Zerstört das Internet die Demokratie, Ralph Hertwig?

Zerstört das Internet die Demokratie, Ralph Hertwig?

1 Stunde 17 Minuten

Beschreibung

vor 3 Wochen

Im neuen Podcast "Nur eine Frage" stellt ZEIT-Chefredakteur
Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, auf die eine
klare Antwort schwer zu finden ist. Er befragt die bestmögliche
Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige
Thema finden können – und versucht, Antworten zu bekommen.


In dieser Folge geht es um eine der womöglich größten
menschlichen Errungenschaften: das Internet. Anfangs wurde es
bejubelt als Raum grenzenloser Meinungsfreiheit, der weltweit
Demokratiebestrebungen befördern würde. Die Realität heute ist
eine andere: Social-Media-Plattformen wie X und Instagram
dominieren den digitalen Raum, ihre Algorithmen belohnen
Aufregung, während Fake-News, Hass und Hetze nur zögerlich oder
gar nicht eingedämmt werden.


Hat sich die Demokratie-Maschine Internet ins Gegenteil verkehrt?
Zerstört das Internet die Demokratie – das fragen wir dieses Mal
bei "Nur eine Frage" den Psychologen und Entscheidungsforscher
Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive
Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in
Berlin. Er beschäftigt sich seit rund fünf Jahren mit den
Auswirkungen der Digitalisierung und der sozialen Medien auf die
Demokratie – eine Zeit, in der ein Großteil der Forschung hierzu
erst entstanden ist.


Die Forschung zum Thema ist schwierig: Zum einen lassen sich in
der Realität im Vergleich zu Laborbedingungen viel schlechter
belastbare Experimente durchführen. Zum anderen ließen die
Betreiber der Plattformen kaum unabhängige Forschung zu ihren
Effekten zu – sie halten die Algorithmen unter Verschluss, um
Geschäftsgeheimnisse zu schützen. Die Zusammenhänge und
Wechselwirkungen zwischen digitalen Medien und demokratischen
Gesellschaften sind zudem komplex, betont Hertwig. Sich ihre
Einflüsse auf demokratische Prozesse anzusehen, sei aber dennoch
wichtig – gerade weil sie so verschiedenartig sind.


Laut einer Metaanalyse von Hertwig und seinem Forschungsteam
können digitale Medien sowohl positive als auch negative Effekte
auf Demokratien haben. Positiv wirkt sich offenbar aus, dass
Menschen sich Wissen aneignen, politisch teilhaben und
unterschiedliche Meinungen kennenlernen können. Zugleich
korreliere das Aufkommen digitaler Medien allerdings auch mit
Vertrauensverlust in Institutionen, wachsender Polarisierung
sowie mehr Hass und Fehlinformationen.


Dennoch: Man könne die aktuellen Krisen der Demokratie nicht
ausschließlich mit sozialen Medien erklären, sagt der Forscher.
Hertwig hebt bestimmte Geschäftsmodelle der großen Plattformen
hervor. Ihre Algorithmen, die nach der Logik der sogenannten
Aufmerksamkeitsökonomie funktionieren, könnten
demokratieschädliche Effekte fördern und extreme Positionen und
polarisierende Inhalte favorisieren.


Wenn Realitäten verzerrt, Menschen getäuscht und Filterblasen
gefördert werden, um Nutzerinteraktionen zu steigern, schade das
der Demokratie, sagt Hertwig.


Trotz allem plädiert Hertwig für Optimismus. Maßnahmen wie
digitale Bildung, Förderung kritischer Denkweisen und kluge
Regulierung der Plattformen könnten negative Effekte eingrenzen.


Produktion: ifbbw


Redaktion: Carl Friedrichs, Jens Lubbadeh


Alle Folgen unseres Podcasts finden Sie hier. Fragen, Kritik,
Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.

Kommentare (0)

Lade Inhalte...
15
15