Studio B Klassiker: “The Death and Life of Schneider Wrack” - Nate Crowley

Studio B Klassiker: “The Death and Life of Schneider Wrack” - Nate Crowley

vor 1 Woche
14 Minuten
0
0
Podcast
Podcaster
Literaturkritik und Themen, die uns bewegen

Beschreibung

vor 1 Woche

Es gibt so Bücher, da quält man sich. Ob man das muss, gerade als
freier, unbezahlter Rezensent, aber auch als schnöder Leser von
Büchern, es ist ein ewiger Streit. Ein Streit, in dem Anzahl und
Vehemenz bejahender Argumente reziprok mit dem Alter des
Argumentierenden korrelieren. Ok, man kann auch formulieren: Je
näher man dem Grabe ist, desto weniger ist man geneigt, einen
Autor langsam zur Sache kommen zu lassen. Aber das klingt
grausam, oberflächlich, und Anne Findeisen setzt gerade zum “OK
Boomer” an.


Und es ist tatsächlich ungerecht dem Autor gegenüber,
einschränkend: sobald man ihm ein Niveau zugesteht oberhalb des
seit ein paar Jahren aufgrund irgendeines Marketingkurses so
heftig promoteten “Deutschen Krimis mit Lokalkolorit”, ein Genre,
in dem arbeitslose Redakteure von regionalen Tageblättern ihr
Gehalt aufbessern, indem sie uns weiß machen wollen, dass es in
Berlin-Marzahn fast genauso zur Sache ginge wie in Chicago
Southside.


Gehen wir also von den guten Autoren aus.


Ein Autor schreibt auf leerem Blatt eine Story, und je ferner sie
von der Lebenswirklichkeit des Lesers entfernt ist, desto größer
des Autor-Dilemma: Erklärt er mit Begriffen, die dem Leser nahe
sind, die ferne Seltsamkeit seiner Phantasie, oder lässt er es
den Leser selbst herausfinden? Ersteres vergrößert die Chance auf
die Bahnhofsbuchhandlung und erhöht die Anzahl der Bücher, die
der Leser bis zum Grabgang, siehe oben, lesen kann, enorm, aber
es ist auch potentiell langweilig, bricht die Magie, nicht zu
reden von der künstlerischen Integrität des Auteur.


Kann man also Regeln finden, die man anwenden kann, wenn man auf
Seite 10 eines Buches noch kein Wort verstanden hat?


Statt theoretisch zu salbadern, greifen wir in den Fundus der
aktuellen Falschgoldschen Buchliste “in progress”. Der Punkt,
dass darunter ein Buch aus Papier ist, so zum Blättern, mit
Rascheln und so, macht deutlich, dass wir hier nicht von
anekdotenhafter Beweisführung, sondern regelrecht von Empirie
reden können, so alt ist der Rezensent, so viele Bücher las er
schon. Dem Zuhörer kommen die Tränen.


Das papierne Buch ist dunkelgrün, ein Paperback, und öffnet sich
automatisch auf Seite 374/375 - Ein Eselsohr! Wenn man genau
hinschaut, sieht man, dass der Papierschnitt, also die Außenseite
des geschlossenen Buches, von dieser Stelle an bis zur Seite 1014
glatt ist, die Seiten davor uneben. Denn ich habe Ulysses von
James Joyce schon so oft angefangen, und bin so oft nur bis zur
Hälfte gekommen, dass ich einmal den Traum hatte, dass der
Quizmaster unseres monatlichen Kneipenquiz die Frage stellt,
welches Buch folgendermaßen beginnt:


Erste Seite Ulysses


STATTLICH UND FEIST erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt,
ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein
Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel
bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er
hielt das Becken in die Höhe und intonierte: “Introibo ad altare
Dei.”


Woraufhin ich meinem Kollegen beruhigend zuzwinkere “Hab ich”. Im
Sinne von “die Antwort”, aber auf keinen Fall “verstanden”. Denn
jetzt, auf Seite 374 sitzt Leopold Bloom immer noch am 16.6.1904
und frühstückt Leber. Sehr sympathisch, und das mit dem Frühstück
ist nur ein educated guess, ein Drittel im Buch, das
berühmterweise einen Tag im Leben eines Anzeigenverkäufers in
Dublin beschreibt, das muss noch Frühstück sein.


Ach, ich lese mal kurz rein..


