Podcaster
Episoden
06.02.2026
36 Minuten
Im Zeitalter der Polykrisen stehen die Geisteswissenschaften
zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Brauchen wir sie überhaupt
noch? Und wenn ja, warum fällt es vielen
Geisteswissenschaftler*innen so schwer, selbstbewusst mit ihrer
Forschung an die Öffentlichkeit zu gehen?
In „Wagnis Wissen“ sprechen wir mit dem Literaturwissenschaftler
Johannes Franzen über die Vertrauenskrise der
Geisteswissenschaften und wie diese überwunden werden kann.
Johannes Franzen ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar
für Deutsche Philologie der Universität Mannheim und Autor
verschiedener Bücher. Im Newsletter „Kultur und Kontroverse“
schreibt er über kulturelle Konflikte der Gegenwart. In seinem
Essay „Die Geisteswissenschaften und die Öffentlichkeit – Szenen
einer Legitimationskrise“, veröffentlicht in dem Open-Access-Band
„Überzeugungskräfte: Über das Vertrauen in Wissenschaft (und
Pseudowissenschaft)“ (Brill, 2025), setzt er sich mit dem Thema
der aktuellen Folge auseinander.
Foto: Marion Koell
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09.01.2026
34 Minuten
Die deutsche Erinnerungskultur und die Aufarbeitung des
Nationalsozialismus gelten weltweit als vorbildlich. Aber war die
Demokratisierung der Deutschen nach 1945 wirklich eine lupenreine
Erfolgsgeschichte? Die Historikerin und Antisemitismusforscherin
Stefanie Schüler-Springorum erzählt in ihrem neuen Buch
"Unerwünscht" (S. Fischer) die Nachkriegsgeschichte aus der
bisher unterbelichteten Perspektive der Opfer und Verfolgten der
Nazis und rüttelt so am Selbstbild Deutschlands als Weltmeister
der Vergangenheitsbewältigung. Wir sprechen mit ihr bei WAGNIS
WISSEN über Kontinuitäten von Rassismus, Antisemitismus und
Nationalismus seit 1945 und gehen der Frage nach, wie neu
gegenwärtige Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung wirklich
sind.
Stefanie Schüler-Springorum ist Historikerin und seit 2011
Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU
Berlin, seit 2012 Ko-Direktorin des Selma-Stern-Zentrums Jüdische
Studien Berlin-Brandenburg und seit 2020 Leiterin des Berliner
Standorts des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher
Zusammenhalt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind deutsche und jüdische
Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Geschlechtergeschichte und
spanische Geschichte. Bei De Gruyter Brill sind von und mit ihr
unter anderem diese Titel zum Thema erschienen: Antisemitismus
und Rassismus (V&R), Handbuch Jüdische Studien (Böhlau).
Bei S. Fischer Verlage: Unerwünscht. Die westdeutsche Demokratie
und die Verfolgten des NS-Regimes
Foto: G. Faller-Walzer
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05.12.2025
38 Minuten
Kalorien scheinen objektiv, neutral, wissenschaftlich – ein
einfacher Zahlenwert, der angibt, wie viel Energie in einem
Lebensmittel steckt. Doch beim genaueren Hinsehen zeigt sich: Die
Kalorie ist alles andere als unpolitisch. Sie erzählt eine
Geschichte von gesellschaftlicher Kontrolle, Disziplin und
Körpernormen.
Seit dem frühen 20. Jahrhundert hat die Kalorie unser Verständnis
von Ernährung, Arbeit und Gesundheit geprägt. Sie machte Essen
messbar, Körper vergleichbar – und schuf neue Vorstellungen
davon, was als „richtig“ oder „gesund“ gilt. Mit dem
Kalorienzählen entstanden neue moralische Erwartungen: Wer gilt
als diszipliniert, wer als maßlos oder unbeherrscht? Zugleicht
entstand auch die Idee der Kalorie als Maß für Arbeitskraft,
welche als Legitimierung sozialer Ungleichheit diente. Mit der
Historikerin Nina Mackert sprechen wir über die Geschichte der
Kalorie, Macht und Körperpolitik.
Nina Mackert schloss 2007 ihr Magisterstudium in den Fächern
Geschichte, Gender Studies sowie Politische Wissenschaft an der
Universität Hamburg ab. Es folgte 2011 an der Universität Erfurt
die Promotion in Geschichte. Seit 2012 war Nina Mackert als
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an zwei Forschungsprojekten in
Erfurt beteiligt und zuletzt seit 2019 im interdisziplinären
LeipzigLab „Global Health“ angestellt. Im Dezember 2024 beendete
sie, ebenfalls an der Universität Erfurt, ihr
Habilitationsverfahren mit der Schrift „The Calorie: A History of
Measure Food, Bodies, and Choices“. Seit Oktober 2025 hat Nina
Mackert eine Professur für Nordamerikanische Geschichte und
Public History am Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg
inne. Mackert hat verschiedene Arbeiten zur Geschichte der
Kalorie publiziert, bei De Gruyter die Beiträge No Chocolate
Creams Subjektivierung und die Klassenpolitik der Kalorie in den
USA der Progressive Era und ‘Nature always Counts’:
Kalorienzählen als Vorsorgetechnik in den USA des frühen 20.
