Um die angemessene fachliche bzw. technische Tiefe des Themas für
das IHK-Abschlussprojekt für Anwendungsentwickler:innen geht es in
der einhundertsechsundachzigsten Episode des IT-Berufe-Podcasts.
TL;DR Für dein Abschlussprojekt als Fachinformatiker:in
Anwendungsentwicklung empfehle ich eine betriebliche Aufgabe, bei
der du selbstständig Software entwickelst und dein Vorgehen mit
passenden Artefakten belegst. Eine kleine Anwendung mit
Datenhaltung und einer Oberfläche bietet dafür zusammen mit eigener
Geschäftslogik einen passenden Rahmen. Als grobe Orientierung
reicht eine Handvoll Entitäten; entscheidend ist, dass du die
vorgesehenen 80 Stunden sinnvoll ausfüllst. Wenn eine Komponente
fehlt, müssen die übrigen Bereiche mehr fachliche Tiefe und
methodische Nachweise liefern. Ein genehmigter Projektantrag gibt
dir einen ersten Anhaltspunkt, während deine Note von dem abhängt,
was du im Projekt zeigst. Kapitelmarken [00:00:00] Thema: Fachliche
Tiefe des Abschlussprojekts [00:02:22] Aussagekraft eines
genehmigten Projektantrags [00:05:33] Wie Prüfer:innen
Projektanträge beurteilen [00:08:32] Berufliche Handlungsfähigkeit
und methodische Nachweise [00:09:46] Datenhaltung, Geschäftslogik
und Schnittstellen [00:13:57] Daumenregeln für Umfang und eigene
Algorithmik [00:15:42] Fehlende Komponenten und aussagekräftige
Artefakte [00:20:42] Orientierung an Tabellen, Klassen und
Bildschirmansichten [00:21:51] REST-APIs ohne grafische Oberfläche
dokumentieren [00:24:30] Beispiele für passende Projektthemen
[00:25:39] Wann du ein anderes Projekt wählen solltest [00:26:37]
Beispiel: Eine digitale IT-Bibliothek [00:28:15] Schwierigkeiten
bei SAP-Projekten [00:31:00] Zu kleine Projekte und realistische
Zeitplanung [00:32:14] Thema prüfen und Unterstützung im
Ausbildungsbetrieb suchen [00:33:55] Ergänzende Inhalte zur
Methodik und Hilfe im Forum [00:35:36] Website und Newsletter
Inhalt Viele Projektanträge zum Abschlussprojekt werden abgelehnt,
weil das umzusetzende Projekt nicht die nötige fachliche bzw.
technische Tiefe aufweist. In unserem Prüfungssystem gibt es dafür
sogar einen expliziten Ablehnungsgrund. Doch was heißt es genau,
dass die fachliche Tiefe nicht erreicht wurde? Welche fachliche
Tiefe ist überhaupt angemessen und wie erkenne ich als Prüfling, ob
ich sie erreiche? Mein Standardbeispiel: Projektverwaltung Ich
führe als Beispiel für eine übliche Projektarbeit für
Anwendungsentwickler:innen immer eine klassische Web-Anwendung an.
