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Analysis on politics, society and our changing world. In German and English.

Episoden

Berlins Blackout ist Deutschlands letzte Warnung
04.01.2026
9 Minuten
Liebe Leserinnen und Leser, das Jahr 2026 schickt in seinen ersten Stunden gleich ein paar deutliche Botschaften. Ich bin skeptisch, ob sie in Berlin gehört bzw. richtig interpretiert werden. Anhand von zwei Ereignissen der vergangenen vier Tage lassen sich klare Schlüsse ziehen: * US-Präsident Donald Trump hat - wie erwartet - den Diktator Venezuelas entmachtet und in die USA bringen lassen. Er zeigt damit, dass die USA (so wie Russland) das internationale Völkerrecht endgültig ignorieren und das der ganzen Welt auch beweisen wollen. Wer glaubt, es gehe Trump um das Wohlergehen der Menschen in Venezuela, der irrt gewaltig. —> Weltweit gilt immer öfter das Recht des Stärkeren. Die Europäische Union sollte sich darüber Gedanken machen. * Berlin erlebt zur kältesten Jahreszeit einen monumentalen Stromausfall, der für Tage andauert. Er lässt zeitweise 45.000 Haushalte ohne Strom und/oder ohne Heizung. Eine linksextremistische Gruppierung bekannte sich zu dem Anschlag auf ein Umspannwerk, der zu dem Stromausfall geführt hatte. Die Hauptstadt der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt zeigt sich fragil. —> Wir sind nicht auf den Ernstfall vorbereitet. Das müssen wir ändern. Schauen Sie hier meine kurze Reportage vom Sonntagabend aus dem Berliner Stadtteil Zehlendorf an. (LINK) „Maßstab bleibt das Völkerrecht“ Aber fangen wir mit dem US-Angriff auf Venezuela an und schauen wir auf die Reaktion von Bundeskanzler Friedrich Merz. Der schrieb: „Nicolás Maduro hat sein Land ins Verderben geführt. Die letzte Wahl wurde gefälscht. Die Präsidentschaft haben wir – wie viele andere Staaten auf der Welt – daher nicht anerkannt. Maduro spielte in der Region eine problematische Rolle. Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex. Dazu nehmen wir uns Zeit. Maßstab bleibt das Völkerrecht. Jetzt darf in Venezuela keine politische Instabilität entstehen. Ziel sollte ein geordneter Übergang hin zu einer durch Wahlen legitimierten Regierung sein.“ Bemerkenswert ist, dass Friedrich Merz versucht, das Vorgehen des US-Präsidenten zu erklären bzw. zu legitimieren. Die rechtliche Einordnung des Einsatzes sei „komplex“ und es brauche nun einen „geordneten“ Übergang zu einer „durch Wahlen legitimierten Regierung.“ Ich will Merz gar nicht grundsätzlich widersprechen. Er liegt richtig damit, dass Maduro kein legitimer Präsident war und dieser die Menschen im Land unterdrückt und teils grausam behandelt hat. Schwierig an dem Statement ist das, was zwischen den Zeilen vermittelt wird. Merz lässt durchblicken, dass Trump womöglich auf Basis von geltendem Recht gehandelt habe. Merz schreibt natürlich nicht dazu, welches Recht er genau meint. Denn in der Tat lässt sich darüber streiten, ob Trump nationales, also US-Recht, gebrochen hat oder nicht. Worüber sich allerdings nicht streiten lässt: dass Trump offensichtlich internationales Recht gebrochen hat. Für einige (u.a. rechtliche) Hintergründe darf ich meinen Artikel von vor ein paar Wochen empfehlen, in dem ich erklärt habe, warum US-Präsident Donald Trump schon vor Monaten von einem „nicht-internationalen bewaffneten Konflikt“ mit terroristischen Organisationen gesprochen hatte. Aber sicher rechtfertigt doch das Entfernen eines fiesen Diktators die Mittel? Hier kommen wir jedenfalls zu einer sensiblen Debatte. Denn die Frage ist schon auch: Was waren die wirklichen Beweggründe hinter dem Militäreinsatz? Gab es womöglich einen Deal zwischen Trump und Maduros Vizepräsidentin Delcy Rodríguez? Welche Rolle spielen die enormen Öl-Reserven in Venezuela? Die Aussagen von Donald Trump in den vergangenen Stunden lassen jedenfalls wenig Raum für Interpretation. Sie sind ziemlich klar und deutlich: * „Wir werden das Land vorerst regieren.“ * Trump sagte, dass die USA sich „sehr stark“ in die Zukunft der venezolanischen Ölindustrie einmischen würden. * „Unsere Ölfirmen, die größten der Welt, werden in dem Land Milliarden investieren und die kaputte Infrastruktur reparieren.“ Klingt das nach Regime-Change und Demokratie? Oder klingt das eher nach wirtschaftlichen Interessen? Ein weiterer Satz von Trump ist mir bei alledem in Erinnerung geblieben, den er vor einigen Monaten bei einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj sagte: „Während des Krieges muss man keine Wahlen abhalten? Mal sehen, wenn wir in dreieinhalb Jahren zufällig mit jemandem im Krieg sind, gibt es dann keine Wahlen mehr? Das ist gut.