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Beschreibung
vor 6 Tagen
Gibt es bald wieder eine Wehrpflicht in Deutschland? Ich bin
dieses Jahr 50 geworden. Als ich eine junge Erwachsene war, war
es ganz normal, dass die Männer „zum Bund“ gingen oder
Zivildienst leisteten. Das bedeutet, dass die jungen Männer
meiner Generation für ungefähr ein Jahr einen Militärdienst
leisten mussten. Sie waren in dieser Zeit Soldaten. Wer das nicht
wollte, konnte verweigern. Diese jungen Männer haben dann das
Jahr in sozialen Einrichtungen gearbeitet, zum Beispiel in
Krankenhäusern.
Jahrzehntelang war das selbstverständlich: Junge Männer in
Deutschland mussten zur Bundeswehr. Doch seit 2011 ist das
anders. Und jetzt diskutiert das Land erneut darüber, wie es
weitergeht.
Fangen wir wieder bei der Geschichte an. Die allgemeine
Wehrpflicht trat in Deutschland am 21. Juli 1956 in Kraft. Also
einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Von da an
waren alle Männer zwischen 18 und 45 Jahren wehrpflichtig. Über
Jahrzehnte war die Bundeswehr eine der größten Armeen in Europa.
Zu den Hochzeiten des Kalten Krieges hatte sie fast 500.000
Soldatinnen und Soldaten.
Dann änderte sich die Welt. Mit dem Ende des Kalten Krieges war
die Verteidigung des eigenen Landes nicht mehr so wichtig. Wir
fühlten uns sicher. Die Bundeswehr wurde kleiner. Der
Verteidigungshaushalt wurde gekürzt, das heißt es wurde weniger
Geld für das Militär ausgegeben. Die noch verbleibende Truppe
konzentrierte sich mehr auf Auslandseinsätze. Für solche Einsätze
brauchte man keine Wehrpflichtigen, sondern gut ausgebildete
Spezialisten. 2011 wurde die Wehrpflicht schließlich unter
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ausgesetzt. Sie
wurde also nicht abgeschafft, sondern sozusagen pausiert. Das
hatte vor allem finanzielle Gründe, denn eine Berufsarmee war
günstiger zu organisieren.
Jetzt betone ich das Wort „ausgesetzt“ noch einmal: Die
Wehrpflicht steht noch immer im Grundgesetz. Das bedeutet, sie
kann theoretisch jederzeit wieder aktiviert werden.
Und genau das ist jetzt wieder ein großes Thema. Der Grund dafür
liegt vor allem in der Sicherheitslage in Europa. Russland führt
einen Angriffskrieg auf die Ukraine. Das ist sehr nah. Deshalb
will die Bundesregierung die Bundeswehr stärken. Bis 2035 soll es
rund 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten sowie weitere
200.000 Reservisten geben. Das Problem: Ende Oktober 2025 waren
es erst rund 184.000 Soldatinnen und Soldaten – also viel
weniger.
Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Bundesregierung gehandelt.
Der Bundestag stimmte am 5. Dezember 2025 für das sogenannte
Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Am 1. Januar 2026 trat es in
Kraft.
Aber was bedeutet dieses Gesetz genau? Ist das jetzt die
Wehrpflicht? Nicht ganz. Der neue Wehrdienst beruht weiterhin auf
Freiwilligkeit. Wer nicht zur Bundeswehr will, muss nicht hin.
Dennoch gibt es eine wichtige Neuerung: Alle 18-Jährigen erhalten
einen Brief mit QR-Code und werden gebeten, einen digitalen
Fragebogen auszufüllen. Für Männer ist das Ausfüllen und
Zurücksenden Pflicht – für Frauen freiwillig. Außerdem werden
junge Männer ab dem Jahrgang 2008 verpflichtend gemustert, also
medizinisch untersucht. Bei der Musterung wird überprüft, ob der
Mann überhaupt körperlich in der Lage wäre, als Soldat zu dienen.
Wer sich freiwillig meldet, bekommt attraktive Angebote. Der
Sold, das ist das Geld, das man als Soldat verdient, wurde
deutlich angehoben, auf rund 2.600 Euro brutto im Monat. Wer
mindestens zwölf Monate dient, bekommt außerdem einen Zuschuss
von bis zu 3.500 Euro für den Auto-Führerschein oder bis zu 5.000
Euro für einen LKW-Führerschein.
Aber was, wenn sich trotzdem nicht genug Freiwillige finden? Das
Gesetz sieht die Möglichkeit einer sogenannten Bedarfswehrpflicht
vor. Darüber müsste der Bundestag per Gesetz entscheiden – einen
Automatismus gibt es nicht. Sollte es mehr potenzielle
Wehrpflichtige als freie Stellen geben, soll sogar ein
Losverfahren angewendet werden. Das erinnert mich etwas an die
USA und den Vietnamkrieg, oder?
Nicht alle sind mit dem neuen Modell zufrieden. Militärhistoriker
und Bundeswehr-Experten bezweifeln, dass die Bundeswehr ihren
Personalbedarf allein aus Freiwilligen decken kann. Die
Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 sei ein großer
strategischer Fehler gewesen, sagen manche. Und vor allem gibt es
Widerstand bei denjenigen, die es betrifft: Junge Männer und
Jugendliche. Unter dem Motto „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ gab
es Kundgebungen in etwa 90 Städten. Der Protest richtete sich
gegen die verpflichtende Musterung aller Männer und eine
befürchtete Militarisierung der Gesellschaft. Schüler
demonstrieren also weiterhin regelmäßig dagegen. Sie sagen: Alte
Männer wie Bundeskanzler Friedrich Merz dürfen nicht beschließen,
dass die jungen Männer in den Krieg ziehen müssen.
Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass viele Deutsche das Thema
anders sehen als früher. Eine Bevölkerungsumfrage des Zentrums
für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr
ergab, dass 53 Prozent der Befragten die Wiedereinführung eines
Wehrdienstes für notwendig halten – sechs Prozentpunkte mehr als
im Jahr davor.
Die Debatte ist also noch lange nicht abgeschlossen. Das neue
Gesetz ist ein Kompromiss: keine echte Wehrpflicht, aber auch
kein reines Freiwilligensystem mehr. Ob das reicht, um die
Bundeswehr stark genug zu machen, wird die nächste Zeit zeigen.
Ich persönlich kann nicht verstehen, dass wir angesichts des
Klimawandels weiterhin Kriege führen und Milliarden von Euro für
Waffen ausgeben, anstatt uns gemeinsam um unseren Planeten zu
kümmern. Und als Mutter eines Sohnes will ich natürlich nicht,
dass mein Sohn zum Soldaten wird.
Text der Episode als PDF:
https://slowgerman.com/folgen/sg322kurz.pdf
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