Nehmen wir das oft strapazierte Beispiel einer
Zeiterfassungssoftware oder einer Projektverwaltung. Dabei handelt
es sich um eine kleine Web-Anwendung mit ein paar
Datenbanktabellen, etwas fachlicher Logik und ein paar netten
Oberflächen. In solch einer Anwendung kann ich als
Anwendungsentwickler:in alles zeigen, was ich in meiner
dreijährigen Ausbildung gelernt haben sollte. Soll ich ein Projekt
enpfehlen, führe ich deswegen gerne dieses Beispiel für ein
fachlich ausreichendes Projekt für die Abschlussprüfung an. Ich
kann eine Datenbank modellieren, z.B. mit einem ERM oder
Tabellenmodell. Ich kann ein Klassendesign entwerfen, z.B. mit
einem Klassendiagramm oder gar mit Test Driven Development. Ich
kann die Oberflächen gestalten, natürlich nach ergonomischen
Gesichtspunkten und mit Mockups für den ersten Entwurf. Außerdem
muss ich mich um das Zusammenspiel der Komponenten kümmern und
brauche dafür eine tragfähige Architektur, z.B. MVC. Kurz gesagt
ist in solch einem Projekt alles Technische enthalten, was man
heutzutage in der Programmierung können muss. Und ich kann mich
vieler Methoden der Softwareentwicklung bedienen, die mein
planvolles Vorgehen dokumentieren. Hast du auch ein paar konkrete
Zahlen? Als ganz grobe Daumenregel für Anwendungsentwickler:innen
führe ich immer ein "klassisches" Webprojekt an: kleine Datenbank,
ein bisschen Logik, Frontend drüber. Da kann man das volle Spektrum
der Entwicklungstätigkeiten zeigen. ca. fünf Datenbanktabellen
("eine Hand voll") ca. fünf Oberflächen dazu ca. zehn Klassen
(tendenziell eher mehr) Sollte die Anwendung eine komplizierte
Logik umsetzen, kann natürlich bei den anderen Komponenten
entsprechend gekürzt werden. Diese grobe Richtlinie ist sicherlich
nicht allgemeinverbindlich. Es kommt immer auf den Einzelfall an.
Ich möchte nur deutlich machen, dass eine triviale
Konsolenapplikation, die eine Textdatei einliest und wieder
speichert, nicht ausreicht. Es sei denn, die Applikation verwendet
dafür einen selbst programmierten Verschlüsselungsalgorithmus. Die
Diagramme aus dem Titelbild dieser Episode sollten offensichtlich
zeigen, dass dieser Umfang für ein Abschlussprojekt nicht
ausreicht! Aber ich habe schon Artefakte in echten Dokus gesehen,
die nicht viel umfangreicher waren (z.B. nur zwei Use-Cases oder
drei Aktivitäten). Brauche ich alle Komponenten - Datenbank, Logik,
UI? Das heißt nicht, dass jedes Abschlussprojekt alle genannten
Komponenten umfassen muss. Nicht alle Unternehmen haben die
Anforderung, Weboberflächen über Datenbanken zu gestalten. In
vielen Betrieben wird eine bestehende Software erweitert, eine
Oberfläche angepasst, oder eine Datenbank um zusätzliche Tabellen
erweitert. Oft werden auch Programme benötigt, die gar keine
grafische Oberfläche haben. Wenn es z.B. um den Datenabgleich
zwischen ERP-System und Webshop geht, der nachts als Batchjob
laufen soll, ist es völlig unnötig, eine schön gestaltete grafische
Oberfläche dazu zu entwickeln. Auch werden inzwischen oft REST-APIs
als Abschlussprojekt erstellt, die natürlich auch nicht von
Menschen bedient werden. Daher ist es völlig legitim, auf die ein
oder andere Komponente im Abschlussprojekt zu verzichten. Auch
heißt es umgekehrt nicht automatisch, dass man ein fachlich
ausreichendes Projekt hat, nur weil alle Schichten Berücksichtigung
finden. Eine Weboberfläche mit einem Formular, die simple
CRUD-Operationen gegen eine Datenbanktabelle durchführt, ist
selbstverständlich nicht umfangreich genug. Mein Anti-Beispiel:
SAP-Projekte Dieses Problem haben meiner Erfahrung nach oftmals die
Anwendungsentwickler:innen im SAP-Umfeld. Hier wird häufig nur sehr
wenig tatsächlicher Code produziert, sondern viel mehr Zeit für die
hochkomplexe Infrastruktur verbraten. Da gehen allein schon 7
Stunden drauf, bis man den richtigen Einstiegspunkt in die
"Transaktion" (oder wie auch immer das dort heißt) gefunden hat.
