Der Telefonbuchzerreisser und Wettkönig - Wilfried Kohler

Der Telefonbuchzerreisser und Wettkönig - Wilfried Kohler

26 Minuten

Beschreibung

vor 2 Monaten

Wenn man heute in Dornbirn-Watzenegg den Namen Wilfried
Kohler erwähnt, beginnen die Leute zu schmunzeln, zu
staunen – oder beides. Denn dieser Mann, Jahrgang 1952, ist etwas
wie eine lebende Sage: der Telefonbuchzerreißer,
der am 5. Dezember 1995 im fernen Rostock auf
der Bühne von Wetten, dass..??? bei Thomas
Gottschalk die Alpenrepublik und die Millionen Zuschauer
vor den Fernsehgeräten in Staunen versetzte. Und das mit einem
Objekt, das in den 90ern noch zu den härtesten Dingen im Haushalt
gehörte – dem Telefonbuch.


Dabei fing alles ganz unspektakulär an: In
Dornbirn organisierte Wilfried jahrelang einen
eigenwilligen Fünfkampf mit Disziplinen, die heute vermutlich in
jedem Arbeitsschutzhandbuch unter „bitte niemals nachmachen“
aufscheinen würden. Da wurde mit Mittelfingern gezogen, am Boden
mit dem Hals gestoßen und die Fäuste quer über Tische geschoben.
Kraft war Wilfried also nicht fremd – aber Telefonbücher? Die
hatte er bis dahin nicht einmal zerrissen gesehen.


Dann kam der legendäre Trainingsnachmittag in
Tirol: Dort wurden Teilnehmer für eine
Kraftsportveranstaltung getestet, und der Test bestand aus –
natürlich – Telefonbüchern. Wilfried bekam ein
Innsbrucker Exemplar in die Hand, schaute kurz,
lachte ein bisschen… und riss es einfach entzwei. Auf Anhieb.
Ohne zu wissen, dass das irgendjemanden beeindrucken würde.


Ab da nahm die Geschichte ihren eigenen Lauf: Wettbewerbe,
Vorarlberger-Ausscheidungen, Proben mit Holzsägen und
Schwedensägen – und schließlich der Anruf vom ZDF. Ein Kamerateam
reiste an, Wilfried zeigte seine Kräfte, und kurze Zeit später
hieß es: „Herr Kohler, wir hätten da eine Show in
Rostock…“


Die Proben in Rostock verliefen chaotisch, aber erfolgreich. Eine
Generalprobe? Brauchte Wilfried nicht. Ein 600-Gramm-Steak am
Abend davor? Ja, bitte. Ein paar Schnäpse? Gehören für das
Dornbirner Urgestein und den leidenschaftlichen Schnapsbrenner
selbstverständlich dazu. Im Podcast betonte er, dass er ein paar
Flaschen Schnaps mit im Gepäck hatte und einen nervösen
Dortmunder Wettkandidaten, der mit Gummibändern Kerzen ausmachen
wollte und bei der Generalprobe gescheitert war, zum
Schnapstrinken animierte: "An Schluck Schnaps schadat nia!"


Beim Sektfrühstück mit Thomas Gottschalk am
Wett-Tag selbst gönnte er sich am Abend noch ein 400 g Steak.


Als er dann auf die Bühne trat, war alles wie weg: Lampenfieber,
Kameras, Publikum – nur Wilfried und das Papier. Und dann riss er
los. Achtelte sogar. Die Halle tobte. Gottschalk grinste. Und der
Wettkönig des Abends hieß:
Wilfried Kohler aus Watzenegg!





Die nächsten Jahre wurden nicht ruhiger:


Wilfried zerriss 500 Telefonbücher in der
Dornbirner Messehalle.

Ein Verlag schickte ihm völlig kommentarlos acht
Paletten voller Wiener Telefonbücher – ein Albtraum für
jeden Postboten, ein Fest für Kohlers Oberarme.

Ungefragt erhielt er acht Paletten mit Telefonbüchern - nicht
irgendwelche - sondern jene aus der Bundeshauptstadt Wien die
doppelt so dick waren wie jene aus dem Westen. Am Fußballplatz in
der Haselstauden stellte er sich einem Rekordversuch und zerriss
kurz darauf weitere 3400 Wiener Telefonbücher,
schön aufgelegt von der oberen bis zur unteren Linie eines
Fußballfelds.

Dafür landete er im Guinness Buch der
Weltrekorde – als Mann, der offiziell mehr Telefonbücher
zerreißt als irgendein anderer Mensch auf dem Planeten.



Und während andere ihren Ruhm ausschlachten, blieb Wilfried der
bodenständige Dornbirner, der lieber für ein soziales Projekt
reißt – und dafür maximal eine Wurst und ein Bier verlangt.


Außerhalb des Telefonbuchuniversums ist Wilfried ein kreativer
Tausendsassa:
Gelernter Bodenleger, lange Zeit Leiter der Postabteilung der
Stadt, leidenschaftlicher Schnapsbrenner, Hersteller des
berühmten „Pumuckl“-Himbeergeists für die Weltgymnaestrada,
Lieferant für besondere Anlässe, Enzian-Ausgräber und Produzent
hochprozentiger Spezialitäten.


Und wenn man ihn heute trifft, 30 Jahre später?
Er wird immer noch darauf angesprochen – fast täglich.

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