Dreißig Minuten später habe ich noch keine Ahnung, ob es
Frühstück, Brunch oder Mittag ist, aber mehr als eine davon,
warum ich das Buch immer wieder beginne: Es ist ein
Rätsellabyrinth. Zusammengehalten von der Einfachheit der
Prämisse: Ein Mann, ein Tag, eine Stadt, und damit unkompliziert
reinzukommen, ist es fast unmöglich, wieder rauszufinden: So
viele Fragen gestellt in bildlichster Sprache, man sieht sie vor
sich, die verrückten Dubliner, immer etwas schmuddlig, nie unter
3,8 im Turm und dennoch gebildet, klug und rätselhaft. Wenn man
weiß, dass man etwas nie ganz verstehen wird, befreit das
ungemein, und wenn man weiß, dass das Literaturprofessoren so
geht, nicht zu reden von Übersetzern und Rezensenten, ist das ein
Argument, das Buch immer wieder zu beginnen, ohne das Ziel, es
jemals zu beenden.


Ein weiteres Beispiel, ein ganz anderes: Am 20.1. diesen Jahres
2020 kam der neue William Gibson raus, “Agency”, und der
Vorbestellen-Knopf war schon halb gedrückt, als ich aus den
Augenwinkeln das Cover sah, mh.. erinnert an etwas, und auch die
“Kunden kauften sonst noch”-Zeile des bösen Onlinebuchhändlers
erinnerte an Bekanntes. Genauer an Gibsons 2014er Roman
“Peripherie” und daran, dass ich trotz heftigem Fanboyseins das
Buch nicht nur nicht zu Ende gelesen habe, nein, dass ich kaum
über Seite 30 hinweggekommen war. Was zumindest für diesen
Rezensenten, der eine Buchserie von vorn bis hinten lesen muss,
ohne Lücken, es unmöglich macht, den neuen Gibson zu lesen, ohne
den alten Gibson gelesen zu haben. Anne Findeisen murmelt
übrigens gerade wieder “Ok Boomer”, bekanntermaßen kann sie Simon
Beckets David-Hunter-Serie Buch 6 lesen und Buch 5 mal eben so
locker überspringen. Sie ist ein Monster.


Ich bin keines, also holte ich mir “Peripherie” von William
Gibson auf den E-Reader und kann berichten, ich bin sechs Jahre
älter, nicht weiser. William Gibson ist ein allgemein anerkannter
Visionär und Erfinder des allgegenwärtigen Begriffes
“Cyberspace”, der, wie sich das gehört für unsere oberflächliche
Zeit, mit dem “Cyberspace” in Gibsons Newromancer nichts, aber
auch gar nichts gemein hat. Daraus scheint mir Gibson sein Lehren
gezogen zu haben und erklärt nun einfach gar nichts mehr. Wir
springen aus dem Wohnwagen eines Kriegsveteranen in ein
Computerspiel, Fragezeichen, gespielt mit einem faltbaren,
Fragezeichen, Handy als Controller und dargestellt auf mehreren,
Fragezeichen, Displays, physischen, Fragezeichen. Eine Welt aus
Fragezeichen, aber noch hat Gibson drei Bücher minus 30 Seiten,
von denen eines noch nicht mal geschrieben ist, Zeit, uns zu
erklären, wie wir bald leben werden, und schon jetzt spüre ich,
dass er ziemlich weit daneben liegen wird, denn schon lange ist
es nicht mehr möglich, ein Buch in der nahen Zukunft anzusiedeln,
ohne von dieser bei Veröffentlichung überholt zu werden. Aber
William Gibson muss gelesen werden, er ist Kanon, und kein Weg
führt an der Tatsache vorbei, dass es aktuell keinen genaueren
Beobachter unserer gegenwärtigen Zukunft gibt. Ich ignoriere also
zunächst die Fragezeichen und werde mit großer Wahrscheinlichkeit
in Kürze hier an dieser Stelle berichten können, ob Gibson recht
hat, ob Periphery und Agency uns helfen, uns zu verstehen.


Sich zu verstehen, ist das Hauptproblem des titelgebenden
Haupthelden in einem Buch, welches kaum diametraler sein könnte
als die bisher angesprochenen “schwer lesbaren” Werke. “The Death
and Life of Schneider Wrack” ist kein Bestseller, es spielt weder
an einem Tag noch in naher Zukunft. Es ist ein Roman in einer
fremden und seltsamen Welt.


