddisten
schließt oben und unten, Staatsmacht und regiertes Volk im Westen
perfekt zusammen.


Die mörderischen Märtyrer des IS nieten in der
„Hauptstadt des Lasters“ beliebige Passanten in Cafés,
Sportstätten und Rockschuppen um, die sie als Repräsentanten
Frankreichs ins Visier nehmen, als Vertreter eines zugleich
ungläubigen und mächtigen Landes, das daheim und überall die
Anhänger des wahren Glaubens unterdrückt. So – als Kreuzzug der
Ungläubigen gegen die muslimische Gemeinde – nehmen sie den
weltbeherrschenden Imperialismus des kapitalistischen Westens
wahr; und als Macht des falschen Glaubens bekämpfen sie ihn. Sie
töten Pariser, weil hinter deren lasterhaftem, unislamischem
Leben die französische Staatsmacht steht, die sie bedrückt: „Das
ist für Syrien!“, riefen die Attentäter, als sie im Konzertsaal
in die Menge schossen.
Der französische Präsident sieht in den toten
Landsleuten die Souveränität seines Staates angegriffen –
verbucht deren verlorene Leben als Stellvertreter der
verletzten französischen Hoheit, die er wiederherzustellen
hat. Dass seine Polizisten und Geheimdienste die innere
Sicherheit nicht garantieren, innere und äußere Feinde nicht von
vornherein zur Wirkungslosigkeit verdammen konnten, das gilt ihm
als eine unerträgliche Beschädigung des staatlichen
Machtanspruchs, die nur durch die Vernichtung des politischen
Subjekts zu heilen ist, zu dessen Ehre die französischen Muslime
ihre Massenhinrichtung vollführten. 130 tote Franzosen
rechtfertigen nun einen Krieg um Syrien, den Irak und die
staatliche Neuordnung des Nahen Ostens, dessen Opfer garantiert
niemand mehr zählt.
Die Organe der demokratischen Öffentlichkeit verstehen
die Attentate als Kampfansage an „unseren Lebensstil“; auch sie
nehmen die Opfer als Repräsentanten für Höheres, nämlich
für „unsere Art zu leben“. „Wir alle“ sind angegriffen,
nicht als Staatsbürger, sondern – fundamentaler – als Menschen
mit einer modernen Lebensauffassung. Die soll darin bestehen,
dass wir den größeren Teil dieses Lebens, der ausgefüllt ist mit
Arbeitsstress und der Jagd nach dem Geld, ignorieren und das
Leben mit dem bisschen Freizeitvergnügen identifizieren, das
danach noch bleibt. Ihren programmatischen Hedonisten stellt die
Presse die rätselhaften und lustfeindlichen Selbstmordattentäter
gegenüber, die angeblich nichts anderes wollen, als fremde Sünden
wie Kaffee trinken, Fußball schauen und Musik hören nicht nur mit
dem fremden sondern auch noch mit dem eigenen Tod zu bestrafen.
Aus Respekt vor den Opfern müssen „wir“ unseren Lebensstil gegen
die todessüchtigen Attentäter verteidigen, indem wir nun erst
recht Kaffee trinken, Fußball gucken und tanzen gehen. Der Staat
bekommt in diesem Kulturkampf insoweit eine Rolle, als er
natürlich nötig ist, um diesen wunderbaren Lebensstil zu
schützen; wofür er wiederum unsere ganze Unterstützung im Kampf
um die Selbstbehauptung seiner Macht im globalen Maßstab
verdient. Die Bürger, so die Presse, haben sich selbst als
persönliche Feinde dieser Feinde des Westens zu verstehen und
allen Ernstes zu glauben, dass es um ihren Lebensstil und
Feierabend geht, wenn Frankreich zusammen mit andern Großmächten
Bomben auf die vom IS gehaltenen Regionen wirft.


Höchste Zeit, bei so viel Identität auseinander zu sortieren,


was für ein eigentümlicher Feind dem Westen mit dem
Islamischen Staat erwachsen ist;

was Frankreich, Europa und die USA an dessen blutigem
Staatsgründungskrieg so ganz anders und so viel unerträglicher
finden als an den anderen, die sie fördern und ausnutzen;

und worum sie im Nahen Osten mit ihrem Bombenkrieg ringen.



Ein Vortrag mit Redakteuren der Politischen
Vierteljahreszeitschrift GegenStandpunkt.


Veranstalter: Sozialistische Gruppe


Der Link zur Aufnahme bei der Sozialistischen Gruppe ist
hier. 

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