Zukunftsgespräche #12 — Josef Settele: Die drei Krisen sind eine.
Wir verhandeln das Klima auf der einen Konferenz, die Artenvielfalt auf der anderen und die Gesundheit ganz woanders. Getrennte Gipfel, getrennte Verträge, getrennte Berichte — und zu Hause zieht ein Ministerium gegen das nächste ins Feld. Josef Settele sagt: Wer diese Krisen getrennt bekämpft, handelt oft kontraproduktiv.
Settele ist Agrarökologe und leitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle das Department Naturschutzforschung. Er war Co-Vorsitzender der Autorengruppe des Globalen Berichts des Weltbiodiversitätsrats und sitzt im wissenschaftlichen Beirat für Natürlichen Klimaschutz. Auf die Welt schaut er durch die Insekten.
Ende 2024 hat der Weltbiodiversitätsrat im namibischen Windhoek einen Bericht vorgelegt, der genau diese o. g. Trennung angreift. Der Nexus-Bericht, von knapp 150 Staaten angenommen, verknüpft Biodiversität, Wasser, Ernährung, Gesundheit und Klima und nennt rund siebzig Handlungsoptionen. Sein Kern ist ein asymmetrischer Befund: Fast jede Maßnahme im Naturschutz nützt auch dem Klima. Umgekehrt gilt das nicht. Der Maisacker für die Biogasanlage ist Klimapolitik und Artenschutzdesaster zugleich.
Wie es anders geht, erzählt Settele aus Südostasien, wo er seit Jahrzehnten zum Reisanbau forscht. Dort bleibt der Wald am Hang erhalten, weil die Bauern ihn für ihr Wasser brauchen — und speichert nebenbei Kohlenstoff und sichert Artenvielfalt. Ein bewässertes Reisfeld ohne Pestizide, sagt er, hat pro Fläche mehr Insektenarten als bei uns ein Buchenwald. Und wo gespritzt wird, wird der wichtigste Schädling erst richtig häufig, weil seine natürlichen Feinde zuerst sterben.
Beim Thema Pandemien wird es unbequem. Die Verarmung der Natur führe zur Homogenisierung, einige wenige Arten dominieren, und Erreger passen sich schneller an. Wer Zoonosen verhindern will, muss also bei der Artenvielfalt anfangen — ein Zusammenhang, der in keiner Gesundheitspolitik vorkommt.
Dazu spricht Settele über das Löschen von Klimadaten in den USA: entlassene Forscherinnen, verschwundene Messreihen, ein nationaler Klimabericht, der nicht mehr im Netz steht. Sein Befund dazu ist knapp: Dann sind wir im Blindflug unterwegs.
Ein persönlicher Moment bleibt. 2010 hat er mit Kollegen aufgeschrieben, welche großen Risiken der Welt bevorstehen könnten. Sie nannten drei: eine Abschwächung des Golfstroms, eine globale Wirtschaftskrise, eine globale Pandemie. Sein Kommentar heute: „Wir hatten leider recht. Ich wünschte oft, wir wären gar nicht so gut."
Trotzdem heißt sein letztes Buch mit Dirk Rossmann „Keine Zeit für Pessimismus". Woher er die Zuversicht nimmt, beantwortet er praktisch: Er hält ein bis zwei Vorträge pro Woche, vor Bauernverbänden, vor Jägern, vor Menschen, die anderer Meinung sind. Wichtiger als jedes Argument sei dabei die Haltung. „Das Schlechteste ist Arroganz." Man müsse die Leute nehmen, wie sie sind, und ihnen erst einmal zuhören.
Und er macht Arbeit, die niemand sieht. Settele leitet das Tagfalter-Monitoring Deutschland, das einzige deutschlandweite Langzeitmonitoring für Insekten — und läuft dafür selbst alle zwei Wochen seine Transekt-Strecke ab und zählt jeden Falter. Fünfhundert Menschen tun das in Deutschland, sechstausend in Europa, fast alle ehrenamtlich, alle nach derselben Methode. Aus ihren Zählungen ist ein Grünlandindikator entstanden, der heute in der europäischen Wiederherstellungsverordnung steht.
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Einen ausführlichen Beitrag zu diesem Gespräch lesen Sie in bn #3 – The Human Future Magazine, ab November. Abo-Bestellungen direkt über christiani@beyondnew.org
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