Richard Osman: The Impossible Fortune
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Beschreibung
vor 1 Woche
Liebe Leserinnen und Leser,
kann unsere kleine Nischenradiosendung - die sich mit Produkten
für einen doch größeren Markt, nämlich den der Literatur
beschäftigt - eine kleine edgy Show sein, wenn sie schamlos
Bestseller anpreist?
Kann sie, aber nicht heute. Denn wir kommen gleich zu Beginn zum
Urteil eines Wohlfühlbuches: der 5. Band der Whodunit-Reihe des
Thursday Murder Clubs, im Original “The Impossible Fortune” ist
eine große Empfehlung, deren Bestsellertum nicht hoch genug
gewürdigt werden kann, schafft es doch Tausendsassa und Autor
Richard Osman, neben einer spannenden Whodunit Story komplexere
Charaktere zu erschaffen, deren Wertesystem manchmal überraschend
konträr zu den aktuellen gesellschaftlichen Annahmen existiert
und auch noch die komplexen Fragen des menschlichen Lebens nicht
nur zu stellen, sondern auch Antworten zu finden. So. Hier
sollten alle erstmal das Buch lesen, denn nun gibt es auch
Spoiler und besonders ein Krimi lebt davon, überraschend zu sein
(wenn er denn gut genug ist, ohne allzu unglaubwürdig - sprich
hanebüchen - zu sein). Also: Spoileralert!
Los geht’s: The Impossible Fortune, im Deutschen irgendwie
holprig “Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code”. Da
wollen wir aber nicht meckern, denn die ersten 4 Titel der Reihe
wurden geradezu mustergültig übersetzt:
1. The Thursday Murder Club - Der Donnerstagsmordclub2. The Man
Who Died Twice - Der Mann, der zweimal starb3. The Bullet That
Missed - Die Kugel, die daneben ging4. The Last Devil to Die -
Der letzte Teufel stirbt
Editorisch möchte ich aber kurz anmerken, dass ein Code nicht
“unlösbar” ist. Vielleicht ist er nicht bekannt, d.h. es fehlen
Informationen, aber unlösbar? Na ja.
Besonders schön bei allen Serien* ist das Wiedertreffen bekannter
Charaktere, die man sehr mag oder eben nicht, in allem lässt sich
Genuss finden, aber das Gehirn giert nach Bekanntem, und so
tauchen sie wieder auf: Die Protagonisten des Thursday Murder
Clubs: Elisabeth Best, Ex-Geheimdienstmitarbeiterin, die
ehemalige Krankenschwester Joyce Meadowcroft,
Ex-Gewerkschaftsführer Ron Ritchie und der Psychiater Dr. Ibrahim
Arif. Diese leben in der gehobenen Seniorenresidenz in Coopers
Chase in einem fiktionalen Dorf und lösen Mordfälle. Ursprünglich
wollten sie alte, ungelöste, sogenannte Cold Cases aufklären,
beschäftigen sich aber dann - einer Mischung aus Neugierde,
Impertinenz und Lebenserfahrung geschuldet - mit aktuellen
Morden.
Wer bis hierhin gelesen hat, ohne “The Impossible Fortune” zu
lesen, muss ab jetzt mit Spoilern leben. Also: Der Thursday
Murder Club hatte bisher ein eher ruhiges Jahr. Das ist nicht
besonders verwunderlich, denn Autor Richard Osman begann im
letzten Jahr eine weitere Serie. Dazu kommt, dass im fiktiven
Thursday Murder Club Imperium Elisabeth, als Ex-Spionin eine der
Treiberinnen des Clubs, ihren geliebten Ehemann Stephen verlor
(Altersdemenz) und tief in ihrer Trauer lebte.
Die Bücher dieser Reihe werden immer aus 2 Perspektiven erzählt.
Neben der des Autors und einer sich daraus ergebenden
allwissenden Draufsicht lesen wir gelegentlich
Tagebuchaufzeichnungen von Joyce. Diese sind besonders
interessant, zeigen sie uns doch klarer, welche Informationen dem
Quartett der Rentnerdetektive eventuell noch gar nicht vorliegen,
schenken aber auch reizvolle Interpretationen von Joyce, die uns
daran erinnern, dass jede*r die Welt mit anderen Augen sieht.
Eine der wundervollsten Fähigkeiten von Richard Osman ist es, mit
liebevollen Augen auf die von ihm geschaffenen Personen zu
schauen. Dabei sind diese im ersten Moment oft kurz
holzschnittartig und prototypisch, wozu sicher ihre meist kurzen
Nachnamen beitragen (Best, Ritchie, Lloyd, Johnson, Townes), nach
und nach werden weitere Facetten sichtbar.
Beginn des Plots ist die von Joyce seit Jahrzehnten ersehnte
Hochzeit ihrer nicht mehr ganz jungen Tochter Joanna, die den im
vorliegenden Werk neu eingeführten Gatten Paul (Brett) ehelichen
wird. Die (Selbst)beschreibung von Joyces Erwartungen und sich
daraus ergebenden Konflikte auf dem Weg zur Trauung, die denen
ihrer Tochter fasst komplett diametral gegenüberstehen, sind
schreiend komisch, aber auch von viel Wärme und Liebe geprägt.
