Episoden

STÖRFREQUENZ: 1984½ – Die Akte der Freiwilligen
14.12.2025
27 Minuten
„1984½ – Die Akte der freiwilligen Bürger“ ist ein politisches Radiostück zwischen Moritat, Kabarett und musikalischem Hörspiel – inspiriert von George Orwells 1984, aber radikal in die Gegenwart verlängert. Kein Remake, keine Nacherzählung, sondern eine analytische Zuspitzung: Was geschieht, wenn Unterdrückung nicht mehr befiehlt, sondern erklärt? Wenn Macht nicht droht, sondern optimiert? Wenn Freiheit nicht genommen, sondern freiwillig abgegeben wird? Im Zentrum steht Winston S., ein unscheinbarer Sachbearbeiter im „Ministerium für Digitale Selbstoptimierung“. Seine Arbeit besteht darin, Bürger zu bewerten: Profile, Scores, Standards. Er ist kein Held, kein Widerständler – sondern Teil eines Systems, das ohne Gewalt auskommt und dennoch tief in das Leben der Menschen eingreift. An seiner Seite Jule, eine Kollegin, die mit kleinen Fehlern im System Räume für Menschlichkeit offenhält. Und Herr Oberin, der Sprachverwalter, der erklärt, wie Denken heute zu klingen hat, damit es nicht stört. Ein dunkler Erzähler führt durch die Handlung, kommentiert, ordnet ein, legt frei. Dialoge sind auf ein Minimum reduziert, die eigentliche Erzählung geschieht in Songs: bitterböse Moritaten, kalte Lehrlieder, zynische Chöre. Musikalisch bewegt sich das Stück im Geist von Brecht/Weill/Dessau: verstimmtes Klavier, Tuba, Klarinette, Banjo, sparsame Rhythmen – getragen von einer dunklen Baritonstimme, die eher entlarvt als verführt. „1984½“ erzählt von einer Gesellschaft, in der Überwachung zur Dienstleistung geworden ist, Sprache vereinfacht wird, um Denken zu begrenzen, und Anpassung als Tugend gilt. Die Bürger sind keine Opfer – sie sind Mitwirkende. Sie singen selbst das Lied ihrer freiwilligen Unterwerfung. Die große Bedrohung ist nicht der Tyrann, sondern der Standard. Dieses Radiostück will nicht beruhigen, sondern irritieren. Es will nicht belehren, sondern sichtbar machen. Es fragt, wo wir heute stehen – und wie bequem Unfreiheit sein kann, wenn sie freundlich daherkommt. Eine politische Radiomoritat für alle, die ahnen, dass Kontrolle heute leise spricht.
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Die langen Schatten der Nan-a-Maru
17.08.2025
16 Minuten
Ein unscheinbarer Fund im Keller des argentinischen Obersten Gerichtshofs hat ein verdrängtes Kapitel der Vergangenheit neu aufgerissen: Tausende Mitgliedsbücher der Deutschen Arbeitsfront, Propagandafotos und Nazi-Symbole lagerten dort jahrzehntelang unbeachtet. Was wie ein kurioser Zufall wirkt, entpuppt sich als Spiegelbild der argentinischen Erinnerungspolitik – geprägt von Verdrängung, selektiver Aufarbeitung und politischer Instrumentalisierung. Die Kisten waren bereits 1941 im Zuge von Polizeirazzien sichergestellt worden, doch statt transparenter Aufarbeitung verschwanden sie im Gerichtskeller. Historiker sprechen von Verschleierung. Präsident Javier Milei inszeniert die späte Wiederentdeckung nun als Akt der Transparenz, doch Kritiker sehen darin vor allem Imagepflege. Denn Argentinien war nach 1945 nicht nur Zufluchtsort für NS-Verfolgte, sondern auch für Täter wie Eichmann oder Mengele – ein ambivalentes Erbe, das bis heute fortwirkt. Der Fund wirft daher zentrale Fragen auf: Sind Archive Orte der Aufklärung oder der politischen Selbstrechtfertigung? Geht es um historische Verantwortung – oder um ein Marketingprojekt für eine Regierung, die sich weltoffen geben will, während sie das Gedenken zugleich ökonomisiert? Die „Störfrequenz“-Folge zeigt, wie eng Erinnerung, Macht und Schweigen verknüpft bleiben. Und wie brüchig der Versuch ist, Geschichte mit Ausstellungen und Pressekonferenzen zu bändigen, solange die eigentlichen Konflikte nicht öffentlich verhandelt werden.
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Scheinwerfer auf Alaska, Schatten über Europa
17.08.2025
8 Minuten