Jahrhunderts.
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07.11.2025
41 Minuten
Kinderkrippen existierten in der DDR seit den 1950er-Jahren und
galten dort als modern und fortschrittlich. Schon ab dem
Säuglingsalter wurden viele Kinder in staatlichen Tages-, Wochen-
oder Dauereinrichtungen betreut. Besonders die Wochenkrippen
stehen heute im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, weil
sich immer mehr ehemalige „Wochenkinder“ zu Wort melden und über
psychische Folgen berichten, die sie bis ins Erwachsenenalter
begleiten. In der alten BRD fehlte Kinderbetreuung nicht völlig,
sie war aber stark begrenzt und gesellschaftlich wenig
akzeptiert. Dauereinrichtungen wie Säuglingsheime existierten
zunächst, doch nachdem in den 1960er-Jahren gravierende
Hospitalisierungsschäden bei den Kindern festgestellt wurden,
baute man diese Einrichtungen fast vollständig ab. Heute
erscheint es kaum vorstellbar, wenige Wochen alte Babys in ein
Heim zu geben. Betreuung von Vorschulkindern in Kindergärten
allerdings ist für die meisten Familien in Deutschland heute
mittlerweile Alltag und gesellschaftlich akzeptiert. Dennoch
entzündet sich an den DDR-Kinderkrippen bis heute ein
ideologischer Streit. Während sie den einen als Beleg für die
Unmenschlichkeit der Diktatur gelten, betrachten andere sie
weiterhin als fortschrittliches Modell, das es Müttern
ermöglichte, früh wieder arbeiten zu gehen. Wir sprechen heute
über dieses Thema mit Dr. Carolin Wiethoff.
Wiethoff studierte Neuere und Neueste Geschichte, Osteuropäische
Geschichte und Volkskunde an der Westfälischen
Wilhelms-Universität Münster. Sie ist wissenschaftliche
Mitarbeiterin an der Professur für Allgemeine
Erziehungswissenschaft der Universität Erfurt. Ihre
Forschungsschwerpunkte sind Bildungsgeschichte der DDR, Medizin
in Diktaturen sowie die Geschichte der Sozialpolitik und der
sozialen Sicherung in Deutschland. Bei De Gruyter ist im Juli das
Buch Allein unter vielen Alltag, Ausbau und Krise der
Kinderkrippen in der DDR 1950–1968 erschienen.
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02.10.2025
46 Minuten
Fake News, Politikverdrossenheit, Autoritarismus. Ideale der
Aufklärung, wie Demokratie, Gleichheit, Freiheit, Universalismus
und das Vertrauen in rationales Denken sind heute zunehmend unter
Beschuss. Dabei wird die Aufklärung nicht nur von ihren
offensichtlichen Feinden attackiert, sondern steht seit
Jahrzehnten auch von ihren Befürwortern in der Kritik, weil sie
hinter die eigenen Ansprüche zurückzufallen droht. Philosoph
Markus Tiedemann hat mit seinem Buch
Post-Aufklärungs-Gesellschaft. Was wir verlieren und was uns
bevorsteht eine engagierte Verteidigungsschrift für die Werte der
Aufklärung verfasst. Aufklärung, sagt er, ist das Beste, was die
Menschheit je hervorgebracht hat. Trotzdem konstatiert er das
Ende der Epoche der Aufklärung - und wagt den kritischen Blick
nach vorne, in eine Welt nach der Aufklärung.
Prof. Markus Tiedemann studierte Philosophie, Psychologie,
Geschichte und Erziehungswissenschaft. Nach dem Studium arbeitete
er zwölf Jahre als Lehrer und Fachseminarleiter an einer
Gesamtschule und am Hamburger Institut für Lehrerbildung und
Schulentwicklung. Er lehrte an der Johannes Gutenberg-Universität
in Mainz, der Freien Universität Berlin und folgte dann einem Ruf
an die Technische Universität Dresden, wo er die Professur für
Didaktik der Philosophie und für Ethik innehat. Zu seinen
Arbeits- und Interessensschwerpunkten zählen Philosophiedidaktik,
normative Integration und De-Radikalisierung und ethische
Orientierung in der Moderne. Er ist Vorsitzender des „Forums für
Didaktik der Philosophie und Ethik“ und Mitherausgeber der
„Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik“. Bei Brill I
Mentis erschien von ihm das Buch Post-Aufklärungs-Gesellschaft,
welches 2025 auch in englischer Übersetzung veröffentlicht wurde:
Post-Enlightenment-Society. What we are losing and what lies
ahead.
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Über diesen Podcast
Wie gerecht ist unsere Sprache? Welche Ethik braucht künstliche
Intelligenz? Wie gestalten wir lebenswerte Städte? Wir wollen es
wissen – also fragen wir bei denen nach, die sich am besten damit
auskennen. Bei WAGNIS WISSEN spricht Journalistin Nadine Kreuzahler
mit Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft über drängende
Fragen der Gegenwart. ► Website:
https://www.degruyter.com/publishing/wagnis-wissen
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