Durch Paul und seinen Freundeskreis ergeben sich für den Thursday
Murder Club neue Herausforderungen.
Zunächst einmal müssen alle nach der Hochzeitsfeier mit den
Nachwirkungen klarkommen. Das fällt einigen sehr leicht (auf
Schnaps verzichtet, Aspirin vom Schlafengehen mit einem großen
Glas Wasser), einigen schwerer und einige sterben fast. Die
Seiten, auf denen Richard Osman den Ex-Gewerkschafter Ron auf
seine körperlich harten Auseinandersetzungen mit der Polizei
während der Zeit der großen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien
zurückblicken lässt und das dann im Vergleich zum aktuellen Kater
als unverhältnismäßig leicht abtut, gehören ohne Zweifel zur
Kategorie “große Literatur”.
Außerdem geht es um Autobomben, Geldanlagen, Cold Storage und
Bitcoin. Besonders die beiden letzteren Punkte nutzt Richard
Osman zu demonstrieren, wie wenig Ahnung alle altersübergreifend
eigentlich haben, welche Mittel und Tricks sie benutzen, ihre
Nicht-Ahnung zu verschleiern, und welche Möglichkeiten sich
ergeben, wenn sie sich offenbaren und dadurch ganz neue
Erkenntnisse gewinnen.
The Impossible Fortune ist in einem schnellen Tempo geschrieben,
dass immer wieder Pausen einlegt, wenn sich die Protagonisten
untereinander treffen und miteinander sprechen. Dabei findet
Richard Osman nahtlose Übergänge zu sehr lustigen Seitensträngen,
wenn Connie Johnson, eine erfolgreiche Drogendealerin (die einst
kurz im Knast saß, wohin sie der Thursday Murder Club gebracht
hatte) als Mentorin tätig wird, weil ihr Ibrahim dies empfohlen
hatte und es damit endet, dass sie einer sehr jungen Frau bei
ihrem ersten großen Raubüberfall hilft. Überhaupt mischen sich
bei Richard Osman “respektable” und kriminelle Lebensweisen
wohltuend ohne Bewertungen, denn von irgendwas muss man ja leben.
Ohne kriminelles Leben keine Gesellschaft und schon gar kein
Thursday Murder Club. Dabei sind die Kriminellen unter den
(ehemals) Reichen, unter den Gelegenheits- und unter den
Berufskriminellen zu finden, die z.B. die Nachfrage nach Drogen
bedienen. Nur weil etwas verboten ist, heißt es nicht, dass es
automatisch schlecht oder gut ist und schon gar nicht, dass es
keinen Markt dafür gibt. Das nimmt dann teils sehr komische Züge
an, bis die Erkenntnis (bei den Leserinnen und den Handelnden im
Buch) einsetzt, dass die zugrundeliegenden Werte nicht vergessen
werden können, wenn das Leben ein gelungenes sein soll. Diese
Erkenntnis gelingt dann den Protagonistinnen selbst, dabei stoßen
sie immer wieder an Grenzen, zerstören diese aber auch. Manchmal
wird es auch sehr traurig, wenn es um die Einsamkeit geht - teils
aus falschen Lebensentscheidungen, teils aus Altersgründen, wenn
enge Geliebte und Freunde sterben. Das zeigt aber auch, wie
wichtig die selbstgewählten Bande sind, die Freunde, mit denen
man sich austauscht, mit denen man sein Leben lebt.
Die Sichtbarkeit der Älteren und Alten, denen oft mit
Unverschämtheit, Arroganz und selbstgefälligen Annahmen begegnet
wird, spielt nie eine offensichtliche Rolle, überrascht aber
immer wieder. Jede*r blamiert sich und macht sich zur Feile, das
können alle, auch die Jungen, und nicht zu knapp. Bis auf wenige
Ausnahmen (den richtigen Arschlöchern) gesteht Richard Osman
seinen Figuren aber Würde zu, die auch durch gelegentlichen
Slapstick nicht erschüttert werden kann. Da werden vegane Kaffees
besucht, Krafttraining gemacht und zur Playlist “Sounds of the
Rainforest” meditiert.
Daneben schreckt Richard Osman nicht vor harten Themen zurück,
diesmal ist ein wichtiger Nebenstrang des Whodunit die eheliche
Gewalt. Suzie, die Tochter von Ron, setzt sich mit Waffengewalt
gegen ihren Ehemann zur Wehr und bittet zunächst nur ihren
Bruder, nicht aber ihren Vater um Hilfe. Der hat währenddessen
mit enttäuschenden Erkenntnissen über sein Leben zu tun und wird
am Ende einige seiner wichtigsten Lebensglaubenssätze über Bord
werfen, um seiner Tochter und bei der Lösung des Falls zu helfen.
Denn das kann man auch gut ohne Spoiler verraten: Der Thursday
Murder Club wird seinen Fall lösen und nebenbei seine (und damit
unsere) Welt besser machen. Die Schlüssel zur Lösung und zum
Leben sind Liebe, Freundschaft und Solidarität. Und weil es
Richard Osman erschaffen hat, passiert das Ganze in schöner
Sprache, mit intelligenten Spannungs- und Handlungsbögen,
überraschenden Wendungen und einem liebevollen Blick auf die
Menschen. Viel Spaß beim Lesen!
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