Eckard Christiani im Gespräch mit Peter Spiegel

Eckard Christiani im Gespräch mit Peter Spiegel

vor 3 Wochen
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vor 3 Wochen

Zukunftsgespräche #3 — Peter Spiegel: 35 geschenkte
Minuten


Peter Spiegel ist Zukunftsforscher, Sozialunternehmer und einer
der hartnäckigsten Vordenker der Future Skills in Deutschland.
Seit Jahren argumentiert er gegen eine Selbstverständlichkeit, an
die sich alle gewöhnt haben: dass Bildung vor allem
Wissensvermittlung sei.


In diesem Gespräch mit Eckard Christiani geht es um eine Frage,
die fast alle betrifft: Warum lernen wir so viel — und fühlen uns
trotzdem so schlecht vorbereitet auf die Zukunft?


Spiegels Diagnose ist eindeutig. Das Wissen der Welt verdoppelt
sich immer schneller; ein Bildungssystem, das darauf mit noch
mehr Pauken antwortet, kann nicht mehr aufgehen. Was fehlt, sind
die zutiefst menschlichen Fähigkeiten: Vorstellungskraft,
Empathie, Teamfähigkeit, Resilienz. Die Schlüsselkompetenz aller
großen Erfinder und Entdecker war nicht ihr Wissen, sondern ihr
Mut, sich etwas zu wünschen und es für möglich zu halten. Dazu
gehört das Scheitern — Edison brauchte angeblich über tausend
Versuche. In unseren Schulen aber, sagt Spiegel, ist Scheitern
die Todsünde.


Dann macht er eine Rechnung auf, die im Kopf bleibt. Salman Khan
erklärt in seinen Zehn-Minuten-Videos nachweislich mehr, als in
einer 45-Minuten-Schulstunde ankommt. 13.000 solcher Lektionen
gibt es inzwischen, ein fast vollständiges Curriculum. Das heißt:
Khan schenkt jeder Unterrichtsstunde 35 freie Minuten. Und die
Frage ist nicht, ob das funktioniert, sondern was Lehrkräfte mit
dieser geschenkten Zeit anfangen — als Lernbegleiter, in
Fünferteams, an selbstgewählten Projekten. Weltweit sind 168
Millionen Menschen bei der Khan Academy eingeschrieben. In
Deutschland, schätzt Spiegel, sind es 22.000. In China müssen
künftig alle Studierenden aller Fächer Design Thinking lernen.
Sein Kommentar: Gute Nacht, Deutschland.


Das Gespräch bleibt aber nicht bei der Schule. Es geht um
Generationengerechtigkeit und darum, warum Kinder und Jugendliche
aus der Außenseiterposition ins Zentrum gehören — bis hin zu
einer Initiative, die alle Kinder der Welt für den
Friedensnobelpreis nominiert hat. Um soziale Medien als Ort, an
dem aus persönlichem Hass Massenhass wird, mit tödlichen Folgen
bis in die Klassenzimmer. Um die Frage, warum sich alles
globalisiert hat außer der Politik, und was passieren müsste,
damit die großen Digitalkonzerne weder verstaatlicht noch
privatisiert werden, sondern uns allen gehören.


Am Ende formuliert Spiegel vier Wertsprünge, die er für
überfällig hält: Der Mensch ist nicht länger Kreatur im
Überlebenskampf, sondern Co-Kreator des Planeten. Die Natur ist
kein Objekt der Ausbeutung, sondern ein unendlicher Speicher
gewachsener Lösungen — die Lotusblüte, die sich nicht beschmutzen
lässt, ist ein Milliardenpotenzial. Identität endet nicht an der
Landesgrenze. Und Hass ist keine Meinung.


Ludwig Erhard versprach einst Wohlstand für alle. Spiegel sagt:
Heute geht es um Wohlergehen für alle.


Die Kompetenzen, die wir brauchen, sind lernbar. Nur haben wir
bisher keine Zeit dafür gelassen.
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