Joseph Wambaugh: Hollywood Station

Joseph Wambaugh: Hollywood Station

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vor 1 Woche

So hart gesellschaftliche Umbrüche für die direkt Betroffenen
sind: Kämpfer, Bürger, Mitläufer, Täter, gibt es zusätzlich
Kollateralgeschädigte, die wir nicht vergessen wollen: die
Connaisseure der im Umbruch unvermeidlich untergehenden
Kulturprodukte, der originären Kunst der überwundenen
Verhältnisse. Hechelte man als Zoni Prä-89 noch jedem Hauch
subversiven Kunstwerks hinterher: das nur im Westen erschienene
Buch, der Film, der es gerade so durch die Zensur geschafft hatte
und als kompromittiertes und meist ziemlich langweiliges Stück
Zelluloid mit den immer gleichen Schauspielern deutlich braver
war als erwartet, interessierte all das 1990 niemanden mehr.
Dreißig Jahre später bekommt mich selbst ein guter Kundera kaum
hinter dem Ofen hervor, sorry, Radim, zu viel Neues,
Interessantes ist zu lesen, zu verstehen.


Das gleiche Phänomen könnten wir nun, fünfunddreißig Jahre nach
dem Mauerfall in den USA beobachten, wo aus einer fehlerhaften
Demokratie ein waschechter Polizeistaat gemacht werden soll und
keinen Redneck, keine Bluestate-Intellektuelle oder gar
oppositionelle Politiker scheint es groß zu interessieren und
wenn sie mal den Anschein erwecken, bleiben sie ratlos im
Angesicht der Faschisten, als ob es keine Erfahrungen gäbe, wie
mit solcherlei Vandalismus umzugehen sei.


Das ist furchtbar für alle, die nicht weiß genug sind und von
frisch angeheuerten Schergen der Ausländerbehörde ICE auf offener
Straße entführt werden, furchtbar für die Angehörigen der
Engagierten, die beim Versuch, das zu verhindern, erschossen oder
schwer verletzt werden.


Wie bekomme ich jetzt bloß die Kurve zur Kunst?


Fangen wir noch mal an: War es das mit der liberalen Demokratie
in den USA? Kommt jetzt der Polizeistaat von New Hampshire über
Minnesota bis San Francisco? Und: war der nicht schon immer? Fing
es nicht mit dem Sheriff an, damals, vor zweihundert Jahren, der
den Bandenführer eigenhändig aufknüpfte, statt auf den
Friedensrichter zu warten, der den Schänder am Ende freispricht?
Und ließ zur selben Zeit nicht sein Kollege in den Südstaaten die
Rollos runter, weil vor seinem Fenster der Plantagenbesitzer
einen Sklaven teeren und federn ließ, weil sich seine Tochter in
ihn verknallt hatte und die beiden abhaun wollten? “Was ist neu
an Polizeiwillkür?”, kann man fragen.


Neu ist die Haltung, vertreten von der amtierenden Regierung,
dass das alles genau so in Ordnung war und gerne wieder so sein
soll. Selbst im grimmigsten Western der die Geschehnisse
verarbeitet, kommt am Ende der Friedensrichter und tadelt den
Sheriff, damit der Zuschauer weiß, wo law her- und order
hinkommt. Und 1861 wurde vom Norden ein ganzer Bürgerkrieg
losgetreten, damit die Lynchjustiz im Süden ein Ende habe. Heute
korrumpiert die Regierung die Justiz und erklärt zur Legende,
dass es im Amerikanischen Bürgerkrieg um die Abschaffung der
Sklaverei ging, erklärt stattdessen in Republikanischen
Bundesstaaten eine Mindeheitenmeinung zum Curriculum, die
versucht den Bürgerkrieg zum Kampf um die Rechte von
Bundesstaaten zu machen.


“Ok,” so die Frage, “wir sehen den Umbruch, aber was hat das mit
der amerikanischen Kultur zu tun?”


Die Antwort: “Rambo I - First Blood.”


