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Angelesen! Audio-Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Archiv

99 Episoden
9 Minuten
Nachdem die USA in dieser erfundenen Handlung jede Unterstützung des ukrainischen Abwehrkampfs gegen die russische Invasion eingestellt haben, kommt ein Vertrag zustande, der die Kampfhandlungen beendet und Russland erlaubt, sämtliche eroberten ukrainischen Gebiete zu behalten. 

Überraschender Rücktritt

Kurz darauf tritt in Masalas erdachter Erzählung Wladimir Putin überraschend zurück. Sein Nachfolger, ein fiktiver Nachwuchspolitiker namens Obmantschikow, nimmt den Westen mit einer Charme-Offensive für sich ein, während die russische Politik tatsächlich im Sinne Putins fortgeführt wird. Im März 2028 ist Europa in diesem von Masala erdachten Szenario vollauf mit einer großen Flüchtlingskrise beschäftigt. Die USA sind im vorliegenden Werk von eskalierenden Spannungen im pazifischen Raum in Anspruch genommen. 

Besetzung von Narwa und NATO-Sondergipfel

Russland nutzt in dieser fiktiven Handlung die günstige Gelegenheit zur Besetzung von Narwa, einer Kleinstadt im Osten Estlands, deren Bevölkerung zu 90 Prozent aus Esten mit russischer Muttersprache besteht. Ein NATO-Sondergipfel kann sich nicht darauf einigen, die Besetzung Narwas als Fall für Artikel 5 des NATO-Vertrags einzustufen. Daraufhin stellen der russische und der chinesische Präsident in dieser erdachten Erzählung abschließend in einem Telefonat fest, dass die Welt sich ab jetzt um die Achse Moskau-Peking drehe. 

Abschreckung durch Aufwuchs europäischer NATO-Streitkräfte

Um zu verhindern, dass ein solches fiktives Szenario Wirklichkeit werden könnte, rät der Autor Carlo Masala zur entschlossenen Fortführung der eingeleiteten Politik des Aufwuchses und der Ertüchtigung der europäischen NATO-Streitkräfte. Nur Abschreckung und Eindämmung können die Freiheit Europas dauerhaft sichern.

Artikeltext und Sprechtext: Christoph Kuhl

Produktion und Sprecher: Christoph Jan Longen    
11 Minuten
Künstliche Intelligenz (KI) ist in heutiger Zeit allgegenwärtig. Kaum ein Bereich des individuellen und gesellschaftlichen Lebens bleibt von ihr unberührt. Daraus resultiert, dass auch die in der internationalen Politik maßgebenden Akteure bestrebt sind, sich die Vorteile Künstlicher Intelligenz auch auf militärischem Gebiet zu Nutze zu machen.

Oberstleutnant Gerrit Hohmann befasst sich im vorliegenden Werk ausführlich mit Anwendungen, Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz (KI) auf dem Feld der inneren und äußeren Sicherheit. Der Quantensprung, den die KI im Vergleich mit früheren Computerprogrammen darstellt, liegt in ihrer Fähigkeit zur Bearbeitung von Aufgaben, die menschliche Intelligenz erfordern, z.B. Lernen oder Sprachverständnis. 

Militärische Zwecke

Für militärische Zwecke sind vor allem KI-Anwendungen interessant, die das Sammeln und schnelle Auswerten großer Datenmengen zwecks Erstellung digitaler Lagekarten erlauben, die gegnerische Kräfte auf dem Gefechtsfeld in Echtzeit sichtbar machen. Die Ukraine hat in ihrem Abwehrkampf seit 2022 gute Ergebnisse mit solchen Anwendungen erzielt, sowohl mit Produkten der US-Firma Palantir als auch mit dem selbst entwickelten Gefechtsführungssystem DELTA. 

KI und Drohnen

Auch die zunehmend wichtige Rolle von Drohnen geht auf KI zurück, die sowohl die Treffsicherheit als auch die Schwarmfähigkeiten der unbemannten Flugobjekte verbessern hilft. Wichtig ist, dass die Letztentscheidung über den Einsatz eines Waffensystems nicht durch KI, sondern grundsätzlich immer von Menschen getroffen wird. 

Digitale Souveränität

Der Autor plädiert dafür, die deutschen Anstrengungen in Sachen Digitalisierung, KI und digitale Souveränität erheblich zu steigern. Wer auf diesem Gebiet jetzt das Nötige zu tun versäumt, droht für lange Zeit abgehängt zu werden.

Artikeltext: Christoph Kuhl

Sprecher: Christoph Jan Longen
1 Minute
Auf welchem Stand waren die sowohl von der NATO bzw. der Bundeswehr als auch von den zuständigen zivilen Behörden getroffenen Vorbereitungen auf einen möglichen Verteidigungsfall bis 1990? Dieser Frage gehen im vorliegenden Werk am Beispiel Hessens Heiner Möllers und Cornelia Grosse nach, beide als Militärhistoriker und Militärhistorikerin am ZMSBw tätig.