“ Grönland - „SOON“ Ebenfalls interessant ist, wie schnell doch einige Kommentatoren das internationale Völkerrecht verteufeln und Trump ausdrücklich dafür loben, dass er einfach gehandelt hat. Auch das ist erstaunlich kurzsichtig und naiv. Wir leben nämlich zunehmend in einer Welt, in der nicht Gesetze die Grundlage dafür sind was erlaubt ist und was nicht, sondern vielmehr die Macht des Stärkeren. Wer das feiert und gutheißt, der sollte nicht vergessen, dass es einen Grund dafür gibt, warum wir uns als Staatengemeinschaft auf Regeln geeinigt haben (z.B. auf die UN-Charta): Um zu gewährleisten, dass nicht das Recht des Stärkeren gilt und auch kleinere Länder und Staaten geschützt werden - wie z.B. in der Europäischen Union. Wenn wir zulassen, dass dieses Konstrukt gänzlich ausgehebelt wird, dann ist niemand mehr sicher. Schon gar nicht wir in Europa. Sie glauben mir nicht? Dann schauen wir auf das, was die politische Beraterin und Trump-Vertraute Katie Miller im Zuge des US-Militäreinsatzes in Venezuela veröffentlichte. Sie postete auf X eine Landkarte auf der Grönland in US-Farben eingefärbt ist. Sie schrieb dazu: SOON - also „bald“. Eine klare Anspielung darauf, dass die US-Regierung immer mehr in Erwägung zieht, Grönland an sich zu reißen und auch hier internationales Recht ignorieren will. Wie würden die europäischen Trump-Verteidiger dann reagieren? Wäre das auch eine wünschenswerte Handlung bei der Trump zeigt, dass er ein „Macher“ ist? Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen lieferte dazu einen - wie ich finde - klugen Kommentar, dem vor allem mit Blick auf internationales Recht nichts hinzuzufügen ist: „So wie in ihrer nationalen Sicherheitsstrategie dargelegt, betrachten die USA den amerikanischen Kontinent als ihre Domäne. Die Durchsetzung ihrer Interessen dort ist für die Regierung Trump keine Frage des Völkerrechts. Und die Europäer spielen für sie hier keine Rolle. Für Europa heißt das, dass nichts dafür spricht, dass Trump seine Ankündigung, Grönland als Teil des Staatsterritoriums Dänemark den USA einzugliedern, nicht verwirklicht. Selbst in diesem Fall verfügt Europa kaum über Machthebel. Das Wenige, was uns dann zur Seite stünde, wäre das Völkerrecht. Darum müssen wir auf der Autorität des Völkerrechts bestehen. Das gilt unbeschadet der Tatsache, dass Maduro ein illegaler Präsident, Diktator und Chef eines kriminellen Kartells war.“ Berlins Blackout ist mehr als nur ein Stromausfall Zum Schluss noch ein paar kurze Einschätzungen zu dem weitflächigen Stromausfall im Südwesten von Berlin. Zum einen: Sollte es sich wirklich bestätigen, dass eine linksradikale Gruppierung für diesen Sabotageakt verantwortlich ist, dann müssen die Täter - sollten sie gefunden werden - mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden. Zum anderen: Ich sehe diesen Vorfall als so etwas wie die letzte Warnung für Deutschland mit Blick auf das Thema Zivilschutz und die Vorbereitung auf größere Krisen. Wenn es Übeltätern gelingt, dass große Teile Berlins für Tage ohne Strom bleiben, dann brauchen wir nicht nur eine Strategie, wie sich das verhindern lässt, sondern auch das neue Bewusstsein in der Bevölkerung, dass sie sich die Menschen auf solche Ernstfälle vorbereiten müssen. Das Jahr 2026 beginnt mit klaren Botschaften. Wir sollten zuhören. Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche. Philipp Sandmann Get full access to sandmann exklusiv at philippsandmann.substack.com/subscribe
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Der Blick von oben
21.12.2025
4 Minuten
Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen einen schönen vierten Advent. Dies ist mein letzter Newsletter für das Jahr 2025. Ich gehe in eine kurze Winterpause bis Anfang Januar. Vor genau einem Jahr, am 22. Dezember 2024, habe ich meinen finalen Text für 2024 geschrieben. 365 Tage später könnte ich ihn, leider, fast wortgleich so nochmal veröffentlichen. Vor ein paar Wochen saß ich im Flugzeug und schaute während der Landung aus dem Fenster. Ich bin beim Fliegen ein am-Fenster-Sitzer. Die Sonne schien, die Sicht war gut, der Himmel blau. Wir waren vielleicht noch 1200 Meter über dem Boden. Die perfekte Höhe, um unten alles wie ein Miniatur-Wunderland erscheinen zu lassen. Die Windräder wirkten wie kleine Zahnstocher, die jemand behutsam mit weißer und roter Farbe angemalt hatte und die Bahn sah wie eine Märklin-Modelleisenbahn aus, die ein spielendes Kind gerade auf die nächste Weiche zusteuern ließ. Drumherum Wiesen, Ortschaften, Traktoren, Fußballfelder, eine Autobahn, Strommasten, Seen, Wälder. Von oben sah alles so friedlich aus. Vor allem schien alles zu funktionieren. Als hätte irgendjemand den Einschaltknopf bedient und die perfekte kleine Welt zum Leben erweckt. Dieser Moment dauerte vielleicht eine Minute an. Eine schöne Minute, in der ich mir gedacht habe, wie sich das wohl für Astronauten anfühlen muss, die nicht