Der Vietnamrückkehrer Sylvester Stallone wird dort von einer
Horde selbstgerechter Dorfbullen mit viel Munition und wenig
Skill in Grund und Boden geschossen und es ist von Anfang an
klar, auf wessen Seite man steht, wer der Gute ist, wer die Bösen
sind. Und das wäre heute anders! Denn da bezeichnen Trump &
Co. den auf offener Straße hingerichteten Krankenpfleger im
Veteranenkrankenhaus, Alex Pretti, als Aufständigen, als
Unruhestifter, als “would-be assassin“ gar. Nichts davon ist
wahr. Die dummen Bullen aus Rambo I sind an der Macht. Das
versaut den Filmgenuss, zu krass ist das Umkippen der Realität
und kein Happy End in Sicht.


Nun ist der Spin des ersten Rambo-Films - Hero: gut, Bullen: böse
- ja eher ungewöhnlich. Normalerweise sind die FBI-Beamten
clever, der Sheriff gutmütig mit Schmerbauch und großem Herz, und
der Anwalt gewieft, wie er das Justizopfer raushaut. Aber,
leider, auch so herum funktioniert die Kulturverlusttheorie: der
ganze s**t ist vor dem Hintergrund von ICE-Konzentrationslagern
und dem sinnlosen Erschießen von Bürgern einfach nicht mehr
konsumierbar. Zumindest geht mir das so. Denn selbst wenn sich
Kunstschaffende nicht dem Diktat der gesellschaftlichen Stimmung
beugen (wie sie es im Allgemeinen wenigstens versuchen) und
weiterhin die Heldenepen von Law und Order singen, die nötige
kognitive Dissonanz, um das vergnügt zu konsumieren, kann ich
nicht aufbringen.


Ein paar Beispiele:


Der letzte Reacher war nicht nur schlecht geschrieben, auch
inhaltlich ist er nicht mehr haltbar. Wie kann man dem Buch die
Story abnehmen, dass die Korruption im militärisch-industriellen
Komplex durch den heldenhaften Einsatz moralisch aufrecht
gehender Muskelpakete gestoppt werden kann, im Angesicht von
Oracle, einem Privatunternehmen, das über die Jahre fast eine
halbe Milliarde Dollar an die aktuelle Regierung spendete und im
Gegenzug der US Air Force ihre Cloud verkauft? (Wer denkt, das
sei ein Verlustgeschäft, hat das mit dem Technofeudalismus noch
nicht verstanden.)


Und selbst der letzte Michael Connelly, ein Lincoln Lawyer
Thriller, der sich um die Verantwortlichkeit von AI Firmen für
ihre Produkte und deren Konsequenzen kümmert und bei dem
natürlich der gute Anwalt gewinnt, wirkt unglaubhaft, wenn sich
die vorbildgebenden Firmen mit Millionenspenden an ihren Tanzbär
passende Gesetze kaufen, die genau das im richtigen Leben
verhindern. (Immerhin ist das Buch gut geschrieben und für ein
solches Thema exzellent recherchiert).


Gefühlt rutschen hier zwei Drittel der amerikanischen Popkultur
in die Spalte “unlesbar”. Was bleibt da noch zu konsumieren?
Vielleicht sowas:


Oberflächlich nicht ganz so Fun wie ein brainless thriller von
Lee Child wäre da zum Beispiel dieser Klassiker von Joseph
Wambaugh: “Hollywood Station“. Erschienen in 2006, erzählt er als
Episodenroman aus dem Alltag im titelgebenden Revier
stationierter Streifenpolizisten. Das Ganze spielt Anfang der
2000er und die LAPD steht immer noch unter Beobachtung, nach den
Misshandlungen Rodney Kings und den anschließenden Unruhen im
Jahr 1992. Wir sagen zunächst “richtig so” und lernen sofort,
dass nichts im Leben so eindeutig ist, wie man es auf dem Plenum,
respektive am Tresen, postuliert, selbst hier in Germany. Die
Lebensrealität so manchen Fußballfans jeglicher Vereinsaffilität
ist das zustimmende Hochhalten der A.C.A.B.-Tapete samt
obligatorischem Unvergessensgesang, um auf dem Weg vom
Auswärtsspiel zum Bahnhof dann doch ganz froh zu sein, dass
zwischen ihr und den Hansa-Idioten eine Hundertschaft steht. In
dieser Hundertschaft steht dann so mancher gewaltbereite Neonazi,
ein einzelnes schwarzes Schaf, keine Frage, absolut, das sagt ja
auch die Polizeigewerkschaft, und neben dem faulen Apfel so
mancher Idealist, der einfach der Fußballoma den unversehrten
Nachhauseweg garantieren will. Dieses Spektrum, in letaler,
erlebt die Los Angeleser Streifenpolizistin mit ihrem Partner in
den seedy Hinterhöfen des Hollywood Boulevard und wir
aufgeklärten Linksversifften müssen ein bisschen hart im Nehmen
sein, wenn wir die Meinung der “boots on the ground” so ganz
ungefilter zu lesen bekommen: Meinungen, nein: Urteile, man
könnte fast sagen: Vorurteile, zu Minderheiten, zu Politikern, zu
politischen Aktivistinnen, die wir glattweg als “rassistisch”
abtun können, aber wenn die Meinungshabende dann vom schwarzen
Pimp ein Auge ausgeschlagen bekommt und wir das alle haben kommen
sehen, hinterfragen wir uns dann doch ein bisschen
ergebnisoffener und exakt das ist es doch, was Literatur leisten
soll. Ich als erklärter Todfeind der Kurzgeschichte bin natürlich
gehandicapt ob der Struktur des Buches, aber da sich die
Ministories am Ende zusammenfinden, ist das annehmbar. Es war die
Zeit von “Smoke” und “Coffee and Cigarettes”, da konnte Joseph
Wambaugh gar nicht anders.


Deutlich neuer ist das (fast) Erstlingswerk des in den USA
lebenden Tschechoslowaken Alexander Boldizar: “The man who saw
seconds...”. Es ist noch nicht ins Deutsche übersetzt (er
schreibt auf Englisch), aber das wird kommen, das Ding hat Preise
gewonnen, es ist prädestiniert dafür, in einen erstklassigen
Hollywoodthriller portiert zu werden und es ist frappierend
aktuell, beginnt es doch mit einer klassischen Episode von
Polizeiwillkür und endet in… man darf nicht spoilern, man darf
nie spoilern, aber hier bei diesem Buch ist es noch verbotener
als sonst. Nie wurde ein Buch geschrieben, welches von einem
unrechtmäßigen Polizeistop in der New Yorker U-Bahn so
exponentiell eskaliert. Man fragt sich alle Absätze, wie weit der
S**t noch gehen soll, was denkt sich Boldizar als nächste
Eskalationsstufe aus und man liegt immer daneben. Es ist ein
“blast” in allen Wortsinnen und es ist, wie gesagt, hochaktuell.


Hoffen wir, dass diese beiden Beispiele nicht die letzten einer
untergegangenen Kultur sein werden. Ja, die, nennen wir sie:
“Polizeikultur” in beiden Wortsinnen, als gelebte Handlung und
als geschriebene Verarbeitung derselben, war nie frei von Dingen,
die man kritisieren konnte, musste und vielleicht haben wir, und,
wichtiger, die Amerikaner das nicht getan, was zweifellos zum
heutigen Klima in den USA führt. Aber, sie war fun, sie war
spannend, sie war interessant und man hatte als Europäer immer
den bequemen Platz im Ohrensessel, von dem man aus sagen konnte
“Ne... diese Amis, das könnte hier nie passieren!” und vielleicht
nehmen wir die Ereignisse im beschriebenen und realen “Dort” zum
Anlass, dass das “hier” auch so bleibt.


Wenn der Preis dafür ist, dass man mal wieder ein anderes Genre
lesen muss, bezahle ich den traurig grummelnd.


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