Gemeinsam besser regieren mit Anja Ritter

Gemeinsam besser regieren mit Anja Ritter

Soziokratie, der Wert des Widerstands und warum gemeinsam besser entschieden wird
34 Minuten
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Beschreibung

vor 6 Jahren
Soziokratie? Eine neue Form des Entscheidens und Organisierens ist
Thema der neuen Wer jetzt? Folge. Hier wird ohne Mehrheiten
gearbeitet, dafür mit Widerständen und Einwänden. Wie das
funktioniert, erklärt Prozessbegleiterin und Moderatorin Anja
Ritter. Ein Gespräch über den Widerstand als Teil der Lösung, über
Bürgerbeteiligung im Ländle und Dinge zu Ende bringen. Hier lesen
Sie drei Stichpunkte aus dem Interview. Was ist Soziokratie? Wie
entscheiden wir? Muss es immer per Mehrheit sein? Was ist mit
knappen Entscheidungen, wo bis zu 49 Prozent der Beteiligten
ignoriert werden? Ein überstimmter Widerstand kann langfristig mehr
Schaden anrichten, als es Vorteile für die 51 Prozente bringt.
Diese Annahme stellt eine der Grundthesen der Soziokratie dar.
Zusammengesetzt aus den lateinischen Worten „sozius“ für Begleiter
und „kratein“ für regieren, geht es um Selbstorganisation, mit vier
Prinzipien.„Das wichtigste ist der Konsent“, sagt Anja Ritter. In
der ersten Gesprächsrunde kommt jede*r zu Wort, der Reihe nach. „In
einer offenen Diskussion setzen sich oft die lauten Meinungen
durch, oder Menschen die sich gut präsentieren“. Das hat jedoch
nicht unbedingt Einfluss auf die Qualität der Argumente. Besonders
leise Menschen, würden oft neue Perspektiven einbringen, meint
Ritter.Der Wert des WiderstandsIm Gegensatz zum klassischen
Mehrheitsverfahren sind Gegenargumente und Einwände etwas
Konstruktives. „Als Moderatorin bemühe ich mich, das als Schatz zu
sehen, als Perspektiven, die ich in die Lösung einarbeite“. Erst
wenn alle schwerwiegenden Einwände gegen einen Vorschlag sich
auflösen, wird ein Konsent getroffen. Was schwerwiegend inkludiert,
ist eine individuelle Entscheidung. In ihrer langjährigen Arbeit
ist Anja Ritter das aber noch nie passiert. „Oft hat es so
ausgesehen, als ob es keine Lösung geben kann, als ob wir
festgefahren sind. Das passiert vor allem dann, wenn Menschen
unterschiedliche Ziele haben“. Das gemeinsame Ziel klar zu
definieren, ist essentiell um voranzukommen.In mehreren Runden
redet die Gruppe, bis ein Konsent stattfindet. Diese Methode
funktioniert am besten im kleinen Kreis bis zu zehn Menschen. Wie
können große Organisationen das nutzen? „Diese kleinen Gruppen
bilden einen Kreis. Bei hundert Menschen etwa, bilden sich mehrere
Kreise, die miteinander verknüpft werden“. Eine Methode, die
ähnlich arbeitet, ist das systemische Konsensieren, das sich jedoch
nicht als Organisationsform versteht, sondern nur als
Entscheidungssystem. „In der Soziokratie ist die Organisation von
Prozessen und die gemeinsame Entscheidungsfindung eine untrennbare
Kombination“.Von der Mehrheit zur GesamtheitKönnte Soziokratie auch
in der Politik funktionieren? Ritter ist davon überzeugt, in vielen
Bürgerbeteiligungsprozessen in Vorarlberg hat sie diese Methode
erprobt. „Soziokratie gleicht Gruppen aus. Besonders in der
Bürgerbeteiligung kennen wir das: Manche sind lauter, manche
leiser. Tendenziell bremsen wir die ersteren, und geben letzteren
mehr Raum“. Das sorgt für viel Vertrauen in den Prozess. „Wenn ich
weiß, dass ich nicht um Aufmerksamkeit kämpfen muss, schafft das
Frieden“.Ritter bringt praktische Beispiele für die Anwendung: Die
niederländische Stadt Utrechtse-Heuvelrug setzt auf Soziokratie im
Stadtrat. "Ich habe viele Methoden ausprobiert und erlebt. Was mich
letztendlich von Soziokratie überzeugt hat, ist die
Verbindlichkeit. Es geht um Hören und gehört werden, aber dann wird
entschieden! Das Entscheidende ist, dass es um's Entscheiden
geht.". Alle, die von einer Entscheidung betroffen sind, sollen
auch bei dieser Entscheidung mitstimmen, sagt Ritter. In einer
Demokratie ein sehr ambitioniertes Vorhaben, der Soziokratie und
Politik Kongress im Oktober behandelt genau dieses Thema. Hier gibt
es mehr Informationen dazu.

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