Nur eine Frage

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Ist die Welt noch zu retten, Friederike Otto?
27.05.2026
1 Stunde 3 Minuten
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.


In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir der Klimaforscherin Friederike Otto die Frage: »Ist die Welt noch zu retten?«


Friederike Otto ist eine der international einflussreichsten Klimaforscherinnen. Otto ist Physikerin und promovierte Philosophin, hat in Potsdam und Berlin studiert, in Oxford geforscht und ist heute Professorin für Klimawissenschaften am Imperial College in London. Sie ist Mitbegründerin der sogenannten Zuordnungsforschung (Attribution Science), die den Zusammenhang zwischen Extremwetterereignissen und Klimawandel untersucht. Otto hat auch die Forschungsinitiative World Weather Attribution (WWA) mit ins Leben gerufen und an mehreren Berichten des Weltklimarats (IPCC) mitgeschrieben. 2023 erhielt sie den Deutschen Umweltpreis.   


Im Podcast erklärt Friederike Otto zunächst die physikalischen Grundlagen des Klimawandels und warum die Welt aus wissenschaftlicher Perspektive deswegen ein großes Problem hat: Derzeit liegt die globale Erwärmung bei etwa 1,4 Grad. Selbst wenn alle versprochenen Klimamaßnahmen umgesetzt würden, käme die Welt bis Ende des Jahrhunderts auf etwa 2,6 Grad – mit dramatischen Folgen: »Wir werden Temperaturen und Niederschläge erleben, die wir uns im Moment nicht vorstellen können«, sagt Otto. Am Beispiel der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 erläutert die Klimawissenschaftlerin ihre Methode der Zuordnungsforschung und zeigt, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Welt mit Klimawandel gegen eine hypothetische Welt ohne Klimawandel rechnen. Das Ergebnis: Der menschengemachte Klimawandel hat die Wahrscheinlichkeit eines solchen Extremereignisses verdoppelt.  

Dennoch sieht Otto Grund zur Hoffnung: »Wenn wir aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen, dann hört die globale Mitteltemperatur auf zu steigen.« Sie kritisiert den Einfluss der fossilen Industrie auf die Politik und dass die Debatte zu oft als Verzichtsdiskussion geführt werde. Dabei sei Klimaschutz für weitaus mehr bedeutsam: für ein zugängliches Gesundheitswesen, starke Institutionen und um gute Bildung zu ermöglichen und zu bewahren. »Beim Klimawandel geht es nicht nur darum, eine abstrakte Umwelt zu schützen, sondern eine hohe Lebensqualität für viele Menschen zu erreichen.« Die dafür nötigen Maßnahmen – Ausbau erneuerbarer Energien, bessere Gebäudeisolierung, öffentlicher Nahverkehr – seien längst bekannt und günstiger als fossile Alternativen.  Ottos abschließende Antwort auf die N1F-Frage ist: Ja, die Welt ist noch zu retten. »Wir als Menschheit verbocken zwar immer wieder viel, aber wir haben auch viele tolle Sachen erfunden, die das Leben für viele deutlich besser gemacht haben.«

 


Produktion: ifbbw, Pool Artists Redaktion: Sophie Hübner, Jens Lubbadeh, Sophia Hubel Visuelle Produktion: Michael Pfister  Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier. Abonnieren Sie auch unseren N1F-Newsletter. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.
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Ist Made in Germany am Ende, Moritz Schularick?
18.05.2026
54 Minuten
Deutschland steckt in einer Wirtschaftskrise. Das jahrzehntelange Erfolgsmodell des Exportweltmeisters funktioniert nicht mehr. Was Ökonom Moritz Schularick rät. 


Im Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, auf die eine klare Antwort schwer zu finden ist. Er befragt die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können – und versucht, eine klare Antwort zu bekommen.  