nur einen Kilometer von der Erde entfernt sind, sondern mehrere hundert. Was fühlt man, wenn man aus so einer großen Entfernung auf unsere Erde blickt? Ich konnte jedenfalls ansatzweise verstehen, warum Astronauten oft ehrfürchtig sind, wenn sie zurückkehren auf die Erde und den Menschen sagen: Es gibt nur diesen einen Planeten für uns, wir sollten besser auf ihn aufpassen. Unten, nach der Landung, ist man dann zurück in der Realität. Zurück in der gleichen Welt, die von oben so friedlich und perfekt aussah, und in der man sich nun über all das ärgert, was nicht funktioniert. Da sind wir dann gefangen im täglichen Geschäft und in der kurzfristigen Sicht auf die Dinge. Dieser Moment im Flugzeug war für mich jedenfalls eine wichtige Erkenntnis am Ende eines Jahres, das für viele Menschen sicher kein ganz einfaches war. Wir brauchen immer mal wieder Abstand. Abstand von dem, was wir jeden Tag tun; Abstand von den Dingen, die wir lieben; Abstand von uns selbst. Abstand ist wichtig, um zu erkennen, was uns wichtig ist. Und vielleicht gewinnen wir dadurch auch wieder etwas mehr Optimismus. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass 2026 ein Jahr mit vielen Herausforderungen wird. Trotzdem habe ich für mich entschieden, mit einer Mischung aus Realismus und Optimismus auf das kommende Jahr zu blicken. Ich bin der Meinung: Es ist unsere Verantwortung als Menschen, als Bürgerinnen und Bürger, dass wir einen Grund-Optimismus wahren und nicht in einen bodenlosen Pessimismus verfallen, der uns ganz sicher in den Ruin treiben würde. Pessimistisch zu sein, das ist einfach. Aber machen wir es uns nicht einfach, sondern überlegen wir lieber, wie wir die großen Hürden der kommenden Jahre gemeinsam meistern können. Ich wünsche Ihnen und Ihren Liebsten frohe Weihnachten und viele sanfte Landungen im kommenden Jahr. Ich bedanke mich herzlich für die Unterstützung und freue mich auf den weiteren Austausch in 2026. Philipp Sandmann Get full access to sandmann exklusiv at philippsandmann.substack.com/subscribe
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"Die USA sind kein Wertepartner mehr, sondern Gegner"
07.12.2025
10 Minuten
Liebe Leserinnen und Leser, in den vergangenen Tagen ist einmal mehr klar geworden, dass auf das demokratische Europa schwere Zeiten zukommen. Die Europäische Union steht womöglich vor der größten Zerreißprobe ihrer Geschichte, denn sie hat es mit Feinden zutun, die die europäische Integration von innen und von außen vernichten wollen. So machte US-Präsident Donald Trump in seiner National Security Strategy deutlich, dass die USA in Europa Bewegungen unterstützen und „kultivieren“ wollten, die Widerstand gegen den aktuellen Weg Europas leisten. Außerdem müsse man verhindern, so Trump, dass die NATO als sich ständig ausdehnende Allianz wahrgenommen werde. Insgesamt ist der Teil zu Europa, der den Titel Promoting European Greatness trägt, voll von Passagen, die subtil (oder nicht so subtil) hervorheben, dass europäische Länder auf ihre nationale und individuelle Identität setzen sollten und weniger auf die europäische Gemeinschaft. So steht in dem Dokument: Die amerikanische Diplomatie sollte sich weiterhin für echte Demokratie, Meinungsfreiheit und die unverhohlene Würdigung der individuellen Identität und Geschichte der europäischen Nationen einsetzen. Amerika ermutigt seine politischen Verbündeten in Europa, die Wiederbelebung dieses Geistes zu fördern. Der wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien gibt in der Tat Anlass zu großem Optimismus. Europa wird herabgewürdigt Natürlich hat Trump kein echtes Interesse an „European Greatness“. Ebenso hat Trump - wir wir mittlerweile in den USA gesehen haben - auch kein wirkliches Interesse an Meinungsfreiheit, es sei denn, es ist seine eigene Meinung. Der CDU-Außen- und Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter schickte mir seine Einschätzung zu dem Thema und fand deutliche Worte: „Europa wird herabwürdigend beschrieben und zum Objekt US-amerikanischer Machtpolitik. Die USA sind also kein Wertepartner mehr, sondern Gegner der bisherigen regelbasierten Ordnung. Europa läuft Gefahr, Gegenstand von Einflussinteressen zu werden. Das lösen wir nur mit klarer Positionierung und europäischer Koordinierung. Europa muss Smart Power aufbauen, militärische und geoökonomische Stärke entwickeln, um zu vermeiden, Spielball von USA, Russland oder China zu werden. In Teilen sind wir das bereits, wie der 28-Punkte-Plan zeigt. Auf Deutschland mit seiner Scharnierfunktion und noch vorhandenen ökonomischen Stärke kommt es jetzt besonders an.“ Ebenfalls einen wichtigen Punkt machte Carl Bildt, ehemals Ministerpräsident von Schweden, der trocken bemerkte: „Der einzige Teil der Welt, wo die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA eine Bedrohung gegen die Demokratie sieht, ist anscheinend Europa. Bizarr.