SG #062: Umgangssprache
Ich habe auf der Facebook-Seite von Slow German eine Umfrage
gemacht. Dort habe ich Euch gefragt, welches Thema ich als nächstes
behandeln soll. Mit großer Mehrheit habt Ihr Euch für die
Umgangssprache entschieden. Ich muss aber sagen,
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vor 14 Jahren
Ich habe auf der Facebook-Seite von Slow German eine Umfrage
gemacht. Dort habe ich Euch gefragt, welches Thema ich als
nächstes behandeln soll. Mit großer Mehrheit habt Ihr Euch für
die Umgangssprache entschieden.
Ich muss aber sagen, dass es gar nicht leicht ist, über die
Umgangssprache zu sprechen! Was ist eigentlich Umgangssprache?
Natürlich hat jede Region bestimmte Wörter, die man nie
geschrieben sieht, sondern nur gesprochen hört. Aber das ist doch
dann eher ein Dialekt, oder? Das wollte ich hier also eigentlich
nicht zum Thema machen, um Dialekte wird es in einer anderen
Episode gehen. Dann gibt es Anglizismen, die auch in der
Umgangssprache vorkommen – aber dafür gibt es ja schon die Folge
über Denglisch.
Nach langem Überlegen dachte ich mir, ich werde Euch einfach ein
paar Beispiele für Umgangssprache nennen. Also für Wörter, Sätze
oder Formulierungen, die in der Schriftsprache eigentlich nie
auftauchen, die man aber hört, wenn man in Deutschland Menschen
belauscht. Angenommen, wir sind in einer U-Bahn. Es ist Samstag,
später Abend, und viele Leute sind unterwegs. Da sagt eine junge
Frau: „Ich werde heute nicht mehr alt.“ Das klingt eigentlich so,
als würde sie Selbstmord begehen, oder? Aber nein, keine Angst.
Was sie sagen will ist: Ich bin müde, ich gehe bald ins Bett, ich
halte nicht mehr lange durch heute.
Dann hören wir zwei Teenagern zu. Einer sagt: „Willst Du noch
eine Runde daddeln?“ Damit will er seinen Kumpel fragen, ob er
noch ein wenig computerspielen möchte. Der andere sagt: „Nee. Was
kommt denn heute in der Glotze?“ Nee ist umgangssprachlich für
Nein. Und die Glotze ist der Fernseher. „Ich will heute Abend
glotzen“ heißt also: „ich will heute Abend fernsehen“. In manchen
Regionen sagen die Menschen übrigens nicht fernsehen, sondern
fernschauen. Oder noch schlimmer: Fernsehen schauen.
Wir lauschen weiter den Menschen in der U-Bahn. Ein Mann sitzt
betrunken in einer Ecke. Da hören wir eine junge Frau zu ihrer
Freundin sagen: „Schau mal, der ist total blau“. Obwohl seine
Gesichtsfarbe natürlich ganz normal aussieht. Wenn die Freundin
nicht versteht, was das bedeuten soll, sagt die junge Frau: „Du
stehst aber ganz schön auf dem Schlauch“. Das heißt, es dauert zu
lange, bis sie es versteht. Die Frau findet das nicht nett, sie
hält ihre Freundin für verrückt und sagt: „Du hast eine Meise“.
Wenn sie aber nur schlechte Laune hat, ohne Grund, dann ist sie
vielleicht mit dem falschen Fuß aufgestanden. Das sagt man so.
Das ist eine Redewendung – aber auch darüber müssen wir in einer
anderen Folge mal ausführlicher sprechen.
Es gibt einige Ausrufe, die typisch sind für die Umgangssprache.
Boah ey zum Beispiel. Das ist ein Ausdruck des Erstaunens, der
hauptsächlich von Jugendlichen zu hören ist. Sehr gebildet oder
klug klingt das übrigens nicht. Als Bestärkung kann man sagen:
„Das gefällt mir eh nicht“. Das „eh“ steht dabei für sowieso.
Oder ein Fragewort, das vor allem in Süddeutschland oft gebraucht
wird: „Es ist schön heute, gell?“ Das „gell“ heißt so viel wie
„nicht wahr?“ oder „meinst Du nicht auch?“.
Typisch in der Umgangssprache ist es natürlich auch, neue Wörter
zu finden. Aus dem Hund wird ein Köter oder eine Fußhupe. Aus der
Katze ein Stubentiger. Aus Brüsten werden Möpse, aus Geld wird
Kohle. Wer lernen muss, der paukt. Obwohl das nichts mit der
Pauke, also einer großen Trommel, zu tun hat. Wer schnell viel
isst, der mampft. Das ist ein schönes Wort, finde ich, da es sich
so anhört wie jemand, der mit vollen Backen kaut. Mampfen.
Und weil man in der Umgangssprache zu faul ist, lange Wörter
auszusprechen, werden sie einfach abgekürzt. Die Lokomotive wird
zur Lok, das Abitur zum Abi und die Mathematik wird zu Mathe.
Natürlich verändert sich die Umgangssprache über die Jahre. Wer
früher, also vor 50 Jahren, etwas gut fand, der sagte dazu dufte,
prima oder famos. All diese Wörter verwendet heute leider niemand
mehr. Ein Teenager war damals ein Backfisch. Schön, oder? Heute
ist etwas eher cool oder toll. Oder geil. Das ist ein Wort, das
die Jugendlichen alle benutzen – die älteren aber zucken
zusammen, weil es früher einen sexuellen Kontext hatte. Welchen?
Das müsst Ihr selber nachlesen.
Das war Slow German für heute. Weitere Informationen findet Ihr
unter slowgerman.com, dort könnt Ihr die Texte zu den Folgen als
PDF herunterladen, dazu noch Lernmaterial, und alle alten Folgen,
und dort findet Ihr auch die Links zu Facebook und Twitter – und
Informationen, wie Ihr diesen Podcast unterstützen könnt, damit
ich noch mehr Episoden produzieren kann. Viel Spaß beim Deutsch
lernen! Eure Annik
Text der Episode als PDF:
https://slowgerman.com/folgen/sg62kurz.pdf
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