Made in Germany galt lange Zeit als Gütesiegel für Ingenieurskunst, Qualität und Exportstärke. Deutsche Autos waren gefragt in aller Welt und Garant für Wirtschaftsstärke und Wohlstand. Vorbei. Die deutsche Wirtschaft schwächelt: Auf die Kriege in der Ukraine und im Iran folgten Energiekrisen mit Preisschocks, anhaltende Inflation verunsichert seit Jahren Wirtschaft und Verbraucher und zuletzt reagierten wichtige deutsche Unternehmen wie Volkswagen mit massivem Stellenabbau auf teils hohe Gewinneinbrüche. Woran liegt's? Sind die Deutschen nicht innovativ, nicht mutig oder gar nicht fleißig genug? 


Ist Made in Germany am Ende? Das fragen wir in der aktuellen Ausgabe des ZEIT-Podcasts Nur eine Frage den Ökonomen Moritz Schularick. Er ist Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und eine der gefragtesten ökonomischen Stimmen Deutschlands. Schularick forscht und publiziert unter anderem zur Geschichte der Finanzmärkte, zu Populismus und den Ursachen sozialer Ungleichheit. In der Öffentlichkeit äußert er sich häufig zu Wirtschaftsfragen, übt Kritik und gibt politische Ratschläge. 2021 erschien sein Buch Der entzauberte Staat. Was Deutschland aus der Pandemie lernen muss, in dem er das Krisenmanagement der Bundesrepublik während der Coronapandemie kritisierte.  


Schularick sagt: Das alte export- und industriezentrierte Wachstumsmodell der Bundesrepublik hat seine beste Zeit hinter sich. Deutschland sei über Jahre hinweg zu oft rückwärts in die Zukunft gelaufen – gebremst durch eine Mischung aus Trägheit nach dem Erfolg, Bürokratie und Regulierung sowie politischer Reformunfähigkeit. Vieles, was früher Wettbewerbsvorsprung bedeutete, lässt sich inzwischen leicht nachbauen. Entscheidend werde deshalb sein, wie schnell und wie mutig Deutschland Innovation zulasse: »Versuch und Irrtum« müsse wieder Teil der nationalen DNA werden – nicht nur als Idee, sondern als umsetzbare Praxis. 


Dabei geht Schularick im Gespräch nicht nur auf Wirtschaftspolitik, sondern auch auf das Fundament dahinter ein: Wie handlungsfähig ist der Staat wirklich? Wie viel Energie steckt das System in die Gegenwart, statt in die Zukunft – etwa beim Thema Rentenpolitik? Und warum fühlt sich das Land in existenziellen Fragen zunehmend abhängig, statt souverän zu reagieren? 


Am Ende macht er dennoch Hoffnung – nicht als Wunschdenken, sondern mit konkreten Feldern: Resilienz und Sicherheit, vor allem aber der europäische Binnenmarkt und Reformen, die Wettbewerbsfähigkeit ohne »großen Geldregen« anschieben könnten. Made in Germany sei vorbei für die Güter der zweiten industriellen Revolution – doch dass in Deutschland weiter produziert werden wird, steht für ihn nicht zur Debatte. Die eigentliche Frage lautet: Kann Deutschland wieder dynamischer und innovativer werden? 


Produktion: ifbbw, Pool Artists  Redaktion: Carl Friedrichs, Jens Lubbadeh 


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KI-Übersetzung: Sind unsere Kinder glücklicher ohne soziale Medien, Jonathan Haidt?
29.04.2026
55 Minuten
Im ZEIT-Podcast Nur eine Frage stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können. 


In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem Sozialpsychologen Jonathan Haidt die Frage: »Sind unsere Kinder glücklicher ohne soziale Medien?« 


Jonathan Haidt, 62, ist ein US-amerikanischer Sozialpsychologe und Professor an der renommierten NYU Stern School of Business. Sein 2024 erschienenes Buch Generation Angst über die Schäden, die Smartphones und soziale Medien bei Kindern anrichten, stand mehr als 100 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. 2026 ist sein Kinderratgeber Generation Glücklich erschienen, den er gemeinsam mit der US-Autorin Catherine Price verfasst hat.  