“ Und dann ist da noch Elon Musk, der zum Frontalangriff gegen die Europäische Union aufgerufen hat. Nachdem die EU es gewagt hatte, seinem Unternehmen X aufgrund von Transparenzmängeln eine Strafe von 120 Millionen Euro aufzubrummen, schrieb dieser auf seinem Netzwerk: „Die EU sollte abgeschafft werden und die individuellen Nationen sollten ihre Souveränität zurückbekommen, damit die Regierungen ihre Bürger besser repräsentieren können.“ Das EU-Bußgeld setzt sich aus drei Komponenten zusammen: 45 Millionen Euro entfallen auf die Regelungen zu den Verifizierungshäkchen, 40 Millionen Euro auf den unzureichenden Datenzugang für Forscher und weitere 35 Millionen Euro auf mangelnde Transparenz bei Werbeanzeigen. Musk ging noch einen Schritt weiter und schrieb, dass man die EU mit dem Nationalsozialismus vergleichen könne und sie deswegen so etwas wie das Vierte Reich sei. Musks Wut über die EU und seiner Forderung nach deren Abschaffung, wird in den kommenden Wochen diejenigen befeuern, die die EU von innen zerstören wollen. Dazu gehören Menschen wie Martin Sellner, ein rechtsextremer Aktivist aus Österreich, der die EU als „Freiluftgefängnis für Europäer“ bezeichnete. In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein Video von Gerald Knaus hinweisen, das wir in der vergangenen Woche in Berlin aufgenommen haben. Ich kann es jedem empfehlen, weil Knaus hier dezidiert die Feinde der europäischen Integration benennt und erklärt, warum wir uns eine neue Strategie überlegen müssen, wie wir gegen diese Feinde ankommen. Naivität, Geschichtsvergessenheit, Ignoranz Neben den offensichtlichen Gegnern der EU und der NATO - radikale Kräfte, wie z.B. die AfD - gibt es in Deutschland leider auch erstaunlich viele Menschen, die mit einer ziemlichen Ignoranz auf das Thema EU, NATO und die Ukraine blicken. So sagte in einer ZDF-Sendung der junge „Politik-Influencer“ Simon David Dressler vor einigen Tagen u.a. diese Sätze: * „Ich lehne die Wehrpflicht ab. Ich finde, niemand hat dem Staat sein Leben zu geben.“ * „Das ist ja die große Verlogenheit, dass immer so getan wird, als stünde der Russe einen Kilometer vor Berlin.“ * „Ich kann mir nicht so richtig erklären, warum die morgen versuchen sollten, in Deutschland einzumarschieren.“ * „Im absoluten worst case, dass der Russe morgen vor Berlin steht, auch dann würde ich sagen: Wir werden weiter existieren, nur der deutsche Staat wird vielleicht nicht weiter existieren. Aber ich bin ja nicht der deutsche Staat.“ Die Aussagen sind so dermaßen naiv und geschichtsvergessen, dass man doch fast den Eindruck gewinnen könnte, dass der junge Mann hier ganz bewusst provozieren will, um Reichweite zu generieren. Leider funktioniert das in der heutigen Zeit in den sozialen Medien gut. Trotzdem hat mich gerade der letzte Satz schockiert. Da ist es im Grunde genommen nebensächlich, ob der Influencer ihn nur mit Blick auf Reichweite gesagt hat, oder ihn wirklich so meint. So ein Satz steht für eine Geisteshaltung, die mich zunehmend stört. Und ich muss es so deutlich sagen: Gerade die Deutschen sollten es wirklich besser wissen. Zu behaupten, dass „wir weiter existieren werden“, selbst wenn der deutsche Staat womöglich nicht mehr existiert, ist auf mehreren Ebenen eine grob fahrlässige Aussage. Ich will das erklären. Nehmen wir den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine als Beispiel. Hier wird nämlich klar, dass die Ukraine nur deswegen weiterhin existiert, weil Menschen bereit sind, für ihr Land zu kämpfen. Die Existenz von Staat und dem Individuum kann dabei nicht voneinander getrennt werden. Denn Wladimir Putins ausgewiesenes Ziel ist es ja, die Ukraine als solche zu zerstören und damit auch die Menschen zu vernichten, die weiterhin ukrainisch sein und ihre nationale Identität behalten wollen. Wenn man die Existenz des Staates und der individuellen Identität voneinander trennen würde - und die Ukrainer z.B. ihren Staat aufgegeben hätten - dann hätten sie längst beides verloren: ihr Land und ihre Identität. In diesem Kontext habe ich vor einigen Jahren ein Interview mit dem Historiker Eugene Finkel geführt, dessen Aussagen bis heute noch eine Relevanz haben. Er sagte damals: * „Wir haben natürlich damals schon die politische Rhetorik und Geisteshaltung an der Spitze der russischen Regierung beobachtet, sowie in den russischen Staatsmedien. Vor allem die Propaganda, dass die Ukraine nicht existiert oder dass die Ukraine ‘russifiziert’ werden soll und gleichzeitig jeder vernichtet werden muss, der nicht russisch sein will. Damals begann dieser Diskurs sich zu intensivieren: von der Befreiung von Ukrainern, zum Töten von Ukrainern. Seitdem sind immer mehr Beweise ans Licht gekommen, und zwar nicht von den Medien, sondern auch von hochrangigen Staatsbeamten. Man kann also sagen: Es gibt nun deutlich mehr Beweise dafür, dass es den tatsächlichen Vorsatz gibt, die ukrainische Nation zu zerstören.