Geschrieben wurde er von Nate Crowley, einem Briten, den mein
Lieblings-Online-Computerspielmagazin mit Namen “Rock, Paper,
Shotgun” letztes Jahr eingestellt hat. Ja, Herr Falschgold liest
nicht nur seit 25 Jahren Ulysses, sondern auch
Computerspielmagazine. Clearly the most interesting man in the
world. Gleich nach Nate Crowley muss er jedoch neidlos
anerkennen. Nicht nur hat er, wie Herr Falschgold, eine Vorliebe
für eine Nische im Computerspielkosmos, in der sich Games an ein
Publikum wenden, das nicht reaktionsschnell das
fünfhundertachtzigste x-beliebige Monster zu Brei ballern will,
sondern stattdessen, das Kinn in die Hand gestützt, stundenlang
virtuellen Figuren zuschaut, wie sie nur geringst von ihrem ihnen
zuschauenden Gott beeinflusst ihrem Leben nachgehen. Für
fantasielose Träumer von Eigentumswohnung und Minivan sind das
die Sims, in dem sich realistische 3d-Instagrammodels in
realistischen Mietwohnungen realistisch langweilen, für milde
fantasiebegabte das aktuelle Lieblingsgame des Rezensenten namens
“Rimworld”, in dem drei zufällige und meist ziemlich gestörte
Raumfahrer auf einem Planeten stranden und versuchen, ohne dem
Kannibalismus zu verfallen, von diesem wieder wegzukommen,
dargestellt in der Draufsicht von liebevoll gezeichneten kleinen
Pixelmenschen in einer Welt voller Gefahren. Nate Crowley jedoch
machte auf sich aufmerksam durch das, was er aus dem Spielen des
Programmes “Dwarf Fortress”, also “Zwergenburg”, machte. Ein
Spiel, in dem die Personen nicht in 3d gezeigt werden oder
pixelsüß animiert sind, sondern einfach nur verschiedenfarbige
Buchstaben auf einem schwarzen Bildschirm, die sich blinkend von
A nach B bewegen und deren Tun und Sein in Statistiken und
gelegentlichen Beschreibungen aufgezeigt wird. Klingt trocken,
aber mit dem fantasievollen Kopf eines Nate Crowley wurde daraus
eine 23-Folgen-Fortsetzungsstory über “The Basement of
Curiosity”, in dem Nate seine alphanumerischen Zwerge die
wildesten, lustigsten Abenteuer bestehen lässt und darüber in
solch schillernden Farben berichtete, als ginge es um den
neuesten photorealistischen Blockbuster unter den Spielen und
nicht um eine Textwüste in Grün auf Schwarz. Dazu hat Nate
Crowley einen Twitteraccount, auf dem er Fotos seines
Terrarium/Aquarium zeigt, welches statt mit den üblichen Fischen
und Fröschen komplett mit Krabben, Langusten und ähnlich
vielbeinigem Krustengetier bewohnt wird.


Wenn man solcherlei seltsames Hobby mit derlei ausschweifender
Phantasie kombiniert, muss ein Roman rauskommen. 2017 war es
soweit, und es ist ein Trip. Unser Hauptheld Schneider Wrack war
gerade noch Bibliothekar in einer postapokalyptischen Hafenstadt
und erwacht auf einmal auf.. einem Schiff? Er weiß es nicht. Er
weiß so gut wie gar nichts mehr. Er weiß noch nicht mal, ob er
lebt. Er bewegt sich, er sieht und fühlt, aber.. er atmet schon
mal nicht. Zumindest muss er es nicht. Um ihn herum sind ein paar
hundert Menschen, die einen riesigen Wal mit Äxten und Messern
traktieren und das rausgehackte Fleisch in Wagons verladen. Das
Ganze passiert auf hoher See, so viel scheint klar, aber das
Schiff ist so groß, dass er nicht sieht, wo es beginnt und endet.
Auch sagt keiner ein Wort, zunächst noch nicht mal er selbst. Es
scheint sich niemand um ihn zu kümmern, also beginnt er, auf dem
Schiff zu wandern, und sieht die seltsamsten Dinge. Aufseher mit
zugewachsenen Mündern, als Wachtiere begleiten sie Haie auf
metallenen Beinen. Die Arbeiter haben alle Verletzungen, die auf
einen gewaltsamen Tod hindeuten - und doch bewegen sie sich wie..
Zombies! In einer abgelegenen Halle finden sich in eine Ecke
gestapelt so kaputte Exemplare, dass sie nicht mehr zur Arbeit zu
gebrauchen sind, aber, Horror, sie bewegen sich noch. Auf Händen,
so noch welche dran sind, oder sie schauen verwirrt von links
nach rechts, wenn der Kopf noch dran ist, der Rest aber schon ab.
Es ist eine Freakshow und nichts für schwache Gemüter. Es ist
einem permanent ein bisschen schlecht. Es wimmelt von Worten, die
ich nicht kenne und Wikipedia auch nicht, Fischarten vermutet
man, halb-lateinisch klingend, aber auch Namen von Orten und
Städten, bei denen man ob der Tatsache, dass sie so klingen, als
müsste man sie kennen, Google Maps aber nichts findet, noch
verwirrter ist als unser Hauptheld Schneider Wrack.


