Im Osten viel Neues

Im Osten viel Neues

Judith Hermann geht auf Spurensuche in Polen, wo ihr Großvater als SS-Mann war. Lukas Rietzschel porträtiert eine ostdeutsche Familie über fünf Jahrzehnte.
57 Minuten

Beschreibung

vor 3 Tagen
Die Schriftstellerin Judith Hermann begibt sich auf die Spurensuche
nach ihrem Großvater, der schon lange vor ihrer Geburt gestorben
ist. Sie fährt nach Radom in Polen, wo ihr Großvater als SS-Mann im
Zweiten Weltkrieg stationiert war. Trotz ihrer Recherchen in
örtlichen Archiven und Museen findet sie nicht heraus, auf welche
Weise ihr Großvater an den deutschen Verbrechen gegen die Juden von
Radom beteiligt war. Der Großvater bleibt eine wirkmächtige
Leerstelle in ihrer Familiengeschichte. Statt Antworten zu finden,
stellt Judith Hermann viele Fragen. Warum wurde in ihrer Familie so
viel geschrien und geschwiegen? Warum fehlen die Worte, um sich der
Vergangenheit zu nähern? Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer
Schwester versucht die Autorin, Licht in ein über Generationen
reichendes Familien-Trauma zu bringen. Wir fragen im Podcast: Ist
das zu wenig? Weicht sie dem Thema der deutschen Schuld damit aus?
Der Autor Lukas Rietzschel ist schon seit einigen Jahren ein
gefeierter Chronist der ostdeutschen Provinz. In seinem neuen Roman
Sanditz folgt er den Mitgliedern der Familie Wenzel durch fünf
Jahrzehnte in kurzen erzählerischen Szenen, angefangen bei
Großmutter Erika, die friedlich auf der Gartenbank vor ihrem Haus
stirbt bis zu ihrem Enkel Tom, der in ukrainischen Schützengräben
gegen die Russen kämpft. Dazwischen liegen die großen historischen
Ereignisse, der Widerstand der DDR-Kirchen gegen das System, die
Wende, der Kampf um die Hinterlassenschaft der Stasi, der Einfall
der Westdeutschen in die ostdeutsche Kleinstadt und der Lockdown.
Wir diskutieren darüber: Gelingt es dem Autor, ostdeutsche
Geschichte in den kurzen Familienepisoden überzeugend zu erzählen?
Unser Klassiker ist in dieser Podcast-Folge ein neu aufgetauchtes
Notizheft des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller aus dem
Januar 1945. Der damals 15-Jährige notiert darin in erstaunlicher
Frühreife seine Überflieger-Gedanken über die Aufgabe europäischer
Dichter und Denker. Unser Zitat des Monats stammt aus dem
autobiografischen Buch Einsamsein des Journalisten Daniel Haas. Das
Team von Was liest du gerade? erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben: - Judith Hermann. Ich möchte zurückgehen in der
Zeit. S. Fischer Verlag. 160 Seiten. 23,- Euro. - Lukas Rietzschel.
Sanditz. dtv Verlag. 480 Seiten. 26,- Euro - Heiner Müller.
Zeitschrift Sinn und Form (1/2026) - Daniel Haas. Einsamsein. Eine
Befreiungsgeschichte. Goldmann Verlag, 221 S., 22,- Euro [ANZEIGE]
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