“ * „Ukrainisch zu sprechen oder jegliche Form einer ukrainischen Identität zu zeigen, barg eine große Gefahr für die Menschen. Es gab und gibt konkrete Ziele, die auf einem ‘Ukrainischsein’ basieren.“ Im Kampf der Ideen Ich habe meine Zuversicht allerdings nicht verloren. Im Gegenteil. Ab 2026 starten wir ein Europa-Projekt, mit dem wir insbesondere junge Menschen erreichen wollen. Und ein Satz ist mir am Ende noch wichtig: Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen in Deutschland gegen die Wehrpflicht auf die Straße gehen. Das ist ihr gutes Recht. Salman Rushdie sagte in dem Kontext jüngst in einem Interview: Meine altmodische Ansicht ist, dass die Verteidigung der Meinungsfreiheit dann beginnt, wenn jemand etwas sagt, das Ihnen nicht gefällt. Womit ich allerdings ein Problem habe - und darüber können wir gerne diskutieren - ist wenn Menschen behaupten, dass man nichts für den Erhalt des Staates oder der Heimat tun müsste. Denn letztlich ist es doch so: Deutschland und das demokratische Europa existieren heute nur deswegen, weil andere mal dafür gekämpft und uns vom Terror befreit haben. Haben wir das schon vergessen? Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntagabend und einen guten Start in die Woche. Philipp Sandmann Get full access to sandmann exklusiv at philippsandmann.substack.com/subscribe
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Im Kampf der Ideen für Europa
30.11.2025
6 Minuten
Liebe Leserinnen und Leser, in den vergangenen Wochen hat mich die Frage beschäftigt, warum die demokratischen Kräfte drohen, den Kampf der Ideen zu verlieren. Warum gewinnen radikale Parteien und Bewegungen an Zuspruch und warum gelingt es ihnen, ein wirkungsvolles Narrativ zu etablieren? Eine Antwort: Die Vertreter dieser Parteien haben ihre Strategien in den sozialen Medien perfektioniert. Sie wissen, welche Geschichten sie erzählen müssen, damit die Algorithmen ihnen maximale Reichweite verschaffen. Emotional aufgeladene Botschaften verzerren, sind oft falsch, finden aber Gehör. Dazu ist in den sozialen Netzwerken zuletzt eine Grafik der Bertelsmann Stiftung geteilt worden, die den Status Quo gut beschreibt. Was sie zeigt: Obwohl der Output von CDU/CSU und AfD auf TikTok nahezu identisch ist (17,1% vs. 21,5%), so wird das Exposure der AfD-Inhalte durch den Algorithmus nahe zu verdoppelt - auf 37,4 Prozent. Der Content von CDU/CSU fällt wiederum auf 4,9 Prozent. Andere demokratische Parteien der Mitte haben ähnliche Probleme, wie z.B. die Grünen oder die SPD. Ganz rechts und ganz links schaffen es wiederum, dass ihre Inhalte vom Algorithmus „belohnt“ werden und sich ihre Reichweite um ein Vielfaches erhöht. Die Grafik steht für ein viel größeres Problem und einen Trend, der sich zunehmend verschärft: Radikale Parteien erreichen in den sozialen Medien, z.B. auf TikTok, immer mehr junge Menschen mit Halbwahrheiten und teilweise auch mit Hass, Hetze und Lügen. Die Parteien der Mitte wirken hingegen eher hilflos und entmutigt. Dabei müssten gerade jetzt die demokratischen Kräfte verstehen, dass sie raus aus der Defensive und in die Offensive müssen. Wie die Zeit vor einigen Tagen richtigerweise anmerkte: „Während andere Parteien noch nicht mal von Wahlkampf reden, führt ihn die AfD längst.“ Gemeint war u.a. die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im kommenden Jahr. Die AfD steht laut Umfragen bei knapp 40 Prozent. Auch die neue Parteijugend der AfD, die sogenannte Generation Deutschland, bringt sich in Stellung. Am vergangenen Samstag wählte sie Jean-Pascal Hohm (28) zum Chef des Nachwuchsverbands. Sein Landesverband in Brandenburg wird vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Wie reagiert das demokratische Europa? Die entscheidende Frage ist nun, wie die demokratischen Kräfte auf diese Entwicklungen reagieren. Reagieren sie überhaupt? Für mich ist klar: Europäische Demokratien müssen in den kommenden Jahren beweisen, dass sie in der Lage sind, Probleme zusammen zu lösen. Deutschlands enorme Herausforderungen lassen sich nur mit der Europäischen Union meistern und nicht allein über den Nationalstaat. Aus diesem Grund haben wir in den letzten Monaten bei der European Stability Initiative an einem Europa-Aufruf gearbeitet. Wir wollen ein Netzwerk an Verbündeten schaffen, die an das europäische Projekt glauben und uns dabei unterstützen, seine Werte gegen illiberale Kräfte zu beschützen. Nur so können wir auch künftig eine historisch einmalig erfolgreiche und attraktive Wirtschaftsregion für Unternehmerinnen