Mehrere Länder haben damit begonnen, Smartphones aus dem Unterricht zu verbannen und ein Social-Media-Verbot für Jugendliche zu erlassen. Maßgeblich dafür verantwortlich sein dürfte Haidt, der seit Jahren vor den Gefahren von Smartphones und sozialen Medien warnt und zu eben jenen Maßnahmen rät.  


Im Podcast begründet er, warum er soziale Medien für so gefährlich für Jugendliche und Kinder hält: Auf Plattformen wie Snapchat oder Instagram sind Jugendliche Sextortion ausgesetzt, also sexueller Erpressung. Alleine Snapchat berichte von rund 10.000 Hinweisen auf Sextortion-Vorfälle – pro Monat, sagt Haidt. Auch Cyberbullying, also die Schikane durch Mitschüler, sei ein großes Problem für Jugendliche. Anders als früher, als sich Schikane vorwiegend im lokalen Umfeld bewegte, verstärken soziale Medien das Problem immens.   


Das zweite Problem, das Haidt sieht: »Der durchschnittliche US-amerikanische Teenager verbringt fünf Stunden am Tag in sozialen Medien. In Deutschland ist die Zahl etwas geringer. Hinzu kommen drei bis fünf Stunden mit anderen Bildschirmaktivitäten.« Die Folgen: Jugendliche bewegen sich zu wenig, bekommen nicht mehr genügend Schlaf und knüpfen weniger echte soziale Kontakte.  


Und letztlich sorgt sich Haidt noch um die indirekten Effekte sozialer Medien auf Jugendliche: Die Zahl der Angststörungen, Depressionen und Selbstverletzungen unter Jugendlichen habe seit dem Jahr 2010 massiv zugenommen. Für Haidt ist der Fall klar: Das ist genau die Zeit, als Smartphones sich auf der ganzen Welt ausbreiteten und Social-Media-Plattformen wie Facebook beliebt wurden.  


Er sieht darin den Hauptgrund für die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen. Andere Forscher kritisieren diese Schlussfolgerung als vorschnell und verweisen auf mögliche andere belastende Faktoren wie die Klimakrise, die Finanzkrise und die Opioidkrise. Tatsächlich ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Social Media und psychischen Erkrankungen nur schwer zu belegen – einfach, weil Smartphones überall sind und es keine Vergleichsgruppe gibt, die ohne diese Geräte lebt. Doch selbst wenn dieser Zusammenhang nur schwer beweisbar ist – »Social Media ist eine Plage für unsere Kinder«, sagt Haidt im Podcast.  


Produktion: ifbbw, Pool Artists  Redaktion: Lisa Hegemann, Jens Lubbadeh  Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier. Abonnieren Sie auch unseren N1F-Newsletter.  Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de. 
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Englische Originalfolge: Are Our Children Happier Without Social Media, Jonathan Haidt?
29.04.2026
51 Minuten
US-Psychologe Jonathan Haidt sieht die Kindheit bedroht: durch Smartphones, soziale Medien und KI-Teddybären. Auch Computer im Klassenzimmer seien falsch. Hat er recht?  


Im ZEIT-Podcast Nur eine Frage stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können. 


In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem Sozialpsychologen Jonathan Haidt die Frage: »Sind unsere Kinder glücklicher ohne soziale Medien?« 


Jonathan Haidt, 62, ist ein US-amerikanischer Sozialpsychologe und Professor an der renommierten NYU Stern School of Business. Sein 2024 erschienenes Buch Generation Angst über die Schäden, die Smartphones und soziale Medien bei Kindern anrichten, stand mehr als 100 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. 2026 ist sein Kinderratgeber Generation Glücklich erschienen, den er gemeinsam mit der US-Autorin Catherine Price verfasst hat.  


