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vor 2 Tagen
Social Media erst ab 14? Sollte Deutschland dem Beispiel
Australiens folgen? Eine Psychologin erklärt, wie
Social-Media-Sucht entsteht und was Eltern tun können.
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen
Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns
umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch oft schwer zu finden
ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen
Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
Jedes fünfte Kleinkind in Deutschland besitzt ein Tablet, 60
Prozent der Elfjährigen haben ein Smartphone, Jugendliche
verbringen im Schnitt dreieinhalb Stunden täglich in den sozialen
Medien. Die Weltgesundheitsorganisation vermutet bei jedem
zehnten deutschen Jugendlichen ein suchtartiges Verhalten. Eine
Frage, die fast jede Familie umtreibt.
In dieser Ausgabe von »Nur eine Frage« wollen wir wissen: Machen
Displays Kinder krank? Unser Gast dieses Mal ist die Psychologin
Julia Brailovskaia. Sie ist Professorin am Forschungs- und
Behandlungszentrum für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität
Bochum und eine der führenden deutschen Stimmen zum Thema. Im
letzten Jahr hat sie als Erstautorin die maßgebliche
Stellungnahme der Leopoldina, der Nationalen Akademie der
Wissenschaften, mitverfasst. Sie gehört zu den wenigen
Forscherinnen, die kontrollierte Interventionsstudien durchführen
– also versuchen, Ursache und Wirkung wirklich
auseinanderzuhalten.
Für Brailovskaia ist die Antwort auf die Frage eher ein Ja als
ein Nein. Denn absolute Gewissheit ist bei diesem Thema schwierig
bis unmöglich zu erlangen, erklärt die Forscherin im
N1F-Gespräch. Das Problem: Um wirklich eindeutig sagen zu können,
dass Smartphones krank machen, müsste man zwei Versuchsgruppen
über einen langen Zeitraum hinweg unter Laborbedingungen
miteinander vergleichen. Die eine Gruppe würde Smartphones und
soziale Medien nutzen, die andere nicht. Nur solch ein Experiment
könnte die von vielen vermutete negative Wirkung der sozialen
Medien auf die psychische Gesundheit einwandfrei belegen. Solch
ein Experiment wäre aber ethisch nicht verantwortbar, schon gar
nicht bei Kindern und Jugendlichen. Die Forscherin mahnt dennoch,
trotz der Beweislücke, aktiv zu werden: »Es muss das
Vorsorgeprinzip gelten. Auch wenn nicht genug Evidenz da ist, es
aber Hinweise gibt, dann müssen wir handeln.«
Denn es gibt alarmierende Hinweise. Die psychische Gesundheit von
Kindern und Jugendlichen hat sich weltweit verschlechtert, wie
Daten der OECD zeigen – und das schon vor der Covidpandemie. Der
Sozialpsychologe Jonathan Haidt vermutet, dass diese Entwicklung
nicht zufällig zeitlich mit dem Aufkommen der Smartphones
zusammenfällt. Brailovskaia hat in vielen Studien untersucht, wie
sich ein vorübergehender Verzicht oder auch nur eine Verminderung
der Bildschirmzeit auf die Psyche auswirkt: »Sobald wir die
Social-Media-Zeit etwa um 20 oder 30 Minuten pro Tag für zwei
Wochen reduzieren, steigen die Werte der psychischen Gesundheit.
Also: Depressivität reduziert sich, die Lebenszufriedenheit
verbessert sich. Das sind die Studien, die uns wirklich kausale
Aussagen ermöglichen.«
Es sei aber gar nicht so sehr die reine Bildschirmzeit, sondern
vielmehr die emotionale Bindung an das Gerät, insbesondere an die
sozialen Medien, die problematisch ist. »Wenn ich fünf Stunden
irgendwohin fahre und das Navi läuft, habe ich es lange genutzt.
Aber es macht mich nicht süchtig und schadet meiner psychischen
Gesundheit nicht. Wenn ich diese fünf Stunden aber in den
sozialen Medien war, weil sie für mich eine emotionale Bedeutung
haben, hat das ganz andere Auswirkungen.« Die Forscherin plädiert
daher für ein Verbot von sozialen Medien für Jugendliche unter 14
Jahren.
Moderation: Jochen Wegner Redaktion: Jens Lubbadeh, Sophie Hübner
Videoproduktion: Nele Vogel, Iona Young Visuelle Produktion:
Michael Pfister Kamera, Schnitt & Ton: ifbbw Visual Director:
Malin Schulz Photo Director: Tina Ahrens Design: Adele Ogiermann,
Jan Lichte Animation: Axel Rudolph Musik: Konrad Peschmann Logo:
Lea Dohle
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