und Unternehmer, Start-ups und Innovatoren erhalten. Es geht dabei um die Verteidigung des gemeinsamen Binnenmarktes, der Rechtsstaatlichkeit und der offenen Grenzen zwischen demokratischen Staaten. Ebenso geht es um die Fähigkeit, äußeren Bedrohungen wirksam begegnen zu können. Dabei ist jedoch offensichtlich, dass die Herausforderungen weiter wachsen werden. Das Putin-Regime hat seit 2022 durch Handlungen und Aussagen bestätigt, dass es auf die Zerschlagung der demokratischen Ukraine setzt, und auch seine hybriden Angriffe auf Europas Demokratien verschärft. In den USA kam 2025 ein Präsident an die Macht, der so klar wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg das internationale System, dass die USA nach 1945 mitgeschaffen haben, zerrüttet, und der dabei auch die europäischen Institutionen als Gegner sieht. Von Moskau wie von Washington werden in Europas Demokratien, auch in Deutschland, politische Kräfte unterstützt, die versprechen, die nach 1949 geschaffenen und bis heute den demokratischen Frieden tragenden Institutionen – die Europäische Union, die NATO und den Europarat – zu schwächen oder sogar abzuschaffen. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass es diesen radikalen Kräften nicht gelingt, das demokratische Europa zu kapern und das Friedensprojekt der europäischen Integration zu demontieren. Das Argument, Deutschland solle aus der Europäischen Union austreten oder sie ganz abschaffen, damit Nationalstaaten zu „alter Stärke“ zurückfinden ist heute so gefährlich wie in der Vergangenheit. Dem stellen wir eine positive Vision entgegen: ein Europa der Staaten, die sich freiwillig in Institutionen integrieren, um einen Kontinent des demokratischen Friedens zu schaffen. Wenn Sie mehr über dieses Projekt erfahren wollen, schreiben Sie mir gerne. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen verstanden haben, dass wir handeln müssen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntagabend und dann einen guten Start in die Woche. Philipp Sandmann Get full access to sandmann exklusiv at philippsandmann.substack.com/subscribe
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Werdet nicht zu Kulturpessimisten!
27.10.2025
13 Minuten
Liebe Leserinnen und Leser, im Sommer 2024 saß ich mit dem Kommunikationschef einer Partei beim Mittagessen in Berlin. Er sagte mir das, was man im Berliner Politik- und Medienbetrieb zu diesem Zeitpunkt von vielen Seiten hörte: Die nächste Regierung (damals war relativ klar, dass die Ampel nicht mehr lange hält) ist die letzte Chance für die Parteien der Mitte. Dieser „letzte Schuss“, der müsse sitzen. Wie erwartet gewann die Union dann die Bundestagswahl. Die Ampel und Olaf Scholz waren abgewählt, die FDP flog aus dem Bundestag. Dem waren allerdings mehrere eigenartige Geschichten vorausgegangen. So hatte Friedrich Merz, im Januar noch Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, bei einer Abstimmung zum Thema Migration in Kauf genommen, dass erstmals eine Mehrheit mit Hilfe der AfD erreicht wurde. Das Kalkül war: Deutschland muss bei diesem so wichtigen Thema endlich handeln und der Wähler sollte sehen, dass die Union hier handlungsfähig ist. Nur so bekommt man die AfD klein, dachten sich Merz und sein engster Kreis. Der Plan ging grandios nach hinten los. Die Union fuhr bei der vorgezogenen Bundestagswahl im Februar ihr zweitschlechtestes Ergebnis aller Zeiten ein, die AfD verdoppelte sich auf ihr bestes Ergebnis und die eigentlich schon in der politischen Versenkung verschwundene Linke erlebte eine Wiedergeburt. Und damit nicht genug: Als die Koalition aus Union und SPD stand, bekam Friedrich Merz bei der Wahl des Kanzlers im Bundestag im ersten Wahlgang keine Mehrheit. Ebenfalls ein historischer Tiefpunkt. Heute wissen wir (mit großer Sicherheit), dass die fehlenden Stimmen (zumindest teilweise) ein Signal aus den eigenen Reihen der CDU/CSU in Richtung Merz gewesen waren. Aber gut, nach diesem holprigen Start - dachten sich viele - konnte es jetzt ja richtig losgehen. Pragmatische Politik, Zukunft, entschiedenes Handeln. Doch es kam anders und nun steht die AfD in Umfragen gleichauf oder sogar vor der Union. Spätestens als es zum Debakel rund um die Wahl der Verfassungsrichter-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf kam, die die Koalition an den Rand des Zusammenbruchs brachte, war klar: hier läuft etwas gehörig schief. Der letzte Schuss? Womöglich schon vergeben. Unser politisches Personal Mist, Deutschland am Ende, die AfD schon mit einem Bein im Kanzleramt. So könnte man gerade denken. Ich rate allerdings davon ab und will erklären, warum. Kulturpessimismus als reichweitenstarker Selbstläufer 1961 erschien das Werk des US-amerikanischen Historikers Fritz Stern „Kulturpessimismus als