Toshada und viele andere von Euch haben mich gebeten, über das
Thema Fernsehen in Deutschland zu sprechen. Gerne! Könnt Ihr Euch
vorstellen, dass schon 1929 ein regelmäßiges Fernsehprogramm
ausgestrahlt wurde? Zwar noch in schlechter Auflösung, aber
immerhin! 1936 wurden die Olympischen Sommerspiele im Fernsehen
gezeigt, ein großes Ereignis für das Dritte Reich. Natürlich war
damals noch alles schwarz-weiß zu sehen. Das Farbfernsehen gab es
in Deutschland erst ab 1967 für alle Zuschauer, die ein passendes
Gerät hatten. Heute haben 95% der deutschen Haushalte ein
Fernsehgerät. Zu Beginn war Fernsehen Luxus – und eher langweilig.
Denn es gab nur wenige Fernsehsender und diese sendeten auch nur
kurze Zeit. Sogar als ich ein Kind war, war das Fernsehen noch ganz
anders als heute. Nachts gab es nur ein Testbild zu sehen, eine
bunte Grafik, und die Sender haben sich ausgeschaltet. Es gab die
beiden großen öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, die
dritten Programme, das sind Regionalsender für jedes Bundesland,
und erst ab 1984 gab es auch private Fernsehsender in Deutschland.
Am bekanntesten sind hier RTL, SAT1 und ProSieben. Weil es am
Anfang so wenige Sender gab, wurden sie von den Zuschauern
nummeriert – und dieses Phänomen gibt es noch heute. Die ARD heißt
„Das Erste“, mit dem Zweiten meint man das ZDF, das Zweite Deutsche
Fernsehen, und die Dritten sind die Regionalprogramme. ARD und ZDF
sowie die Dritten finanzieren sich größtenteils aus
Rundfunkgebühren. Jeder Deutsche, der Geld verdient und einen
Fernseher hat, zahlt dafür Gebühren an die so genannte GEZ. Abends
ab 20 Uhr dürfen diese Sender keine Werbung mehr zeigen. Die
öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Bildungsauftrag, sie
sollen vor allem Information bieten. Heute leisten sie aber auch
einen Beitrag zur Unterhaltung. Am Freitagabend gibt es in den
Dritten gute Talkshows wie „3 nach 9“ oder die „NDR Talkshow“, am
Samstagabend gibt es Unterhaltungsshows und am Sonntag Abend in der
ARD den „Tatort“, den wohl berühmtesten deutschen Krimi nach
„Derrick“. Am Sonntag läuft auch die „Lindenstrasse“, eine
wöchentliche Serie, die seit 1985 läuft. Es gibt drei große
deutsche Talkerinnen, sie sind allesamt sehr gute Journalistinnen:
Anne Will, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Für Kinder
produziert die ARD auch wunderbare Sendungen, zum Beispiel die
berühmte „Sendung mit der Maus“, eine Wissenssendung, die auch
viele Erwachsene sehen. Die privaten Sender finanzieren sich
ausschließlich aus Werbeeinnahmen. Es gibt vor allem zwei große
Konzerne in Deutschland, die Fernsehen machen: Die ProSiebenSat1
Media AG hat ihren Sitz in München, und zu ihr gehören vier
Fernsehsender. Wie der Titel schon sagt sind das ProSieben, Sat1,
dazu noch kabel eins wo viele amerikanische Sitcoms laufen und N24,
ein Nachrichtensender. Die zweite große Firma ist die RTL Group in
Köln, zu ihr gehören der Sender RTL, der Nachrichtensender n-tv und
Teile von RTL2, VOX und Super RTL. RTL startete 1992 die erste
deutsche Seifenoper, also eine Soap. Sie heißt „Gute Zeiten,
schlechte Zeiten“, und läuft täglich im Fernsehen. Seit einigen
Jahren gibt es auch Telenovelas in Deutschland. Abends laufen aber
meistens die großen amerikanischen Serien wie „Dr. House“,
„Desperate Housewives“ und so weiter, sie sind alle ins Deutsche
übersetzt und synchronisiert. Es gibt noch viele andere Sender, zum
Beispiel Musiksender wie MTV oder VIVA, wir empfangen CNN und in
manchen Gegenden die BBC. Ich selber habe Kabelfernsehen, mein
Fernsehprogramm kommt also aus der Steckdose. Ich habe 34 Sender
zur Auswahl, das meiste davon ist Quatsch, wie zum Beispiel
Shoppingsender. Man kann aber auch eine Satellitenschüssel
installieren, dann hat man eine größere Auswahl an weltweiten
Angeboten. Oder man nutzt Pay-TV und bezahlt für eine Settop-Box,
dann kann man ebenfalls weitere Kanäle sehen. In Deutschland hieß
der Pay-TV-Anbieter bis vor kurzem Premiere, jetzt heißt er Sky.
