Episoden

#8 Hacken wir die Sozialsysteme. Zarah Bruhn, SPRIND
16.04.2026
41 Minuten
Warum trainiert jemand Ratten, um Landminen zu erschnüffeln? Weil es eine radikale Lösung für ein lebensbedrohliches Problem ist. Zarah Bruhn, Gründerin von Social Bee und heute Expertin für gesellschaftliche Sprunginnovationen bei SPRIND, ist angetreten, genau diesen Geist der verrückten Ideen in die deutsche Ordnung zu bringen.


Zarah räumt mit dem Vorurteil auf, das Soziale sei ein Feld für Almosen und Wohlfahrt. Für sie ist es nicht nur eine Frage der Würde, sondern auch der ökonomischen Vernunft. Ihre Gründung Social Bee hat die Integration von Geflüchteten professionalisiert: Unternehmen erhalten ein bürokratiefreies Rundum-sorglos-Paket, während der Staat pro Person massiv spart. Ein Social Return on Investment von eins zu 35 ist kein naiver Idealismus, sondern ein Effizienz-Hack für einen Sozialstaat, der sich seit Jahrzehnten kaum im Kern erneuert hat.


Heute sucht Zarah bei der Bundesagentur für Sprunginnovationen nach Moonshots, die Millionen Leben verbessern oder dem Haushalt Milliarden sparen könnten. Ob KI-gestütztes Lernen im Matheunterricht oder digitale Townhalls nach dem Vorbild Taiwans – Ziel ist es, das schwindende Vertrauen in die Handlungsfähigkeit von Staat und Gesellschaft durch echte Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen. Ihr Credo: Wo das Ehrenamt an seine Grenzen stößt, müssen unternehmerische Strukturen übernehmen, um gesellschaftliche Herausforderungen dauerhaft und messbar zu lösen.


Michael und Zarah sprechen über den Mut zum Machen, die ökonomische Kraft der Integration und darüber, wie man den Staat konstruktiv "hackt", um ihn wieder zukunftsfähig zu machen.


Zu Gast:


Zarah Bruhn, Unternehmerin (Social Bee), erste Beauftragte für Soziale Innovationen der Bundesregierung und SPRIND-Managerin für gesellschaftliche Sprunginnovationen.


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#7 Die Energiewende wird im Netz entschieden. Hauke Jürgensen, Siemens Energy
02.04.2026
43 Minuten
Das verkannte Zukunftsthema in der Energiewende: Ohne Netze ist alles nichts. Ein Gespräch mit Hauke Jürgensen, Senior VP Grid Solutions bei Siemens Energy, über (fast) alles, das man über die Stromnetze von heute und morgen wissen muss.


Die Energiewende scheitert nicht zuerst am Windrad, sondern an der Illusion, Strom sei bloß etwas, das aus der Steckdose kommt. Tatsächlich ist Elektrizität ein permanenter Balanceakt im Netz: Frequenz, Spannung, Last, Trägheit. Früher erledigte die Physik einen Teil dieser Arbeit fast nebenbei. Die großen rotierenden Massen der Kraftwerke pufferten das Netz, ohne dass irgendwer darüber sprechen musste. Wann immer alle Haushalte gleichzeitig die Waschmaschine bestückt oder Fabriken große Stromverbraucher angeschaltet haben, die Trägheit der Kraftwerksmaschinen sorgte für Stabilität. Jetzt, da diese Welt verschwindet, muss Intelligenz an ihre Stelle treten - in Form von Software, Leistungselektronik und Maschinen, die in Millisekunden entscheiden und reagieren kann.


Hauke Jürgensen, verantwortlich für Stromnetze bei Siemens Energy, beschreibt damit eine stille Revolution. Das Netz wird vom passiven Leitungsgebilde zur lernfähigen Infrastruktur. Wobei: Warum nutzen wir nicht einfach Batterien? Antwort: Viel zu langsam. Hauke beschreibt ein Vorreiterprojekt mitten in Niedersachsen. Hier löst eine neue Generation von Superkondensatoren (für das Bild im Kopf: Jede Menge Coladosen in einer gut abgeschirmten Lagerhalle) das Problem; kann binnen Millisekunden Leistung und Frequenz stabilisieren, bevor der Mensch überhaupt bemerkt, dass etwas aus dem Takt geraten ist. Denn das ist das Ziel: Niemand soll etwas bemerken, dann ist alles gut im Netz.


