„Brief aus Budapest #5“: Was steckt hinter der militanten europäischen Rhetorik? | Von Gábor Stier

„Brief aus Budapest #5“: Was steckt hinter der militanten europäischen Rhetorik? | Von Gábor Stier

8 Minuten

Beschreibung

vor 1 Woche

Europa ist sichtlich verkrampft; eine aggressive
Kriegsrhetorik beherrscht die Debatte. Doch in Wahrheit glaubt
nur ein kleiner Teil der europäischen Elite ernsthaft, dass ein
Zusammenstoß mit Russland in den nächsten fünf bis sechs Jahren
unvermeidlich ist. Auf staatlicher Ebene sind es vor allem die
Balten und Polen, die eine russische Attacke wirklich fürchten.
Dass der Ton dennoch so aufgeheizt ist und die
Russenfeindlichkeit so lautstark zunimmt, hat andere Gründe: Die
Eliten prallen hart auf die Realität, versuchen verzweifelt ihr
Gesicht zu wahren und reagieren frustriert, weil ihr
liberal-progressiver Weltentwurf als allmächtiges Dogma
kollabiert.


Ein Standpunkt von Gábor Stier – aus dem
Ungarischen übersetzt von Éva Péli.


Europa versinkt immer tiefer in der Krise. Erst bremsten die
Covid-Maßnahmen und eine kopflose „grüne Revolution“ die
Wettbewerbsfähigkeit aus, dann folgte der nächste Schlag durch
den Krieg an der Peripherie des Kontinents. Genauer gesagt: durch
die fatale Reaktion darauf. Anstatt auf Realpolitik zu setzen,
erzwang man endlose Sanktionen und flüchtete sich in eine
moralisierende Attitüde. Als sich die Lage der Ukraine immer
weiter zuspitzte, schlug diese Haltung in verzweifelten
Aktionismus um.


Geopolitische Ohnmacht und die Flucht in die
Feindbild-Konstruktion


Heute ist die Realität unübersehbar: Russland lässt sich nicht in
die Knie zwingen. Es geht längst nicht mehr um den Sieg, sondern
nur noch darum, wie schwer die ukrainische Niederlage ausfällt.
Die herrschende europäische Elite steht vor den Trümmern ihrer
globalistischen Ideologie, kämpft mit dem transatlantischen
Zerwürfnis und sieht, wie die Bruchlinien innerhalb Europas
tiefer werden. In dieser Sackgasse nutzt Brüssel die kriegerische
Rhetorik als Nebelkerze. Man will den systemischen Verfall
kaschieren, retten, was zu retten ist, und den massiven
Gesichtsverlust verschleiern.


Hinter dieser Eskalation steht die bittere Einsicht in die eigene
Schwäche. Drei Jahrzehnte lang hat Europa seine Verteidigung
kaputtgespart. Zwar bleibt die NATO als Ganzes in einem
konventionellen Landkrieg überlegen – was Moskau im Ernstfall nur
die nukleare Option ließe –, doch ohne den US-Schutzschirm ist
die EU sicherheitspolitisch schutzlos ausgeliefert. Washington
hat Europa auf seiner Prioritätenliste längst nach hinten
gestuft. Da die USA ihre Außenpolitik mittlerweile wie ein
knallhartes Geschäft führen, gibt es Sicherheit nicht mehr zum
Nulltarif. Für den Schutz des Kontinents wird Europa künftig real
und teuer bezahlen müssen.


Der Überlebenskampf des Mainstreams gegen die neue
Realität


Sicherheit wird zum Luxusgut. Die Kosten steigen astronomisch,
weil Tributzahlungen an die USA fällig werden und Europa
gleichzeitig seine eigenen Kapazitäten mühsam wiederaufbauen
muss. Da dieses Geld an anderer Stelle fehlt, erodiert die
soziale Sicherheit.


Diese Belastung trifft Europa ausgerechnet mitten in einer
ökonomischen Talfahrt. Während die Eliten nervös um ihre
Popularität und ihren Machtanspruch bangen, reagiert die
Bevölkerung zunehmend gereizt auf die Opfer, die man von ihr
fordert. Den Bürgern fällt es sichtlich schwer, tatenlos
zuzusehen, wie ihr mühsam erarbeiteter Wohlstand förmlich
wegschmilzt.


Mangels echter Lösungen bläst man die „russische Gefahr“
künstlich auf. Mit dieser Hysterie im Informationsraum lassen
sich wirtschaftliche Verwerfungen und soziale Einschnitte
rechtfertigen. Die äußere Bedrohung dient als politischer Kitt,
um die unzufriedene Gesellschaft vorübergehend hinter der Macht
zu sammeln. Mehr noch: Die Inszenierung eines
Quasi-Kriegszustandes erlaubt es, jede politische Alternative als
„russische Propagandisten“ zu diffamieren. Wer den Kurs
hinterfragt oder Europa anders ausrichten will, wird mundtot
gemacht. Das trifft vor allem jene Kräfte, die sich im
ideologischen Clinch des Westens hinter Donald Trump stellen. Die
aggressive Russenfeindlichkeit erweist sich so primär als
Instrument der innenpolitischen Machterhaltung.


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