Rein subjektiv kann ich euch sagen, dass ARD und ZDF qualitativ
meistens gute Sendungen machen, allerdings oft für ein älteres
Publikum. Dort laufen also auch Volksmusiksendungen am Abend. Die
beste Sendezeit beginnt bei uns übrigens um 20.15 Uhr, denn um 20
Uhr läuft die bekannteste Nachrichtensendung Deutschlands, die
Tagesschau, die es übrigens auch als Podcast gibt. RTL macht
hauptsächlich Unterhaltung, dort laufen Spielfilme und die
Sendungen „Wer wird Millionär“ oder „Deutschland sucht den
Superstar“, die aus dem amerikanischen kopiert wurden. „Deutschland
sucht den Superstar“ heißt im Original „American Idol“. Sat1 und
ProSieben liefern ebenfalls Spielfilme und Unterhaltungsshows,
momentan ist ProSieben bekannt dafür, Formate wie „Popstars“ oder
Heidi Klums Topmodel-Show auszustrahlen. Derzeit sind überhaupt
Casting-Formate der große Renner in Deutschland. Sie machen Quote,
das bedeutet: Die Einschaltquote ist hoch, viele Menschen sehen
diese Sendungen. Die wohl bekannteste deutsche Sendung ist
allerdings keine amerikanische Kopie, sondern eine rein deutsche
Idee: „Wetten, dass...?“. Es gibt sie seit 1981. In der Sendung
schließen Menschen Wetten ab. Das sind oft kuriose Dinge. Zum
Beispiel hat ein Mann gewettet, dass er schneller eine Schüssel
Wasser austrinken kann als sein Hund. Als Wettpaten werden
Prominente eingeladen. Sie sagen dann: Ja, der Mann schafft das.
Oder: Nein, er schafft es nicht. Wenn sie verlieren, müssen sie
etwas tun – zum Beispiel in Frauenkleidern auftreten oder durch
einen brennenden Reifen springen. Thomas Gottschalk moderiert diese
Sendung seit 1987. Er ist damit der bekannteste Showmaster
Deutschlands. Welche wichtigen Menschen gibt es in der deutschen
Fernsehlandschaft noch? Zum Beispiel Günther Jauch. Er moderiert
„Wer wird Millionär“ und „Stern.TV“, ein journalistisches Magazin.
Er ist so beliebt in Deutschland, dass er bei Umfragen immer zum
Bundespräsidenten gewählt wird. Frech und sarkastisch ist Harald
Schmidt, der lange als Nighttalker aktiv war in der Rolle,
die in den USA Jay Leno und David Letterman innehaben. Es gibt noch
viele andere, Stefan Raab, Johannes B. Kerner, Jörg Pilawa, Oliver
Pocher, Reinhold Beckmann. Aber für heute habe ich genug erzählt.
Ihr merkt schon, man kann viel zu diesem Thema sagen! Wenn Ihr Lust
auf deutsches Fernsehen habt: ARD und ZDF haben eine Mediathek, in
der man im Internet stöbern kann. Und alle Sender haben
mittlerweile eigene Sendungen oder Teile davon als Podcast ins
Internet gestellt. Die Sendung mit der Maus kann ich Euch wärmstens
empfehlen! Jetzt aber wieder Musik, und zwar von den Liedermachern
„Simon & Jan“. Das Stück heißt „Die Tafel“ und ist auf MySpace
zu finden: http://www.myspace.com/simonundjan Text der Episode als
PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg55kurz.pdf
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