Darin steckt auch eine politische Pointe: Wer über Energie redet, aber Netze übersieht, verwechselt Erzeugung mit Versorgung. Das Rückgrat der neuen Welt sind nicht allein Solarparks und Offshore-Anlagen, sondern Korridore, Schalter, Algorithmen und Menschen, die Unsichtbares beherrschbar machen. Die beste Zukunft des Stroms bleibt deshalb eine, in der alles komplizierter wird – und für uns trotzdem so wirkt, als sei es ganz einfach.


Zu Gast:


Hauke Jürgensen, Senior VP Grid Solutions bei Siemens Energy


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#6 Kein Chef, kein Wachstum, kein Problem. Uwe Lübbermann, Unternehmer
19.03.2026
46 Minuten
Geht Wirtschaft anders? Ohne Wachstum, ohne Hierarchie, ohne ewigen Vergleich? Uwe Lübbermann, Gründer von Premium Kollektiv, ist angetreten, die Wirtschaft zu hacken.


Uwe Lübbermann zuckt mit den Schultern und sagt: Ja. Und macht . Als Gründer des Getränkeherstellers Premium Kollektiv, als Vermieter, als Nachhaltigkeitsmensch der Universität Hamburg und noch weiteren Rollen. Sein eigentliches Gegenmodell richtet sich gegen eine tief verankerte Annahme: dass Wettbewerb und Vergleich notwendig seien. „Der Vergleich ist der erste Feind des Glücks“ – dieser Satz wird zur Kampfansage gegen eine Ökonomie der permanenten Steigerung. Stattdessen setzt Uwe auf Resilienz durch Gemeinschaft, auf Sicherheit durch Beziehung statt Besitz.


Ganz praktisch: Ein Kollektiv aus Mitarbeiter:innen und externen Partnern führt Premium, den Getränkehersteller. Nicht einmal Mehrheitsentscheidungen gibt es, Konsens lautet das Ziel. Ein einziges Veto genügt, um Macht zu neutralisieren. Uwe Lübbemann baut darauf ein ganzes Wirtschaftssystem: Konsens statt Mehrheit, Vertrauen statt Vertrag, Gleichwürdigkeit statt Hierarchie. Was wie eine naive Utopie klingt, ist ein präziser Eingriff in die Mechanik des Kapitalismus – ein Hack, der zeigt, dass Besitz nicht zwangsläufig zur Bestimmung über andere führen muss.


Alles das ist gewachsen aus einer Enttäuschung. Der Enttäuschung des Kunden Uwe, als seine Lieblings-Cola die Rezeptur veränderte, ohne das mit den Kunden zu besprechen. Und wenn keiner zuhört, muss man eben selber ran. Die Liste der Hacks ist lang: Gleicher Stundenlohn für alle, aber Zuschläge nach Lebensrealität; Urlaub nach Bedarf statt Norm; Entscheidungen als vorläufige Vereinbarungen, nicht als endgültige Beschlüsse. Selbst Vermietung wird zur sozialen Praxis: Mieten entstehen im Gespräch, nicht durch Marktlogik. Gewinn ist kein Ziel, sondern höchstens ein Nebeneffekt langfristiger Stabilität.


Michael und Uwe sprechen über Learnings und Enttäuschungen und darüber, wo Uwes Ansätze sich als konfliktreich erwiesen haben und wie sich justieren lassen. Am Ende steht weniger eine Theorie als eine Praxis: Wirtschaft als soziale Infrastruktur, die nicht maximiert, sondern trägt.


Zu Gast:


Uwe Lübbermann, Unternehmer, Mitgründer von PREMIUM, Pionier für Konsens, Verantwortungseigentum und Wirtschaft ohne klassische Hierarchien


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#5 Ein Navi für das Auto der Zukunft. Günther Schuh, Unternehmer und Forscher
05.03.2026
44 Minuten
Sind wir nicht alle ein wenig Ingenieure? Auch die, die das eigene Ingenieursstudium aus irgendwelchen Gründen verpasst haben. Warum sollten wir nicht eine zukunftsfähige Mobilität entwickeln können?


Günther Schuh hat den elektrisch betriebenen Lieferwagen entwickelt, mit dem Post Pakete ausliefert - nachdem eine ganze Industrie das Benötigte nicht im Programm hatte. Es folgte ein ebenfalls elektrischer Kleinwagen. Denn warum sollten Autos immer größer werden? Günther Schuh ist ständig unterwegs, mit seinem Lehrstuhl an der RWTH Aachen und weit darüber hinaus. Er sagt: Vergessen ist keine Schwäche, sondern eine Kulturtechnik. Wer Neues denken will, muss den Tisch leer räumen können. Günther nennt das nüchtern „systematisches Vergessen“ – nicht, weil Wissen wertlos wäre, sondern weil Festplatten billiger werden und Aufmerksamkeit nicht. Was zählt, sind Fähigkeiten, nicht das fehlerfreie Archivieren von Formeln.


