Der Fall Fernandes: Angriff der virtuellen Doubles | Von Paul Clemente

Der Fall Fernandes: Angriff der virtuellen Doubles | Von Paul Clemente

vor 3 Wochen
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Beschreibung

vor 3 Wochen

Ein Kommentar von Paul Clemente.


Eine mediale Bombe. Vor wenigen Tagen explodiert, stiehlt sogar
der Weltpolitik die Aufmerksamkeit. Ex-Viva-Moderatorin und
Schauspielerin Collien Fernandes beschuldigt ihren Ex-Ehemann,
den Ex-MTV-Moderator und TV-Darsteller Christian Ulmen, des
psychischen und des physischen Missbrauchs. Der schickte
postwendend einen Anwalt vor, lässt die Vorwürfe zurückweisen. Es
gilt die Unschuldsvermutung. Aber selbst, wenn das Gericht seine
Unschuld bestätigen sollte: Der Einfluss, den dieser Fall auf die
Politdebatten ausübt, ist kaum revidierbar. 


Neue Debatten verlangen frische Schlagworte. Die wurden gleich
mitgeliefert: Collien Fernandes erklärt: Ulmen habe - wörtlich
- eine „virtuelle Vergewaltigung“ an ihr begangen. Ein
Begriff, der 1993 erstmalig auftauchte. Autor Julian Dibbell
verwendete ihn in seinem Essay „A Rape in Cyberspace“. Dass er
jetzt seine Nischenexistenz verlässt und die Diskurs-Hitparade
stürmt, das zeigt: Frau Fernandes Vorwürfe bringen die Debatte
über staatliche Internet-Regulierung zum Überkochen. Dass sie
ihrem Ex auch physische Gewalt vorwirft, verdient allenfalls
einen Nebensatz. 


Nun verrät Frau Fernandes nicht, welche Art von physischer Gewalt
sie ertragen musste. Spielt auch keine Rolle. Entscheidend ist:
Sie hat physische Malträtierung erfahren, aber die endgültige
Trennung wurde durch die virtuelle Vergewaltigung motiviert.
Worin bestand die? 


Der Beschuldigte soll Deepfake-Erotik-Fotos und -Videos erstellt
und von ihrem Account versendet haben. An Produzenten oder
Kollegen. Mehr noch: In einigen Videos macht die Fake-Fernandes
dem Adressaten heiße Avancen. Das hat ihr angeblich den Ruf von
„Zügellosigkeit“ eingebracht. Jahrelang wehrte sich Fernandes
gegen die Fake-Videos, erstattete Anzeige gegen Unbekannt. 2024
sendet das ZDF sogar eine Doku über ihre Suche nach dem Täter. Da
wusste sie noch nicht, dass der Gesuchte womöglich im Ehebett
liegt. 


Politiker und ihre Medien haben das Potenzial des Falls sofort
erfasst. Ein Autor von Spiegel-Online macht im Deep-Fake sogar
eine neue Herrschaftstechnik aus:
„Das Patriarchat sucht sich neue Formen der Macht.“

Aber was ist bei Rufmord durch Fälschung bitte schön neu?
Zugegeben, durch KI hat die Überzeugungskraft von Fake-Bildern
gewaltig zugelegt. Auch erreicht man den Adressaten leichter via
Mail als über den analogen Postweg. Dennoch: Es gibt tatsächlich
eine qualitative Differenz: Durch die KI wurde ein virtuelles
Double von Frau Fernandes erstellt. Der schlimmste Alptraum der
Romantik: Ein heimlicher Doppelgänger, der Schaden anrichtet,
wofür das Original verfolgt und bestraft wird. Damit zerstört das
Double auch die Identität des Vorbilds: Sowohl in der Außen- wie
in der Selbstwahrnehmung.


Bei Justizministerin Stefanie Hubig und weiteren Vertretern der
Altparteien herrscht Einigkeit: Ein Gesetz zum besseren Schutz
vor digitaler Gewalt muss her. Auf der Webseite des
Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz heißt es:
„Aktuell wird sehr viel über digitale Gewalt gesprochen,
digitale Gewalt gegen Frauen. Das ist gut, dass wir darüber
diskutieren. Das ist eine Diskussion, die die gesamte Gesellschaft
betrifft, nicht nur Frauen. Auch die Männer müssen mitdiskutieren.

Das Thema ist ungeheuer wichtig, und deshalb haben wir sehr früh
hier im Ministerium angefangen, einen Gesetzesvorschlag zu
erarbeiten. Der ist jetzt fertig und auf der Zielgeraden. Und wir
wollen künftig pornografische Deepfakes, das Herstellen, das
Verbreiten, unter Strafe stellen. Insgesamt die Strafbarkeit von
Deepfakes regeln. Wir wollen auch ermöglichen, dass sich
Betroffene leichter vor Gericht wehren können, schneller zu ihrem
Recht kommen, damit diese Erniedrigung, Demütigung, die eben
passiert, nicht weiter im Netz verbreitet werden kann." 


...https://apolut.net/der-fall-fernandes-angriff-der-virtuellen-doubles-von-paul-clemente/


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