Beschreibung

vor 9 Monaten

Der Titel der heutigen Episode ist »Zeitlos«. Wie komme ich
darauf? Die Motivation für diese kurze Episode der Reflexion ist
eine Reihe von Tweets. Der erste war von Axel Bojanowski, dem —
wie ich meine — führenden Wissenschaftsjournalisten im
deutschsprachigen Raum. Er schreibt:


»Der mit Abstand beste deutsche Wissenschaftspodcast ist Zukunft
Denken«


Natürlich freut mich eine solche Empfehlung aus derartig
berufenem Munde ganz besonders. Es spornt auch an, weiter hart an
diesem Projekt zu arbeiten. Es gab dann aber noch eine Reaktion
eines Hörers, der den Aspekt der Zeitlosigkeit der Episoden
betont hat.


Das hat mich zum Nachdenken angeregt.


Der erste Aspekt von Zeit ist ein eher banaler, aber einer, auf
den ich gerne kurz eingehen möchte. Ich bekomme immer wieder
Zuschriften, wo sich Hörer öfter neue Folgen wünschen. Warum das
schwierig ist, erkläre ich in aller Kürze.


Dann aber zu weiteren Aspekten der Zeitlosigkeit, die eher
inhaltlicher Natur sind, denn dieser Kommentar hat mich zum
Nachdenken gebracht zumal es einige Überschneidungen zu vorigen
Episoden gibt. Was hat etwas das Zitat von Gerd Gigerenzer aus
Episode 122


»Je größer die Unsicherheit ist, desto mehr Informationen muss
man ignorieren.« 


mit dem Zitat von Stafford Beer aus Episode 121 gemein?


»Information and Action are one and the same thing«


Zur Dimension der Informationsdichte kommt noch die Dimension der
Zeit auf eine sehr interessante Weise hinzu. Je Größer die
Unsicherheit, desto wichtiger ist also nicht nur die Auswahl der
Parameter, der Daten, sondern auch die richtige Zeitlichkeit im
Umgang mit dem Problem.


Was bedeutet dies für News? Für den gesellschaftlichen und
politischen Umgang mit komplexen Problemen?


»Die relevanten Information entstehen Wochen, Monate, bei
aktivistischen Großereignissen wie etwa Covid auch Jahre später.
Diese geht dann aber im Lärm des nächsten Events unter.«


Fortschritt und Entschleunigung haben aber eine durchaus
interessante Gemeinsamkeit, wir Herfried Münkler bemerkt:


“...Chance des Reflexionsgewinns durch Entschleunigung: Man kann
die Bedeutung beim Treffen von Entscheidungen über größere
Zeitspannen zu verfügen kaum überschätzen. und diese
Zeitspannengewinn hängt nun einmal am Übergang vom mündlichen zum
schriftlichen.” […]  »Man konnte nunmehr sehr viel
komplexere Fragen zum Gegenstand von Beratungen machen, als das
in den direkten partizipatorischen Formen der Antike möglich war.
Und man konnte Herausforderungen und Probleme in längerfristigen
Perspektiven ins Auge fassen.«


Sind wir immer am Puls der Zeit? Oder sind wir eher am Puls des
Rauschens?


Warum gibt es keine Wissenschafts-News und warum ist es gerade in
komplexen Zeiten wichtig, Abstand von schnellen Medien zu halten?
Warum sind Bücher gerade in schnellen Zeiten von besonderer
Bedeutung?


Wie kann man die Welt in Schichten verschiedener
Geschwindigkeiten begreifen? Stewart Brand bezeichnet dies als
Pace Layering:


»Build a thing too fast, and mistakes cascade. Build a thing at
the right pace, and mistakes instruct. Build a thing too slow,
and mistakes are forgotten, then endlessly repeated in the
endless restarts. For instance, with infrastructure: Building a
thing at the right pace steadily all the way to completion
probably works best with: Continuity of control Protected and
guided by continuity of oversight and Guided by continuously
monitored undersight—from workers and early customers. Continuity
is the key.«


Was aber machen wir mit Systemen — um wieder auf Stafford Beer
zurückzukommen — deren tatsächlicher Zweck sich vom deklarierten
Zweck entfernt hat?


Wir enden nochmals mit einem Zitat von Stewart Brand:


»Fast learns, slow remembers.  Fast proposes, slow disposes.
 Fast is discontinuous, slow is continuous.  Fast and
small instructs slow and big by accrued innovation and by
occasional revolution.  Slow and big controls small and fast
by constraint and constancy.  Fast gets all our attention,
slow has all the power.«


Was haben Sie mitgenommen? Schreiben Sie mir!


Referenzen


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Andere Episoden


Episode 122: Komplexitätsillusion oder Heuristik, ein
Gespräch mit Gerd Gigerenzer

Episode 121: Künstliche Unintelligenz

Episode 119: Spy vs Spy: Über künstlicher Intelligenz und
anderen Agenten

Episode 104: Aus Quantität wird Qualität

Episode 99: Entkopplung, Kopplung, Rückkopplung

Episode 92: Wissen und Expertise Teil 2

Episode 84: (Epistemische) Krisen? Ein Gespräch mit Jan David
Zimmermann

Episode 80: Wissen, Expertise und Prognose, eine Reflexion

Episode 49: Wo denke ich? Reflexionen über den »undichten«
Geist

Episode 47: Große Worte

Episode 32: Überleben in der Datenflut – oder: warum das Buch
wichtiger ist als je zuvor



Fachliche Referenzen


Tweet von Axel Bojanowski (2025)

Herfried Münkler, Verkleinern und entschleunigen. Die Zukunft
der Demokratie? ARD (2022)

Stewart Brand, Pace Layering: How Complex Systems Learn and
Keep Learning (2018)

Stewart Brand, How Buildings Learn: What Happens After
They're Built, Penguin (1995)

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