Und die meisten Inhalte lassen sich dann mit SAP-Mitteln
generieren, sodass der Entwickler eigentlich fast gar nichts mehr
tun muss. In eine ähnliche Richtung gehen heutzutage immer mehr die
Low-Code- oder No-Code-Plattformen. Da wird kaum selbst
programmiert, sondern einfach was zusammengeklickt. Und da muss ich
mich dann schon fragen lassen, wie ich "Anwendungsentwickler:in"
werden will, wenn ich gar keine Anwendung entwickle. Aber es gibt
auch Negativbeispiele aus anderen Bereichen. Mein persönliches
Highlight aus einer Abschlussprüfung war eine einzelne HTML-Seite,
die mit 20 Zeilen JavaScript angereichert wurde. Das Problem war,
dass der Prüfling selbst überhaupt nicht verstand, warum dieses
Projekt nicht ausreichend war. Sein:e Ausbilder:in hatte ihn
offensichtlich überhaupt nicht darauf vorbereitet. Und er war sehr
enthusiastisch und freute sich richtig über sein Projekt. Das tat
mir dann wirklich leid, da die Schuld für dieses unzureichende
Projekt sicherlich nicht beim sehr motivierten Prüfling zu suchen
war. Methodik ist das A und O Kurz gesagt sollte ein
Abschlussprojekt zeigen, dass du methodisch Software entwickeln
kannst, die eine gewisse Komplexität aufweist. Dazu habe ich in
dieser Podcast-Episode noch viel mehr zu erzählen: Sinnvoller
Aufbau/Ablauf eines IHK-Projekts in der Anwendungsentwicklung. Es
geht darum, dass du deine Fähigkeiten angemessen unter Beweis
stellst. Du sollst methodisch Software entwickeln und die
Projektarbeit wirtschaftlich umsetzen. Dazu gehört u.a. eine
Betrachtung der Kosten und der Amortisation, der Einsatz von
Modellierungs- oder Dokumentationsmethoden (z.B. ERM, UML, EPK,
Mockups), das Erstellen sinnvoller Dokumentationen (z.B. für
Kunden, Betrieb, Entwickler), das planvolle Vorgehen bei der
Projektumsetzung (z.B. Projektplan, Iterationsplanung,
Gantt-Chart), eine gute Qualitätssicherung (z.B. Unit-Tests,
Abnahmeprotokoll) usw. Individuelle Einschätzung Wenn du dir nicht
sicher bist, ob dein geplantes Programm als Abschlussprojekt
ausreicht, dann frag deine:n Ausbilder:in oder deine:n
Berufsschullehrer:in. Die sollten die nötige Erfahrung mitbringen
und die Anforderungen der IHKen einschätzen können. Alternativ
stell dein Projekt doch im Forum vor oder schreib mir eine Mail.
Ich helfe dir gerne mit einer kurzen Einschätzung weiter - aber
erst nachdem du diese Podcast-Episode gehört hast. Links Permalink
zu dieser Podcast-Episode RSS-Feed des Podcasts Sinnvoller
Aufbau/Ablauf eines IHK-Projekts in der Anwendungsentwicklung
Zusammenfassung Was du mit deinem Abschlussprojekt zeigen sollst
Als Prüfer achte ich darauf, ob du eine betriebliche Aufgabe
selbstständig von Anfang bis Ende bearbeiten kannst. Für dich als
IT-Azubi im Beruf Fachinformatiker:in Anwendungsentwicklung gehört
dazu, dein Projekt zu planen und die Kosten zu kontrollieren. Du
berechnest auch, wann sich die Software amortisiert, während du die
benötigten Ressourcen einplanst. Wie du Software methodisch
entwickelst, belegst du durch passende Artefakte in deiner
Projektdokumentation. Was ein genehmigter Antrag aussagt Der
Prüfungsausschuss prüft anhand deines Antrags, ob sich dein
Vorhaben als Abschlussprojekt eignet. Je nach IHK stehen dir dafür
nur wenige Textfelder zur Verfügung, sodass Prüfer:innen Teile
deines Vorhabens aus der Beschreibung ableiten müssen. Dabei
entstehen Erwartungen an den Umfang und an die Artefakte, die du
später zeigst. Prüfer:innen arbeiten ehrenamtlich und bearbeiten
teilweise viele Anträge innerhalb kurzer Fristen. Grundsätzlich
sollen zwei Personen jeden Antrag prüfen....
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