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Juristisch gleichgestellt, moralisch geachtet, schlecht behandelt

Die Frau im Kapitalismus

München, Dezember 2019

Auch nach der längst erreich­ten recht­li­chen Gleich­stel­lung
mit dem Mann, auch nach­dem Frau­en heu­te die Mehr­heit der
Abitu­ri­en­ten und dabei die mit den bes­se­ren Noten, in
vie­len Stu­di­en­gän­gen die Mehr­heit der Stu­den­ten stel­len,
nach­dem sie man­che vor­dem als Män­ner­do­mä­nen bekann­te
Berufs­fel­der erobert haben, gibt es noch immer genug
Dis­kri­mi­nie­rung und sexu­elle Unter­drü­ckung des
weib­li­chen Geschlechts. Frau­en füh­ren den Kampf dage­gen,
indem sie der Män­ner­welt den Vor­wurf machen, nach wie vor den
fäl­li­gen Respekt für die Selbst­be­stim­mung und eine
selbst­be­wusste Rol­le der Frau zu ver­wei­gern, in einem alten
Den­ken und gest­ri­gen Rol­len­bil­dern der Geschlech­ter zu
ver­har­ren. Mit der For­de­rung nach Respekt ren­nen die
Prot­ago­nis­ten der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit über­all – in
Poli­tik, Öffent­lich­keit und schon gleich im aka­de­mi­schen
Bereich – offe­ne Türen ein. Sieht man von ganz
kon­ser­va­ti­ven Krei­sen, die vom tra­di­tio­nel­len
Fami­li­en­bild nicht las­sen wol­len, und von den Kult­fi­gu­ren
des Gangs­ta-​Rap ab, gibt es kei­ne Stim­me, die vor den Frau­en
als voll­wer­ti­gen, beruf­lich und über­haupt
selbst­be­stimm­ten Mit­glie­dern der Gesell­schaft nicht den Hut
zie­hen wür­de. Über­all gibt es Gleich­stel­lungs­be­auf­tragte,
Frau­en­för­de­rung und Frau­en­lehr­stühle; an Unis und im
lin­ken Milieu ist das ​„Gen­dern“ ver­brei­tet: Durch die
Modi­fi­ka­tion von Wör­tern und Gram­ma­tik besteht man dar­auf,
dass in jedem Satz, in dem von mensch­li­chen Sub­jek­ten die
Rede ist, der Frau noch ein­mal eigens gedacht und ihr die Ehre
erwie­sen wird. Wor­an liegt es dann, dass der all­ge­mein
bekräf­tigte gute Wil­le nicht viel ändert an den sozia­len
Benach­tei­li­gun­gen, Belei­di­gun­gen, An– und Über­grif­fen,
die Frau­en erfah­ren? Wor­an liegt es, dass die offi­zi­elle
Moral sich von der prak­tisch geleb­ten so trennt? Anders
gefragt: Haben die gesell­schaft­li­chen Posi­tio­nen und
Rol­len, auf die die Frau­en fest­ge­legt sind, nicht doch
hand­fes­tere Grün­de als frau­en­feind­li­che Vor­ur­teile der
Män­ner, Grün­de, denen man mit dem Ein­for­dern und Ablie­fern
von Respekt­be­zeu­gun­gen über­haupt nicht beikommt?
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