Von dort ist es nur ein Schritt zur Mobilität, die Günther als Freiheitsmaschine verteidigt: Individualverkehr ist für ihn kein Luxus, sondern Selbstbestimmung. Der Fehler beginne, wenn man nicht Emissionen bekämpft, sondern das Auto – als wäre man „gegen den Menschen“. Seine Pointe: Technik ist längst weiter, als die Debatte tut. Dogmen („nur batterieelektrisch!“) kosten Zeit, weil sie Lösungen aussortieren, die je nach Einsatz sogar ökologisch überlegen sein können: intelligente Hybride, Range Extender, Wasserstoff dort, wo Masse und Reichweite zählen.


Doch die radikalste Idee liegt nicht im Antrieb, sondern im Umgang mit Dingen. Günther attackiert die Wegwerfökonomie als eigentliche Umweltsünde und skizziert eine „Upgrade Circular Economy“: Produkte werden so gebaut, dass sie Jahrzehnte halten und durch Module erneuert werden – Getriebe repariert man, statt sie zu entsorgen; Batterien zerlegt man nicht vorschnell, sondern nutzt sie als Hausspeicher.


Optimismus klingt bei Günther wie Ingenieursjargon: zack – Problem lösbar, wenn wir endlich über Zielfotos streiten statt über Glaubenssätze.


Zu Gast:


Prof. Dr. Günther Schuh, Professor (RWTH Aachen), Unternehmer, Mobilitäts- und Produktionsexperte (u. a. StreetScooter)


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#4 Die Ernährungswende wird über den Preis entschieden – nicht über Moral. Godo Röben, Unternehmer & Investor
19.02.2026
44 Minuten
Noch ein paar Stubenkükenbrüstchenstücke?


Essen ist ein Reizthema. Aber vor allem ist es ein Systemthema.


Godo Röben sagt: Die Ernährungswende wird nicht durch Verbote entschieden. Sie wird über Preis, Gesundheit und Marktlogik entschieden.


Fleisch wird nicht verschwinden. Aber es wird seinen Platz wechseln – vom Alltag zur Ausnahme.


Godos These: Die Ernährungswende ist so groß wie Energie- und Mobilitätswende. Und sie ist nicht aufzuhalten.


Als prägende Kraft hinter der Transformation der Rügenwalder Mühle hat Godo erlebt, was passiert, wenn ein Traditionsunternehmen sein eigenes Geschäftsmodell infrage stellt. Heute investiert er in alternative Proteine und neue Food-Technologien.


Im Gespräch geht es um: Warum Moral Märkte nicht verändertWeshalb der Preis der eigentliche Kipppunkt istWarum tierische Ernährung global mehr Hebel hat als der gesamte VerkehrWieso alternative Proteine zur Notwendigkeit werden – nicht zum LifestyleUnd warum Organisationen oft länger an alten Modellen festhalten als ihre Kunden

Der entscheidende Moment kommt, wenn pflanzliche Alternativen günstiger sind als tierische Produkte. Ab dann kippt der Markt – nicht aus Überzeugung, sondern aus Gleichgültigkeit.


Das Gespräch ist keine Ernährungsdebatte. Es ist eine Debatte über Verantwortung, Märkte und Transformation.


Zu Gast:


Godo Röben, Investor und Transformationsexperte (u. a. Rügenwalder Mühle)


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Über diesen Podcast

Carls Café ist ein Podcast über Zukunft und die Menschen, die sie gestalten. Nicht als Vision, sondern als Entscheidung. Zukunftsforscher Michael Carl spricht mit Menschen, die Verantwortung übernehmen – in Unternehmen, Organisationen und Gesellschaft. Menschen, die handeln, auch wenn es Gegenwind gibt. Die nicht alles wissen, aber trotzdem losgehen. Die Gespräche sind ehrlich, persönlich und ungeschönt. Es geht um Haltung statt Buzzwords. Um Entscheidungen statt Konzepte. Um die Frage, was Zukunft im Alltag wirklich kostet – und was sie möglich macht. Carls Café ist kein Zukunftstalk. Es ist ein Ort für Zukunft als Praxis. Mehr über Michael Carl und Carls Zukunft: https://carls-zukunft.de
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