Ich habe auf der Facebook-Seite von Slow German eine Umfrage
gemacht. Dort habe ich Euch gefragt, welches Thema ich als nächstes
behandeln soll. Mit großer Mehrheit habt Ihr Euch für die
Umgangssprache entschieden. Ich muss aber sagen, dass es gar nicht
leicht ist, über die Umgangssprache zu sprechen! Was ist eigentlich
Umgangssprache? Natürlich hat jede Region bestimmte Wörter, die man
nie geschrieben sieht, sondern nur gesprochen hört. Aber das ist
doch dann eher ein Dialekt, oder? Das wollte ich hier also
eigentlich nicht zum Thema machen, um Dialekte wird es in einer
anderen Episode gehen. Dann gibt es Anglizismen, die auch in der
Umgangssprache vorkommen – aber dafür gibt es ja schon die Folge
über Denglisch. Nach langem Überlegen dachte ich mir, ich werde
Euch einfach ein paar Beispiele für Umgangssprache nennen. Also für
Wörter, Sätze oder Formulierungen, die in der Schriftsprache
eigentlich nie auftauchen, die man aber hört, wenn man in
Deutschland Menschen belauscht. Angenommen, wir sind in einer
U-Bahn. Es ist Samstag, später Abend, und viele Leute sind
unterwegs. Da sagt eine junge Frau: „Ich werde heute nicht mehr
alt.“ Das klingt eigentlich so, als würde sie Selbstmord begehen,
oder? Aber nein, keine Angst. Was sie sagen will ist: Ich bin müde,
ich gehe bald ins Bett, ich halte nicht mehr lange durch heute.
Dann hören wir zwei Teenagern zu. Einer sagt: „Willst Du noch eine
Runde daddeln?“ Damit will er seinen Kumpel fragen, ob er noch ein
wenig computerspielen möchte. Der andere sagt: „Nee. Was kommt denn
heute in der Glotze?“ Nee ist umgangssprachlich für Nein. Und die
Glotze ist der Fernseher. „Ich will heute Abend glotzen“ heißt
also: „ich will heute Abend fernsehen“. In manchen Regionen sagen
die Menschen übrigens nicht fernsehen, sondern fernschauen. Oder
noch schlimmer: Fernsehen schauen. Wir lauschen weiter den Menschen
in der U-Bahn. Ein Mann sitzt betrunken in einer Ecke. Da hören wir
eine junge Frau zu ihrer Freundin sagen: „Schau mal, der ist total
blau“. Obwohl seine Gesichtsfarbe natürlich ganz normal aussieht.
Wenn die Freundin nicht versteht, was das bedeuten soll, sagt die
junge Frau: „Du stehst aber ganz schön auf dem Schlauch“. Das
heißt, es dauert zu lange, bis sie es versteht. Die Frau findet das
nicht nett, sie hält ihre Freundin für verrückt und sagt: „Du hast
eine Meise“. Wenn sie aber nur schlechte Laune hat, ohne Grund,
dann ist sie vielleicht mit dem falschen Fuß aufgestanden. Das sagt
man so. Das ist eine Redewendung – aber auch darüber müssen wir in
einer anderen Folge mal ausführlicher sprechen. Es gibt einige
Ausrufe, die typisch sind für die Umgangssprache. Boah ey zum
Beispiel. Das ist ein Ausdruck des Erstaunens, der hauptsächlich
von Jugendlichen zu hören ist. Sehr gebildet oder klug klingt das
übrigens nicht. Als Bestärkung kann man sagen: „Das gefällt mir eh
nicht“. Das „eh“ steht dabei für sowieso. Oder ein Fragewort, das
vor allem in Süddeutschland oft gebraucht wird: „Es ist schön
heute, gell?“ Das „gell“ heißt so viel wie „nicht wahr?“ oder
„meinst Du nicht auch?“. Typisch in der Umgangssprache ist es
natürlich auch, neue Wörter zu finden. Aus dem Hund wird ein Köter
oder eine Fußhupe. Aus der Katze ein Stubentiger. Aus Brüsten
werden Möpse, aus Geld wird Kohle. Wer lernen muss, der paukt.
Obwohl das nichts mit der Pauke, also einer großen Trommel, zu tun
hat. Wer schnell viel isst, der mampft. Das ist ein schönes Wort,
finde ich, da es sich so anhört wie jemand, der mit vollen Backen
kaut. Mampfen. Und weil man in der Umgangssprache zu faul ist,
lange Wörter auszusprechen, werden sie einfach abgekürzt. Die
Lokomotive wird zur Lok, das Abitur zum Abi und die Mathematik wird
zu Mathe. Natürlich verändert sich die Umgangssprache über die
Jahre. Wer früher, also vor 50 Jahren, etwas gut fand, der sagte
dazu dufte, prima oder famos. All diese Wörter verwendet heute
leider niemand mehr. Ein Teenager war damals ein Backfisch. Schön,
oder? Heute ist etwas eher cool oder toll. Oder geil. Das ist ein
Wort, das die Jugendlichen alle benutzen – die älteren aber zucken
zusammen, weil es früher einen sexuellen Kontext hatte. Welchen?
Das müsst Ihr selber nachlesen. Das war Slow German für heute.
Weitere Informationen findet Ihr unter slowgerman.com, dort könnt
Ihr die Texte zu den Folgen als PDF herunterladen, dazu noch
Lernmaterial, und alle alten Folgen, und dort findet Ihr auch die
Links zu Facebook und Twitter – und Informationen, wie Ihr diesen
Podcast unterstützen könnt, damit ich noch mehr Episoden
produzieren kann. Viel Spaß beim Deutsch lernen! Eure Annik Text
der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg62kurz.pdf
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