In der aktuellen „Störfrequenz“-Folge spricht Holger Elias mit Miles Rowan vom investigativen Journalistenkollektiv Unfold News Research über das jüngste Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska. Offiziell blieb die Begegnung ergebnisarm – doch gerade diese Leerstelle sorgt für Unruhe. Rowan warnt: Was nicht verkündet wird, kann umso gravierender im Hintergrund verhandelt worden sein – von Energie-Deals bis hin zur Zukunft der Ukraine, die im schlimmsten Fall zur bloßen Verhandlungsmasse degradiert wird. Besonders kritisch beleuchtet das Gespräch Europas Rolle. Statt als eigenständiger Akteur aufzutreten, klammert sich die EU an die „transatlantische Freundschaft“, obwohl die USA unter Trump ihre Verlässlichkeit längst verloren haben. Rowan spricht von „Selbstverleugnung“: Europa müsse lernen, sich aus der politischen Hörigkeit gegenüber Washington zu befreien und eine unabhängige Außen- und Sicherheitspolitik aufzubauen. Doch der wichtigste Punkt liegt für ihn nicht im Militärischen, sondern im Inneren: Europas Überlebensfrage ist die Stärkung der Demokratie. Populismus, Wahlmüdigkeit und autoritäre Versuchungen bedrohen die Stabilität weit stärker als fehlende Panzer. Statt Milliarden in den militärisch-industriellen Komplex zu pumpen, brauche es Investitionen in Bildung, Teilhabe und soziale Gerechtigkeit. Nur eine lebendige Demokratie sei langfristig der wirksamste Schutz gegen autoritäre Rückfälle – nach innen wie nach außen.
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Chile und der neue Rohstoffkrieg
15.08.2025
8 Minuten
Wer Lithium sagt, denkt an die grüne Zukunft: E-Autos, Batterien, Klimarettung. Doch in der Atacama-Wüste zeigt sich, was dieser schöne Schein verschweigt: ausgetrocknete Flussbetten, verdorrte Felder, ganze Dörfer, denen das Wasser genommen wird – damit Konzerne den »weißen Schatz« fördern können. In der neuen Folge von Störfrequenz reisen wir mitten hinein in diesen globalen Konflikt. Es geht nicht nur um Technik und Märkte, sondern um Macht,Abhängigkeiten und alte koloniale Muster in neuem Gewand. Chile, einst Symbol für den Kampf um Ressourcen beim Kupfer, ist heute Dreh- und Angelpunkt der Lithium-Ökonomie. Während die Gewinne in den Norden fließen, bleiben im Süden Staub, Armut und Umweltzerstörung zurück. Doch die Geschichte geht tiefer: Wie verwandelt sich dieEnergiewende in ein Geschäftsmodell für geopolitische Dominanz? Welche Rolle spielen NATO, Investitionsabkommen und das Vokabular von »Nachhaltigkeit«? Und: Ist der »Rohstoffkrieg« nur die Fortsetzung imperialer Logik unter grünem Vorzeichen? Redaktion: Holger Elias
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Illegal ist, was ihr draus macht
14.08.2025
27 Minuten
Emile Sagan seziert den politisch aufgeladenen Begriff »illegale Migration« als Sprachwaffe, die Menschen entrechtet und das Asylrecht aushöhlt. Kernthese: »Illegalität« ist kein persönliches Delikt, sondern ein von außen verordneter Status, der Rechte entzieht. Juristische Basis sind die Genfer Flüchtlingskonvention. Auch das Grundgesetz sichert das Recht, Schutz zu suchen – auch bei »unerlaubter« Einreise; im Verfahren besteht legaler Aufenthalt. Dennoch verbreiten Politik und Medien den Begriff und knüpfen damit Migration an Kriminalität: Beispiele reichen von Boulevard über Merz’ Rede von »illegaler Migration in unsere Sozialsysteme« bis zu Tagesschau-Formulierungen. Die Wiederholung schaffe Plausibilität, verschiebe Verantwortung von globalen Ursachen auf Individuen und bereite restriktive Politik vor. Empirie und Fallbeispiele zeigen Folgen: Racial Profiling, Abschiebehaft, Familienabschiebungen, Pushbacks – eine Praxis, die menschenrechtliche Standards verletzt. Sagan kontrastiert dies mit Gegenbewegungen und juristischen Korrekturen, die präzise Sprache einfordern. Fazit: Nicht Flucht ist illegal, sondern die Entrechtung im Namen der Sicherheit. Der Text plädiert für eine Rückeroberung der Öffentlichkeit – durch aufklärerischen Journalismus, Kunst und klare Begriffspolitik –, damit das Recht, Rechte zu haben, wieder Ausgangspunkt der Debatte wird! Wir hören die Vertonung des Beitrages »Illegal ist, was ihr draus macht«. Der ist erschienen in der Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft »Ossietzky«. Gelesen wird das Manuskript von Holger Elias.
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Über diesen Podcast

Störfrequenz ist dein akustisches Gegensignal zur politischen Reizüberflutung. Holger Elias, langjähriger Journalist und ehemaliger Reuters-Korrespondent, nimmt dich mit hinter die Kulissen von Schlagzeilen, Systemroutinen und medialen Verzerrungen. Mit präziser Sprache, kritischem Blick und gelegentlich satirischem Ton analysiert er das, was andere lieber ausblenden. Politik. Wirtschaft. Kultur. Machtverhältnisse. Und das, was sie verschweigen. In jeder Folge: journalistische Reflexion – ohne PR-Filter. Störfrequenz – weil der zweite Blick oft der wichtigste ist.

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