Der konservative Bildungsexperte - Wolfgang Türtscher

Der konservative Bildungsexperte - Wolfgang Türtscher

28 Minuten

Beschreibung

vor 4 Monaten

Wenn man Wolfgang Türtscher begegnet, begegnet man einem Mann,
der Bildung nicht nur als Beruf, sondern als Berufung versteht.
69 Jahre jung, verheiratet, Vater zweier Kinder und stolzer
Großvater – und vor allem: ein Götzner mit Leib und Seele. Fast
vier Jahrzehnte prägte er als Lehrer, Direktor, Organisator und
Idealist die Bildungslandschaft Vorarlbergs.


„Ich war zu Beginn meines Studiums überzeugt, dass ich nie Lehrer
werde“, sagt Türtscher mit einem Schmunzeln. Doch das Probejahr
am Gymnasium Blumenstraße in Bregenz änderte alles. 37 Jahre lang
unterrichtete er dort Deutsch, Geschichte und später auch Ethik –
und fand in der Arbeit mit jungen Menschen seine Erfüllung. Für
ihn ist der Lehrerberuf „der freieste Beruf der Welt“, geprägt
von Eigenverantwortung, Gestaltungsspielraum und der Freude,
Jugendlichen Wissen und Werte zu vermitteln.


Als überzeugter Katholik – „religiös, aber nicht fromm“, wie er
betont – sah er im Ethikunterricht keine Konkurrenz, sondern eine
sinnvolle Ergänzung zum Religionsunterricht. Sein Zugang war
stets von Neugier und Toleranz geprägt: „Ich habe bei meinen
Ethikschülern viel religiöses Interesse bemerkt – sie wollten
wirklich wissen, was in den verschiedenen Religionen los ist.“


Neben seiner Tätigkeit als Lehrer war Türtscher jahrzehntelang
das Gesicht der Volkshochschulen in Vorarlberg. Ab 1986 leitete
er die Volkshochschule Bregenz, baute sie zu einer modernen,
professionell geführten Bildungsinstitution aus und gründete 1990
auch die Volkshochschule in seiner Heimatgemeinde Götzis.


Sein Konzept war klar: Bildung für alle, lebensnah,
praxisorientiert und finanzierbar. Unter seiner Leitung
entstanden Programme für den zweiten Bildungsweg,
Deutsch-Integrationskurse und die Berufsreifeprüfung. „Man muss
immer gewappnet sein, neue Aufgaben zu übernehmen – wer knapp
kalkulieren muss, wird innovativer“, sagt er über den ständigen
Balanceakt zwischen Bildungsauftrag und finanzieller Realität.


Heute ist Götzis die größte Volkshochschule des Landes – ein
Erfolg, der ohne Türtschers Weitblick und organisatorisches
Talent kaum denkbar wäre.


Auch nach seiner Pensionierung bleibt Türtscher aktiv und
engagiert. Als Obmann der Bruderschaft St. Arbogast und St. Anna
in Götzis hat er 2012 gemeinsam mit Gleichgesinnten eine
jahrhundertealte religiöse Gemeinschaft zu neuem Leben
erweckt.
Die Bruderschaft ist für ihn mehr als kirchliche Folklore – sie
steht für Werte, Zusammenhalt und soziale Verantwortung: „Wenn
jemand in Not gekommen ist, hat die Bruderschaft eingegriffen.“
Heute zählt sie über 260 Mitglieder, von Alt bis Jung, aus ganz
Europa.


Ein weiterer zentraler Teil seines Engagements ist die
katholische Mittelschulverbindung Clunia in Feldkirch, der er
seit 1980 angehört und deren Obmann er lange war. Für Türtscher
sind Verbindungen Orte der Wertebildung – getragen von den
Prinzipien Religio, Scientia, Patria und Amicitia: Religion,
Wissenschaft, Vaterland und Freundschaft.
Er war maßgeblich daran beteiligt, die Verbindung für Frauen zu
öffnen – ein Schritt, den der konservative Bildungsdenker mit
Weitblick und Pragmatismus unterstützte: „Die Mädchen übernehmen
genauso Führungsverantwortung – und im Ergebnis hat sich nichts
geändert.“


Wolfgang Türtscher ist ein Mann, der konservativ denkt, ohne
rückwärtsgewandt zu sein. Einer, der den Wert von Bildung,
Familie und Glaube nicht predigt, sondern lebt. Sein Lebenswerk
zeigt, dass konservativ nicht Stillstand bedeutet, sondern
Beständigkeit in Haltung und Verantwortung.
Ob als Lehrer, Volkshochschul-Direktor, Bruderschafts-Obmann oder
Verbindungsmitglied – Türtscher hat in allen Rollen eines
gemeinsam: Er baut Brücken. Zwischen Generationen, zwischen
Bildung und Gesellschaft, zwischen Tradition und Gegenwart.


„Wichtig war immer, dass die Familie nicht zu kurz kommt“, sagt
er zum Schluss. „Meine Frau ist auch Mitglied bei der Clunia –
das hilft.“

Kommentare (0)

Lade Inhalte...

Abonnenten

15
15