"Zuversicht" (Adalbert Stifter)

"Zuversicht" (Adalbert Stifter)

Eine Novelle aus dem Jahr 1846
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Beschreibung

vor 1 Monat

Vatermord! Lassen wir Sigmund Freud, Sophokles’ Ödipus und auch
die spätestens seit Erich Fromm geltende symbolische Bedeutung
dieses Begriffs außen vor. Denn das alles spielt in Adalbert
Stifters mitreißender Novelle „Zuversicht“ keine Rolle. Dieser
Autor lässt den Sohn wirklich den Vater töten, und das ganz
bewusst! Unglaublich eigentlich, aber wahr in der literarischen
Wirklichkeit. Ein Tabubruch sondergleichen. In einem Moment lässt
der Sohn alles hinter sich: Beziehungen, Zukunft, gar das eigene
Leben. Denn dem Schuss auf den Vater folgt ein
Splattermovie-ähnliches Geschehen, das dann endgültig alles
zunichte macht, was hätte folgen können. Es hätte eine neue
Familie entstehen können, es hätte zu einer Versöhnung zwischen
den Verkrachten kommen können, eine Frau wäre nicht
Alleinerziehende eines unehelichen Kindes gewesen (im 19.
Jahrhundert!) und das Kind wäre in einer entwicklungsfördernden
Umgebung aufgewachsen. Zu all dem kam es nicht, weil ein
väterlicher Brief den Sohn nie erreicht. Bei ihrem soldatischen
Zusammentreffen, als sie tot nebeneinander liegen, kommt der
Brief dem Adressaten dann doch noch nah. Man fand in der Jacke
des Vaters „das Konzept eines Schreibens“, das Versöhnung
offenbarte und all das Beschriebene in Aussicht stellte. Der
Brief überlebt, Absender und Adressat sind tot.


Stifters Text versprüht eine ungeheure ästhetische Kraft, die
Tragik und Gewalt mit sich führt. Wer mitfühlt, spürt die
Energie! Dabei fängt alles langsam, geradezu ruhig an. Der Autor
lässt einen älteren Herrn in einer zunächst sehr regen
Gemeinschaft, die über die „Schreckenszeit“ in Österreich nach
der Französischen Revolution diskutiert, etwas ganz
Außergewöhnliches aus jener Zeit erzählen, das zwei einstige
Dorfbewohner betrifft: Vater und Sohn, aristokratischer Herkunft
und in inniger Beziehung stehend, kämpfen nach plötzlichen
intrafamiliären Auseinandersetzungen und der Verbannung des
Sohnes nach Paris dann, bei den postrevolutionären
französisch-österreichischen Kämpfen, auch in verschiedenen
Truppen. Sie treffen in einer Schlacht aufeinander, und es
geschieht das kaum Aussprechliche, das Adalbert Stifter mit
großer Erzählkunst darstellt. Und er macht auch in knappen Worten
klar, dass der Krieg hier nicht der einzige Grund für das
Geschehen mit Todesfolge ist. Auch die Liebe spielt ihre Rolle.
Der Krieg und die Liebe. Wie so oft.


Auf das Ende dieser emotional mitreißenden, ja schockierenden
Binnenerzählung folgt der Rahmenschluss der gesamten Geschichte,
dann wieder – wie zu Beginn – in Gesellschaft. Von der
anfänglichen Diskussionsfreude unter den Leuten rund um den
Erzähler keine Spur mehr. Stattdessen „Schweigen“, wie es heißt.
Wie Stifter hier die Verlegenheit und auch die Scham der
Gemeinschaft kurz und psychologisch absolut nachvollziehbar
darstellt, ist erzählerisch brillant. Zu der Geschichte, die „der
Alte“ vortrug, gibt es nichts zu sagen – sie macht sprachlos,
„weil jeden der Dämon des Vatermordes mit düsteren Augen ansah“.
Schließlich sagten die Leute einander „schöne Dinge, gingen nach
Hause, lagen in ihren Betten und waren froh, dass sie keine
schweren Sünden auf dem Gewissen hätten“.


Adalbert Stifter schrieb die Novelle „Zuversicht“ im Jahr 1846.
Volker Drüke bringt sie 180 Jahre später zu Gehör. An Wirkung hat
dieses weitgehend unbekannte Meisterwerk nicht die Spur verloren.

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