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vor 16 Stunden
Menschen neigen dazu, die Vergangenheit besser zu bewerten, als
sie objektiv war. War das schon immer so – und wie sollte die
Politik darauf reagieren?
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen
Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns
umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch oft schwer zu finden
ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen
Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
In dieser Ausgabe von Nur eine Frage wollen wir wissen: War
früher alles besser? Unser Gast dieses Mal ist die Historikerin
Katja Hoyer. Sie wurde 1985 in Guben geboren, in der damaligen
»Wilhelm-Pieck-Stadt« der DDR. Ihr Vater war Offizier in der
Nationalen Volksarmee, als die Mauer fiel, war sie vier Jahre
alt. Studiert hat Hoyer Geschichte in Jena, sie lebt und arbeitet
seit über fünfzehn Jahren in Großbritannien – am King’s College
in London, als Fellow der Royal Historical Society. Katja Hoyer
hat drei Bücher über entscheidende Abschnitte deutscher
Geschichte geschrieben: das Kaiserreich, die Weimarer Republik
und die DDR – drei Epochen, die von Nachgeborenen oft verklärt
wurden. Die Sunday Times nennt sie »Britain’s favourite German
historian«. In Deutschland jedoch ist sie nicht unumstritten: Ihr
DDR-Buch Diesseits der Mauer löste 2023 eine der heftigsten
Geschichtsdebatten der letzten Jahre aus – mit dem Vorwurf, sie
würde die DDR rosarot weichzeichnen. Ihr neues BuchWeimar. Glanz
und Grauen der deutschen Geschichte erschien im Mai und stößt
ebenfalls auf große mediale Resonanz.
Hoyers klare Antwort auf die Frage lautet »Nein«. Nostalgie sei
ein Phänomen, das die Menschheit vermutlich schon immer begleitet
habe. »Jeder durchlebt seine Kindheit und Jugend und fragt sich
später, wie er an den Punkt gekommen ist, an dem er heute steht.
Dabei neigt man dazu, die eigene Vergangenheit positiver zu
bewerten, als sie tatsächlich gewesen ist.« Insbesondere in
Krisenzeiten griffen Menschen bevorzugt auf vermeintlich
positivere Vergangenheit zurück.
Wie aber lässt sich ein objektives Bild der Vergangenheit
zeichnen? Hoyer betont, dass es zwar objektive Fakten und in
diesem Sinn eine historische Realität gebe. Das könne man einfach
festmachen daran, wann welche Gesetze erlassen und welche
Entscheidungen getroffen wurden. Aber wie wurden diese dann von
den Menschen erlebt? »Hier beginnt die Interpretation«, sagt die
Historikerin.Hoyer betont auch die Gleichzeitigkeit
widersprüchlicher Erfahrungen: Am Beispiel der DDR oder der
NS-Zeit zeigt sie, dass positive individuelle Alltagserfahrungen
neben Unterdrückung und Verbrechen existieren konnten. »In
dieser Gleichzeitigkeit liegt das Entscheidende: Menschen erleben
moralische Brüche, reagieren innerlich unterschiedlich, aber der
Alltag läuft weiter.« Diese Mischung aus Verdrängung, Gewöhnung
und Alltagsbindung erkläre vieles, sagt Hoyer. »Menschen müssen
nicht aktiv zustimmen, um Teil solcher Entwicklungen zu werden –
oft reicht es, nicht zu handeln und weiterzumachen wie
bisher.«
Produktion: ifbbw Redaktion: Tobias Oellig, Jens Lubbadeh
Visuelle Produktion: Michael Pfister
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