politische Gefahr“. Stern wurde 1926 in Schlesien geboren. Im September 1938 flohen er und seine Familie vor dem Nazi-Terror aus Deutschland und wanderten in die USA aus. Das Buch, dessen Grundlage Sterns Promotion Mitte der 50er-Jahre gewesen war, wurde zu einem seiner wichtigsten Werke. Stern fokussierte sich darin auf drei Personen: Paul de Lagarde, ein Orientalist (und Antisemit); Julius Langbehn, ein Schriftsteller und Kulturkritiker (und Nationalist); und Arthur Moeller van den Bruck, ein völkisch-nationaler Staatstheoretiker und Publizist, der 1923 ein Werk namens „Das dritte Reich“ veröffentlichte. Sterns Hauptargument: Diese drei Personen, die alle im 19. Jahrhundert geboren wurden und den Aufstieg Adolf Hitlers an die Macht dann gar nicht mehr miterlebten, bildeten ein Fundament für den sogenannten Kulturpessimismus, der wiederum zur Basis für den darauffolgenden Faschismus und die große Tragödie wurde. Kulturpessimismus, so Stern, war eine Form von ausgearteter Kritik am vermeintlichen „Niedergang“ deutscher Kultur und Werte. Stern schreibt: „Alle drei schrieben mit großer Eindringlichkeit und Leidenschaft. Ihnen ging es weniger um die Klarlegung und Analyse von Tatbeständen als vielmehr darum, Verdammungsurteile zu fällen und Prophezeiungen zu äußern. […] Jahrzehntelang wurden sie als Zeitkritiker und Propheten deutschen Volkstums gefeiert. Ich habe diese drei Männer nicht deshalb ausgewählt, weil ihre Ideen besonders originell waren, sondern weil ihr Denken und ihr Einfluss auf das deutsche Leben deutlich die Existenz einer kulturellen Krise im modernen Deutschland erkennen lassen. Sie waren – selbst krank – die Analytiker einer zumindest zum Teil kranken Gesellschaft, und als solche spielten sie in der deutschen Geschichte eine wesentliche, bisher nicht genügend erkannte Rolle.“ Und an anderer Stelle schreibt der Autor: „Gerade weil er so unlogisch ist, trifft der Ausdruck ‚konservative Revolution‘ genau den Kern der Sache, verkörpert doch die Bewegung in der Tat ein Paradoxon: ihre Anhänger wollten die von ihnen verachtete Gegenwart zerstören, um in einer imaginären Zukunft eine idealisierte Vergangenheit wiederzufinden.“ Warum ist das heute so relevant? Sterns Buch ist nicht nur ein bemerkenswerter Rückblick und eine Antwort auf die Frage, warum es zum Nationalsozialismus kam, sondern in Teilen auch eine Vorausschau auf das, was noch kommen würde. Und in der Tat, auch heute gibt es sie wieder, die Kulturpessimisten. Natürlich nehmen sie eine andere Gestalt an und vertreten (teils) andere Ideologien, doch es gibt viele Parallelen. Klar ist, dass die heutigen Kulturpessimisten und die Themen, die sie setzen bzw. die Falschinformationen, die sie verbreiten, auf eine empfängliche Masse treffen. Eines sollten wir dabei wissen: Es ist die ausgewiesene Strategie der politischen Rechtsradikalen und Neo-Kulturpessimisten, Deutschland (und Europa) so schlecht wie möglich zu reden. Es ist übrigens auch die ausgewiesene Strategie von Wladimir Putin und seinen Geheimdiensten, genau das zu unterstützen und noch zu befeuern. Und um auch das klarzustellen: Mit „schlechtreden“ meine ich nicht berechtigte und dringend notwendige Kritik an Politik, Wirtschaft und politischen Entscheidern. Was ich meine, das sind die, die den Untergang Deutschlands herbeischreiben und auf der Suche sind nach einem Sündenbock. Klingt nach einem bekannten Muster in Deutschland. Ganz oben auf der Agenda der Kulturpessimisten steht in dem Kontext natürlich das Thema Migration. Es ist mittlerweile zu einem Selbstläufer geworden. Auf Basis von Fakten wird schon lange nicht mehr argumentiert. Remigration ist das neue Zauberwort, mit der die Rechtsradikalen in den politischen Kampf ziehen. Vorbild: Die Politik von US-Präsident Donald Trump. Eva Vlaardingerbroek, eine Influencerin der katholischen Rechten, bezeichnet Remigration gar als die „Mission unseres Lebens.“ Dabei werden in den sozialen Medien auch oft gezielte Kampagnen vorbereitet und ausgespielt, die wiederum ein ganz bestimmtes und negatives Bild über Deutschland und Europa darstellen sollen. Die Strategie ist klar: Deutschland steht am Abgrund und ist im Grunde bereits dem Niedergang geweiht. Die Stern-Reporterin Miriam Hollstein schrieb darüber auf X: Wenn nicht gerade gegen Migranten und/oder Minderheiten geschossen wird, dann werden wiederum politische Entscheiderinnen und Entscheider verächtlich gemacht. Hier geht es nicht um kritische Äußerungen oder berechtigte Rücktrittsforderungen. Nein, diese Form der Kritik hat ein anderes, ein viel zynischeres Level. Von Accounts mit vielen Followern (viele davon werden aus dem Ausland gesteuert) werden Ausschnitte aus Pressekonferenzen oder Bilder ohne Kontext genommen und auf eine bestimmte Art und Weise „geframed“. Dabei