Was für eine komische Vorstellung: Nach Afrika fahren und dort die
deutsche Sprache zu hören. Die europäischen Kulturen haben sich
gerne in der ganzen Welt ausgebreitet. So auch Deutschland. Über
die deutschen Kolonien spricht aber heute kaum noch jemand. Ich
erzähle Dir etwas darüber. Was brauchte man, um eine Kolonie
aufzubauen? Zunächst mal braucht man Schiffe, um überhaupt in die
anderen Länder fahren zu können. Und natürlich politische Ziele,
das eigene Land auszuweiten. Andere Länder wie England, Frankreich,
Portugal und Spanien hatten beides und waren sehr erfolgreich mit
ihren Kolonien. Deutschland nicht. Ein paar Versuche gab es, aber
sie waren ohne Erfolg. Gut, eine einzige Kolonie schaffte es früh:
1683 wurde eine deutsche Festung in Ghana gebaut, um mit Gold und
Sklaven zu handeln. Mehr passierte lange Zeit nicht. Gut,
Deutschland war auch kein geeintes Land, sondern bestand aus vielen
kleinen Einzelstaaten. Das war sicher ein Grund dafür. Erst 1871
wurde das Deutsche Reich gegründet - dazu gibt es mehr in der Slow
German-Episode 172 zu Otto von Bismarck. In der Verfassung des
Deutschen Reiches gab es nun auch einen Artikel über "die
Kolonisation". Also war der politische Wille jetzt da. Schiffe
hatte man mittlerweile auch. Reichskanzler Otto von Bismarck war
aber nicht begeistert vom Gedanken der Kolonien. Die Kosten für so
eine Kolonie würden oft den Nutzen übersteigen, sagte er. Und die
deutsche Marine sei noch nicht weit genug entwickelt. Statt ganze
Länder zu kolonialisieren, baute Deutschland einzelne kleine
Stützpunkte auf. 1868 wurde ein deutsches Marine-Krankenhaus in
Japan gebaut, es gab Stützpunkte in China und Japan für die
deutschen Schiffe und Marinesoldaten. Später dann auch in Afrika.
Im Deutschen Reich fanden immer mehr Menschen den Gedanken von
deutschen Kolonien reizvoll. Es wurden Vereine gegründet, viele
Menschen wollten auswandern. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871
wanderten pro Jahr ungefähr 200.000 Menschen aus - viele von ihnen
nach Amerika. Aber immerhin einige Zehntausend zogen auch in die
neuen Kolonien in Afrika. 1884 gab es dann eine aus heutiger Sicht
skurrile Konferenz in Berlin: Bei der "Kongo-Konferenz"
verhandelten die USA, Deutschland und das Osmanische Reich darum,
welche Bereiche Afrikas sie unter sich aufteilen könnten. Viel war
nicht übrig, weil andere Länder sie schon kolonialisiert hatten.
Der Rest wurde dann also verteilt. Die afrikanische Bevölkerung
wurde nicht nach ihrer Meinung gefragt. Und so reisten einige
Kolonialherren nach Afrika und nahmen sich das Land - entweder sie
kauften es für wenig Geld oder sie nahmen es sich mit Gewalt. So
lief es oft ab: Privatmenschen, das waren meistens Kaufleute,
gingen ins Ausland. Dort bauten sie sich etwas auf und baten dann
Deutschland um Schutz. Bismarck nannte die Kolonien daher auch
lieber "Schutzgebiete". Deutsch-Südwestafrika war das heutige
Namibia, Deutsch-Ostafrika war im heutigen Tansania, Burundi und
Ruanda. Man schickte Polizisten und Beamte in die neuen Kolonien,
baute Schulen, Kirchen und Kultureinrichtungen. Auch christliche
Missionare waren unterwegs, um die Menschen in Afrika vom
christlichen Glauben zu überzeugen. Was gab es noch? In Afrika noch
Togo und Kamerun. Im Pazifik Deutsch-Neuguinea und Deutsch-Samoa.
Dort baute man Kaffee, Kakao und Kokosnüsse an. In den Kolonien gab
es nunmal viele Dinge, die es in Deutschland nicht gab - für den
Handel waren sie also sehr interessant. Einen Gewinn brachten die
Kolonien aber dennoch nicht. Trotzdem war 1884 das deutsche
Kolonialreich nach dem britischen und französischen flächenmäßig
das Größte. Ein geflügeltes Wort wurde der Ausspruch des späteren
Kanzlers Bernhard von Bülow. Er forderte einen "Platz an der
Sonne". Es wurden nur noch kleine Bereiche in China erworben und
ein paar kleine Inseln. Ich möchte hier auch nicht alle Gebiete
aufzählen, denn darum geht es nicht. Wichtiger ist, was eigentlich
der Gedanke hinter diesen Kolonien war. Man wollte zum einen einen
Vorteil für Handelsbeziehungen. Das kann ich noch verstehen, wenn
man es fair getan hätte. Zum anderen wurde aber kaum Rücksicht
genommen auf die Menschen, die bereits in diesen Ländern lebten.
Und damit sind wir bei der dunklen Seite der deutschen
Kolonialzeit. Die Deutschen kamen zum Beispiel nach
Deutsch-Südwestafrika und machten sich dort breit. Sie nahmen sich
mit Gewalt, was sie haben wollten. Die Einheimischen hatten immer
weniger Platz für ihre Rinder. Oft wurden sie in die Armut
getrieben. Auf Angriffe reagierten die Deutschen mit Gewalt: Sie
verbrannten Dörfer, nahmen den Menschen Schutz vor wilden Tieren.
1904 kam es zu einem Konflikt zwischen Kriegern der Herero und
deutschen Siedlern. Es folgte eine Schlacht, bei der die
einheimischen Herero in die Wüste getrieben wurden. Sie
verdursteten. Historiker sagen heute, dass das ein Völkermord war.
Der deutsche Generalleutnant hatte sie nicht nur vertreiben wollen,
sondern ihnen absichtlich den Zugang zu Wasserstellen versperrt.
Geschätzt überlebte nur ein Viertel der Herero dieses Verbrechen.
Einem anderen Volk, den Nama, ging es ähnlich. Insgesamt sollen
75.000 afrikanische Menschen umgebracht worden sein. Die Deutschen
lernten zwar aus diesen Kriegen und stellten ihre Politik um. Aber
lang dauerte die Kolonialzeit dennoch nicht mehr. Denn auch in der
europäischen Heimat war es mittlerweile nicht mehr friedlich: Der
Erste Weltkrieg war ausgebrochen. Fast alle deutschen
Kolonien fielen an die Alliierten, das besiegelte der Versailler
Vertrag im Jahr 1920. Im Zweiten Weltkrieg dann plante Adolf Hitler
eine Kolonialisierung Afrikas - zum Glück wurde dieser Alptraum nie
wahr. Und heute? In Namibia gibt es noch knapp 20.000
deutschsprachige Bewohner. Die namibische Armee arbeitet mit der
Bundeswehr zusammen. Sonst ist der deutsche Einfluss im Rest der
Welt nicht mehr groß.
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