#791 Massgeschneiderte Strafverteidigung: Don’t Follow Off-the-Rack Advice (Letters to a Young Lawyer 8)

#791 Massgeschneiderte Strafverteidigung: Don’t Follow Off-the-Rack Advice (Letters to a Young Lawyer 8)

vor 2 Wochen
Ausgehend von Alan Dershowitz sprechen Duri Bonin und Nina Langner über Einvernahmen, Aussageverweigerung, Akteneinsicht, Kooperation, Staatsanwaltschaft und die Frage, weshalb gute Verteidigung nie von der Stange kommt
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Beschreibung

vor 2 Wochen
Eine Verteidigung kann laut, scharf und kämpferisch wirken – und
dem Beschuldigten gerade deshalb schaden. Darum geht es in dieser
Folge. Die Zürcher Strafverteidiger Duri Bonin und Nina Langner
besprechen Alan Dershowitz’ achten Brief Don’t Follow Off-the-Rack
Advice. Es ist ein Gespräch über die eigentliche Kunst der
Strafverteidigung: Wie findet man zur Strategie, ohne bloss einem
Stil, einem Reflex oder einem Rat von der Stange zu folgen?
Ausgangspunkt ist Dershowitz’ unbequeme These, dass viele
Ratschläge in Wahrheit „verkappte Autobiografien“ sind. Wer berät,
empfiehlt oft nicht das, was passt, sondern den eigenen Weg. Duri
übersetzt das sofort in die Praxis des Strafrechts: Man solle
solche Ratschläge „wie eine Zeugenaussage“ behandeln. Wer spricht?
Aus welcher Perspektive? Mit welchem Interesse? Und was müsste wahr
sein, damit dieser Rat für mich überhaupt stimmt? Aus Dershowitz’
Brief über Karriere wird so ein Gespräch über Selbsterkenntnis,
Rollenpassung und die Frage, welche Haltung in der
Strafverteidigung trägt. Dann wird das Gespräch konkret. Nina
beschreibt, was Einvernahmen und Gerichtsverhandlungen mit
beschuldigten Personen machen: Blackouts, leere Köpfe, falsche
Worte, Redewendungen unter Stress, vorschnelle Antworten aus Druck.
Genau dort setzt gute Verteidigung an. Duri formuliert es bewusst
scharf: „Ein guter Strafverteidiger ist kein pubertärer Rebell.
Sondern er ist ein rechtsstaatlicher Prüfmechanismus. Er zwingt den
Staat, sauber zu arbeiten. Das ist keine Störung des Rechtsstaats.
Das ist Rechtsstaat.“ Und deshalb ist die Strafakte für ihn auch
nicht einfach Wahrheit, sondern „eine organisierte Perspektive“ der
Staatsanwaltschaft. Und der "Staatsanwalt ist nicht automatisch der
“Gute” und der Verteidiger nicht automatisch der Störenfried. Beide
können rechtsstaatlich handeln. Beide können es auch nicht tun.
Besonders spannend ist die Folge dort, wo sie scheinbar energische,
in Wahrheit aber leere Verteidigung zerlegt. Scharfe Schreiben,
aggressive Ergänzungsfragen oder böse Stimmen können nach Kampf
aussehen und trotzdem strategisch wertlos sein. Oder, wie Duri
formuliert: „Laut ist nicht unbedingt ein kluger Angriff.
Freundlichkeit auch kein Nachgeben. Umfangreich ist nicht immer
gründlich. Kurz ist nicht oberflächlich. Und nicht jeder Fehler der
Gegenseite muss sofort gerügt werden." Einer der stärksten Sätze
der Folge lautet: "Ein scharfes Schreiben kann schwach sein. Und
ein höflicher Satz tödlich, wenn er exakt trifft.“ Am Ende
verdichtet sich alles zu einem Gedanken, der weit über Dershowitz
hinausgeht: Es gibt „nicht den Standard der Verteidigung, nicht den
Standard des Falles, nicht den Standard der Menschen“. Gute
Strafverteidigung ist massgeschneidert. Sie ist weder Pose noch
Dauerangriff, sondern klar, flexibel und präzise. Sie begegnet der
Staatsvertreterin respektvoll – und verschenkt zugleich „keinen
Zentimeter rechtsstaatlichen Boden“. Wer sich für Strafrecht,
Strafverteidigung, Einvernahmen, Gerichtsstrategie und die Frage
interessiert, woran man echte Verteidigung von blossem Theater
erkennt, sollte diese Folge hören. Die Podcasts "Auf dem Weg als
Anwält:in" sind unter https://www.duribonin.ch/podcast/ oder auf
allen üblichen Plattformen zu hören . Dort einfach nach 'Duri
Bonin' suchen und abonnieren.
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