geht es ausschließlich darum, jemanden so schlecht wie möglich aussehen zu lassen und eine Geschichte um ein Bild zu bauen - natürlich frei von Fakten und Wahrheit. So stand Friedrich Merz auf einer Konferenz mit internationalen Regierungschefs für ein paar Momente allein auf der Bühne und verschränkte die Arme. Diesen Moment nutzten hunderte Accounts auf X, um den Bundeskanzler lächerlich aussehen zu lassen. Bei dieser Herabwürdigung von Deutschland und seinem politischen Personal machen aber nicht nur unbekannte Accounts mit. Es gibt auch „Journalisten“ in Deutschland, die zunehmend eine Art kulturpessimistische Kritik betreiben und damit bewusst oder unbewusst die gleiche Agenda pushen. Dazu gehört z.B. der ehemalige Chefredakteur der BILD Zeitung, Julian Reichelt. Und dann gibt es natürlich auch offen rechtsextreme Akteure. Dazu gehört z.B. der Aktivist und Publizist Jürgen Elsässer, Gründer und Chefredakteur des rechtsextremen Magazins „Compact“, der wiederum propagiert, dass Deutschland mehr Angst vor seinen eigenen Politikern haben sollte, als z.B. vor Wladimir Putin. Auch hier ist die Strategie klar: Deutschlands Regierung muss um jeden Preis verunglimpft und geschwächt werden. Putin wiederum wird als kluger Stratege dargestellt, der auf der Suche nach Frieden sei. Zu guter letzt sind da noch Kommentatoren wie Richard David Precht, den ich zwar nicht per se als Kulturpessimisten bezeichnen würde, der allerdings ebenfalls ein Geschäftsmodell aus der Negativität gemacht hat. Ich habe darüber in meinem Newsletter in der vergangenen Woche geschrieben. Tatsächlich lassen sich in den Medien, und natürlich auch in Podcasts, enorme Reichweiten mit dieser Art von negativer Berichterstattung erzielen. Da sind Gäste wie Precht absolute Klick-Garanten. Meistens entstehen dann Headlines wie diese hier: Werden wir gerade alle zu Kulturpessimisten? Verstehen Sie mich nicht falsch. Für mich ist es ein Unterschied, ob man berechtigte und dringend notwendige Kritik an den teils fragwürdigen Entscheidungen unserer politischen Akteure trifft, oder ob man jeden Tag den Untergang unserer Kultur, unseres Landes und der Wirtschaft herbeischreibt, ohne dabei auch nur eine einzige konstruktive Lösung vorzuschlagen. Und damit sind wir in diesem Artikel auch bei einem ganz entscheidenden Punkt angekommen. Viel wichtiger als die offensichtlichen Kulturpessimisten unserer Zeit ist nämlich die Frage, wie die Mitte der Gesellschaft, die immer kleiner wird, auf diese negative Dauerbeschallung reagiert. Ich stelle fest, dass sich auch bei den moderaten und diplomatischen Menschen im Land eine neue Negativität und ein Pessimismus eingenistet hat. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Hinzu kommt, dass Menschen in der Mitte der Gesellschaft zunehmend verachtet werden. Sie werden von den Rändern als haltungslos und ohne Rückgrat dargestellt. Dabei bildet die Mitte einer Gesellschaft das Fundament einer funktionierenden Demokratie und oft findet man genau hier die so wichtigen Brückenbauer zwischen den verschiedenen Lagern. Das Herbeischreiben und Herbeikommentieren des Untergangs entwickelt sich wiederum gerade zum Bestseller: Alle sind gegen die Regierung und wettern gegen unser Land, aber keiner ist bereit, Kompromisse einzugehen. Wir schwächen uns selbst. Und zwar auf grandiose Art und Weise. Die, die ein Interesse daran haben, Deutschland und die EU zu zerstören, freuen sich dabei diebisch! Wenn wir dagegen ankommen wollen, dann brauchen wir bessere Argumente. Wir müssen z.B. besser erklären, warum Institutionen wie die Europäische Union so wichtig sind und warum wir sie verteidigen müssen vor ihren Feinden. Und ja, auch unsere gewählten Volksvertreter müssen erkennen, dass sie gerade eher hilflos agieren. Es braucht eine neue Form der wahrhaftigen und authentischen Kommunikation, damit wir endlich rauskommen aus diesem teuflischen Kreis des Pessimismus. Ideen? Her damit. Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche. Philipp Sandmann Get full access to sandmann exklusiv at philippsandmann.substack.com/subscribe
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Über diesen Podcast

Mein Podcast aus Europa. Aktuell, exklusiv und modern. Ich bin Philipp Sandmann, ehemals politischer Korrespondent bei RTL/ntv in Berlin. Von 2023 bis 2025 war ich Master-Student (Studienfach “Foreign Service”) an der Georgetown Universität in Washington D.C. In dieser Zeit habe ich meinen ersten Newsletter, “Gedanken aus Washington D.C.”, gestartet. Nun schreibe ich aus Europa über ganz unterschiedliche Themen. Hier gibt es exklusive Interviews, investigative Themen und knackige Kommentare. Danke für Ihre Unterstützung! philippsandmann.substack.com

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