Mehrere Länder haben damit begonnen, Smartphones aus dem Unterricht zu verbannen und ein Social-Media-Verbot für Jugendliche zu erlassen. Maßgeblich dafür verantwortlich sein dürfte Haidt, der seit Jahren vor den Gefahren von Smartphones und sozialen Medien warnt und zu eben jenen Maßnahmen rät.  


Im Podcast begründet er, warum er soziale Medien für so gefährlich für Jugendliche und Kinder hält: Auf Plattformen wie Snapchat oder Instagram sind Jugendliche Sextortion ausgesetzt, also sexueller Erpressung. Alleine Snapchat berichte von rund 10.000 Hinweisen auf Sextortion-Vorfälle – pro Monat, sagt Haidt. Auch Cyberbullying, also die Schikane durch Mitschüler, sei ein großes Problem für Jugendliche. Anders als früher, als sich Schikane vorwiegend im lokalen Umfeld bewegte, verstärken soziale Medien das Problem immens.   


Das zweite Problem, das Haidt sieht: »Der durchschnittliche US-amerikanische Teenager verbringt fünf Stunden am Tag in sozialen Medien. In Deutschland ist die Zahl etwas geringer. Hinzu kommen drei bis fünf Stunden mit anderen Bildschirmaktivitäten.« Die Folgen: Jugendliche bewegen sich zu wenig, bekommen nicht mehr genügend Schlaf und knüpfen weniger echte soziale Kontakte.  


Und letztlich sorgt sich Haidt noch um die indirekten Effekte sozialer Medien auf Jugendliche: Die Zahl der Angststörungen, Depressionen und Selbstverletzungen unter Jugendlichen habe seit dem Jahr 2010 massiv zugenommen. Für Haidt ist der Fall klar: Das ist genau die Zeit, als Smartphones sich auf der ganzen Welt ausbreiteten und Social-Media-Plattformen wie Facebook beliebt wurden.  


Er sieht darin den Hauptgrund für die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen. Andere Forscher kritisieren diese Schlussfolgerung als vorschnell und verweisen auf mögliche andere belastende Faktoren wie die Klimakrise, die Finanzkrise und die Opioidkrise. Tatsächlich ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Social Media und psychischen Erkrankungen nur schwer zu belegen – einfach, weil Smartphones überall sind und es keine Vergleichsgruppe gibt, die ohne diese Geräte lebt. Doch selbst wenn dieser Zusammenhang nur schwer beweisbar ist – »Social Media ist eine Plage für unsere Kinder«, sagt Haidt im Podcast.  


Produktion: ifbbw, Pool Artists  Redaktion: Lisa Hegemann, Jens Lubbadeh  Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier. Abonnieren Sie auch unseren N1F-Newsletter.  Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de. 
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Gibt es Zeit, Martin Bojowald?
22.04.2026
40 Minuten
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch oft schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.  

In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem theoretischen Physiker Martin Bojowald eine der fundamentalsten Fragen überhaupt: »Gibt es Zeit?«  

Martin Bojowald wurde 1973 in Nordrhein-Westfalen geboren. Er forscht und lehrt an der Penn State University in den USA und gilt als einer der führenden Köpfe der Schleifenquantengravitation – einer Theorie, die versucht, Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik zu vereinen. Bereits kurz nach seiner Doktorarbeit formulierte Bojowald grundlegende Ideen, die ihm weltweit Aufmerksamkeit einbrachten: So glaubt der Physiker, dass vor unserem Universum ein anderes Universum existiert hat. Es könnte also eine Zeit vor der Zeit gegeben haben.  