Endgültig fertig macht Schneider, einige Seiten im Buch, dass er
mit niemandem kommunizieren kann, sich niemand um ihn kümmert.
Bis er eine Frau mit einem Loch in der Brust trifft, typische
Säbelwunde, die leise vor sich hin jammert. Er tauft sie Moana
und spricht leise auf sie ein. Bis sie ihm antwortet..


Nate Crowley hat einen der abgefahrensten Romane in einer der
abgefahrensten Settings ever geschrieben - und ich habe jetzt
schon fünf Bücher von Jasper Fforde gelesen, wir erinnern uns,
die Detektivin Thursday Next, die in Büchern lebt. Wir müssen
unser Vorstellungsvermögen anpassen, alles ist größer als man
denkt, und dann noch ein Stück. Wale so groß wie Fußballfelder
werden von Kraken gefressen, so groß wie kleine Ostseeinseln. Wir
bereisen den Amazonas und bemerken als Leser spätestens dann,
warum Nate Crowley dazu neigt, deutsche Worte einzubauen, man
sieht die Inspiration zum Buch in dem fiktiven Werk, welches
Schneider Wrack, unser Protagonist, auf einmal im Körper einer
Krabbe, fragt nicht, liest, es ist der Bericht einer
Amazonasexpedition wie geschrieben von Alexander von Humboldt.
Wir können das Buch, obwohl lange nicht explizit geschrieben, nur
als Parabel auf eine Ökokatastrophe lesen und werden dazu mit
moralischen Dilemmata konfrontiert - wann ist man tot und wann
ist man so richtig tot? Und was passiert, wenn dann künstliche
Intelligenz ins Spiel kommt. All das ist kaum zu greifen durch
bestsellergewohntes eiliges Lesen. Man muss sich Zeit nehmen, man
muss das Buch weglegen, schon weil einem manchmal ein bisschen
übel ist. Aber man wird es immer wieder aufnehmen, man will mehr
wissen von dieser fremden und seltsamen Welt des Schneider Wrack
und Nate Crowley.


Und das ist am Ende das Kriterium für jedes “schwere Buch”. Will
man mehr wissen? Und da ist es egal, ob man mehr wissen will,
weil man kaum etwas versteht, wie bei Joyces Ulysses, ob man mehr
wissen will, weil man weiß, dass der Autor viel zu sagen hat, wie
bei jedem Roman von Will Gibson, oder weil man einfach wissen
will, ob sich Moana und Schneider, zu Beginn des Romans Zombies
und zur Hälfte der eine eine Krabbe und die Andere ein
Kampfroboter, am Ende doch bekommen und warum die Welt des Nate
Crowley so abgefuckt ist, wie sie ist.


Ja, Bücher sind manchmal schwer, inhaltlich, sprachlich,
emotional, aber wir haben ein Leben Zeit, oder um es mit James
Joyce zu sagen: “„Der längste Umweg ist der kürzeste nach Hause.“
- und hätte ich den Ulysses zu Ende gelesen, hätte ich vielleicht
ein wirklich passendes Zitat gefunden.


This is a public episode. If you would like to discuss this with
other subscribers or get access to bonus episodes, visit
lobundverriss.substack.com
15
15
Episode teilen
Studio B Klassiker: “The Death and Life of Schneider Wrack” - Nate Crowley
Studio B Klassiker: “The Death and Life of Schneider Wrack” - Nate Crowley

Close