Heute erzähle ich dir eine Geschichte, die im Jahr 1988 beginnt.
Wir sind in Berlin. Dort steht das sehr bekannte Kaufhaus KaDeWe,
das ist die Abkürzung für Kaufhaus des Westens. Ein Unbekannter
fordert eine halbe Million D-Mark von diesem Kaufhaus. Das ist eine
Erpressung. In der Nacht explodiert in diesem Kaufhaus eine Bombe.
Vieles geht kaputt, aber verletzt wird niemand. Jetzt ist die Angst
groß, dass so etwas noch einmal passieren kann. Also will das
KaDeWe die Summe bezahlen. Der Geldbote bekommt über Funk
Anweisungen vom Erpresser. Er soll in einen Zug einsteigen und das
Geld an einer bestimmten Stelle aus dem Fenster werfen. Die
Übergabe klappt - das Geld ist weg. Ein paar Jahre ist Ruhe. Doch
dann passiert in einem Hamburger Kaufhaus etwas ähnliches. Wieder
explodiert nachts ein Sprengsatz nach einer Geldforderung. Und so
geht es immer weiter. Ungefähr 30 Mal spielen Erpresser und Polizei
Katz und Maus. Ich kann mich gut an diese Zeit erinnern, denn diese
Fälle waren oft amüsant und irgendwie fieberten wir mit und
hofften, er würde nicht erwischt werden. Der Erpresser ließ sich
kreative Dinge einfallen, um an das Geld zu kommen ohne erwischt zu
werden. Er hatte viel Fantasie. Zum Beispiel sollte das Geld mit
einem Magnet an einem Zug befestigt werden und dann per
Fernsteuerung abfallen. Oder das Geld sollte in eine Streusandkiste
gelegt werden - und der Erpresser entkam durch die Kanalisation. Er
hatte vorher alles genau vorbereitet - als Bauarbeiter verkleidet.
Er benutzte viel Technik, von Richtmikrofonen über Bewegungsmelder.
Seinen Spitznamen bekam er durch eine Zeitungsanzeige: "Dagobert",
so wie die Comicfigur Dagobert Duck. Auch wenn kriminelle Menschen
etwas Falsches tun - irgendwie mochten wir Dagobert. Er war schlau,
er nahm das Geld von Unternehmen und nicht von einzelnen Menschen,
und er sorgte dafür, dass keine Menschen verletzt wurden. Das hatte
schon etwas von Robin Hood, irgendwie. Auch wenn er das Geld für
sich selber behielt und nicht den Armen gab. Einmal war ein
Polizist ihm so nah, dass er schon nach seinem Ärmel greifen konnte
- doch dann rutschte er aus und Dagobert konnte wieder einmal
entkommen. Aber dann wurde er doch gefasst. Da die Polizei immer
wusste, wann Dagobert anrufen würde, beobachtete sie zu diesem
Zeitpunkt im Frühjahr 1994 viele Kartentelefone im Süden von
Berlin. Dabei fiel den Beamten ein Auto auf, in dem ein Fahrrad war
- genau mit diesem Fahrrad war der Erpresser einmal geflüchtet. Das
Auto war ein Mietwagen, und schon hatten die Ermittler endlich
Dagoberts richtigen Namen erfahren: Arno Funke. Beim nächsten
Erpresseranruf wurde der observierte - also beobachtete - Funke
festgenommen. Die Bilanz: Schäden in Höhe von 10 Millionen D-Mark.
Dazu noch viele, viele Polizeieinsätze und extrem hohe
Telefonkosten. Neun Jahre lang musste Arno Funke ins Gefängnis,
dazu musste er einen Schadensersatz von 2,5 Millionen D-Mark an die
Kaufhauskette Karstadt bezahlen. Funke wurde dann aber doch
frühzeitig entlassen, und zwar nach sechs Jahren und vier Monaten
Haft. Wer steckt also hinter Dagobert? Arno Funke wurde 1950
geboren. Er hat einen hohen IQ, er gilt als hochbegabt und
handwerklich geschickt. Er arbeitete in verschiedenen Jobs, zum
Beispiel als Fahrer, Fotograf und DJ. Dann auch als Kunstlackierer
in einer Autowerkstatt. Dabei atmete er so viele giftige Gase ein,
dass sein Gehirn geschädigt wurde. Das führte zu Depressionen und
privaten Problemen. Nach eigener Aussage stand er kurz vor dem
Selbstmord. Für das Gericht wirkte diese Tatsache schuldmindernd.
Das bedeutet, dass seine Gefängnisstrafe wahrscheinlich länger
gewesen wäre, wenn er keine psychischen Probleme gehabt hätte.
Schon im Gefängnis fing Arno Funke an, zu zeichnen. Daraus machte
er einen Beruf - er illustriert auch heute noch die Zeitschrift
"Eulenspiegel". Seine Karriere als Dagobert hat er in einem Buch
festgehalten. Und 2013 nahm er an der Show "Ich bin ein Star - Holt
mich hier raus!" teil. Das ist eine Show, bei der Prominente im
australischen Dschungel leben und verschiedene Mutproben bestehen
müssen. Dort wirkte er zurückhaltend und ruhig. Er betont, dass er
seine Strafe verbüßt hat und heute ein ganz normaler Mensch ist -
wie alle anderen auch. Das nennt man resozialisiert. Und seine
Schulden bei der Kaufhauskette Karstadt hat er mittlerweile auch
bezahlt. Text der Episode als PDF:
https://slowgerman.com/folgen/sg229kurz.pdf
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