Im Podcast erläutert Martin Bojowald, was Zeit zu erklären so schwierig macht: Einerseits komme sie uns so alltäglich und natürlich vor. »Wir reden ständig über die Zeit, es klingt völlig selbstverständlich – aber wenn man genau hinsieht, ist es alles andere als leicht, Zeit wirklich zu definieren oder sie direkt zu messen.« Denn Uhren messen nicht die Zeit, sondern beobachten immer nur Veränderungen von Materie: die Bewegung von Uhrzeigern, den Zerfall von Atomen, die Rotation der Erde. Aber was ist Zeit dann überhaupt? Bojowald muss passen: »Tatsächlich haben wir keine wirklich gute Definition von Zeit.« Rätselhaft ist zudem eine besondere Eigenschaft, die Zeit besitzt: Als einzige der vier Dimensionen hat sie nur eine Richtung – von der Vergangenheit in die Zukunft, aber niemals umgekehrt. Warum? »Es gibt zurzeit keine wirkliche Erklärung dafür«, sagt Bojowald. Im Gespräch erläutert der Physiker die Konsequenzen aus der Schleifenquantengravitation: Dieser Theorie zufolge wäre der Raum kein Kontinuum, sondern bestünde aus kleinsten Einheiten, ähnlich wie Pixel bei einem Bild. Auch für die Zeit hätte das Konsequenzen, denn laut Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie ist sie untrennbar mit dem Raum verbunden. Auch sie bestünde dann aus kleinsten Einheiten, der sogenannten Planck-Zeit: Sie beträgt 5,4 mal 10 hoch minus 44 Sekunden – eine unvorstellbar kleine Zahl.  

Die Schleifenquantengravitation verträgt sich auch nicht mit der Urknalltheorie. Im Gespräch erklärt Bojowald, dass seinem Modell zufolge die ansonsten immer anziehende Gravitationskraft bei extrem hoher Dichte plötzlich abstoßend wirkt. »Wenn es ein kollabierendes Vorgängeruniversum gegeben hat, könnte bei hoher Dichte der Kollaps aufgehalten und in eine Expansion umgekehrt worden sein«, sagt Bojowald. Aber: Auch die Zeit wäre dann nicht mit dem Urknall entstanden, wie es laut der gängigen Urknalltheorie der Fall war.  

Bojowald arbeitet an der Vereinigung von Quantenphysik und Gravitation zur sogenannten »Weltformel« – ein Projekt, an dem Physiker seit rund einhundert Jahren vergeblich sitzen. Dennoch ist Bojowald optimistisch: »Es gibt spürbaren Fortschritt: Das mathematische Verständnis wächst, es werden neue Modelle entwickelt, die sich zumindest teilweise analysieren lassen. Daraus gewinnt man ein besseres Verständnis und kann wieder zu den Gleichungen zurückkehren, um sie ein Stück weiter zu verallgemeinern.« Dass künstliche Intelligenz einmal die Weltformel liefern wird, glaubt er nicht: Die grundlegend neuen Gleichungen zu finden, die dafür nötig wären, »verlangt Intuition«.  

Bojowalds abschließende Antwort auf die zentrale Frage des Podcasts, ob es die Zeit gibt, lautet: »Ja.« Wenn er wetten müsste – einen Kasten Bier oder sein Haus –, würde er darauf setzen, dass die Zeit fundamental ist, also eine Grundeigenschaft des Universums. Einfach, weil sie so viele besondere Eigenschaften hat, die sich schwer als bloße Nebenprodukte erklären lassen.  

Produktion: ifbbw, Pool Artists  

Redaktion: Jens Lubbadeh  

Alle Folgen unseres Podcasts finden Sie hier. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.
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Über diesen Podcast

„Können Maschinen denken?“, „Ist Demokratie die beste Staatsform?“, „Ist Armut erblich?“. Oder: „Existiere ich wirklich?“ Das sind einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, und auf die eine klare Antwort oft schwer zu finden ist. In dem Podcast „Nur eine Frage“ stellen wir diese vermeintlich simplen „Kinderfragen“ – der bestmöglichen Expertin, dem bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden konnten. Wir haken so lange nach, bis wir eine definitive Antwort bekommen, am besten in Form eines klaren „Ja“ oder „Nein“.
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