Stand der zivilen und militärischen Vorbereitungen mangelhaft

An zahlreichen Beispielen zeigen Autorin und Autor, dass der Stand der militärischen und der zivilen Vorbereitungen vielfach zu wünschen übrigließ: Zusätzliche Krankenhäuser für die Truppe waren vorbereitet, doch die Verfügbarkeit von zusätzlichem medizinischem Personal war fraglich. Für die Versorgung von Kriegsgefangenen waren kaum Vorbereitungen getroffen. Schutzraumplätze waren Mangelware. In Hessen kam statistisch ein solcher Platz auf ca. 45 Einwohner.

Flüchtlingsbewegungen sind nicht planbar

Auch war unklar, ob man die zu erwartende Fluchtbewegung zahlreicher Bundesbürger in den Griff bekommen würde, die mit ihren Privat-Pkws viele Straßen verstopfen und den militärischen Aufmarsch behindern würden. 

Schaffung einer zeitgemäßen Gesamtverteidigung

Aus den Defiziten der Zeit bis 1990 zu lernen und für Gegenwart und Zukunft eine zeitgemäße Gesamtverteidigung zu schaffen, die auch künftig Krieg zu verhindern hilft – dazu will das Buch einen Beitrag leisten. 

Artikeltext: Christoph Kuhl

Sprecher: Christoph Jan Longen
1 Minute
In dieser Folge von Angelesen, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, stellen wir das Buch „Rasender Stillstand. Belarus – eine Revolution und die Folgen“ von Ingo Petz vor. Es erschien im Jahr 2025.

Aufbruchstimmung, Widerstand, Kontrolle und Angst – belarussischer Alltag?

Der Autor fragt, was von der Aufbruchsstimmung des Sommers 2020 geblieben ist und welche Möglichkeiten es heute für Veränderung gibt. Er beschreibt ein Regime, das sich durch Kontrolle und Angst stabilisiert, zugleich aber zunehmend auf innere Leere stößt und zeigt wie der belarussische Alltag von Einschüchterung, aber auch von kleinen, kaum sichtbaren Formen des Widerstands geprägt ist.

Politische Analyse und Alltagsbeobachtungen

Petz erzählt keine lineare Geschichte, sondern verwebt politische Analyse, Alltagsbeobachtung und persönliche Eindrücke. Er spricht mit Menschen im Land und im Exil, schildert das Leben politischer Gefangener, die Arbeit unabhängiger Medienschaffender und das Wirken einer Opposition, die im Ausland Strukturen für eine demokratische Zukunft ihres Landes aufbaut. Dabei gelingt es ihm, die abstrakten Schlagworte „Repression“ und „Widerstand“ mit Gesichtern und Stimmen zu füllen.

Das Buch verzichtet auf große Thesen oder ein abschließendes Urteil. Stattdessen bietet es eine dichte Momentaufnahme eines gesellschaftlichen Zustands: Menschen, die versuchen zu überleben, zu hoffen, zu erinnern – und sich dabei zwischen Anpassung und Aufbegehren bewegen.

Belarus – Zukunft eines Landes im Schatten Russlands und der Ukraine 

Rasender Stillstand ist ein wichtiges Buch, weil der Blick nach Belarus in Europa im Schatten Russlands und der Ukraine oft verloren geht. Es zeigt, dass die Zukunft des Landes mitten in Europa mit darüber entscheidet, wie sich die Region nach dem Krieg ordnen wird. Das Land sollte nicht allein Moskaus Einfluss überlassen werden, sondern verlangt die bewusste Aufmerksamkeit Europas. Petz verzichtet auf politische Analyse und geopolitische Thesen und beschreibt stattdessen die alltäglichen Folgen autoritärer Herrschaft. Gerade deshalb wirkt sein Buch so eindringlich. Letztlich erinnert es auch uns daran, demokratische Werte nicht für selbstverständlich zu halten und diejenigen zu unterstützen, die unter großen Risiken für sie einstehen.

Artikeltext: Kristiane Janeke

Sprecher: Christoph Jan Longen
1 Minute
In dieser Folge von ANGELESEN, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, stellen wir das Buch Armee der Einheit? Deutsche Streitkräfte zwischen Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung vor.

Der Militärhistoriker Matthias Rogg zeichnet in seinem Werk präzise und minutiös den Weg zur Armee der Einheit nach. 

Unerwartete Chance und große Aufgaben

Die gänzlich unerwartete Chance, 1990 die Deutsche Einheit in Frieden und Freiheit zu verwirklichen, stellte die Bundeswehr vor große, historisch beispiellose Aufgaben: Die 90 000 Angehörigen der Nationalen Volksarmee der ehemaligen DDR mussten in die Reihen der Bundeswehr eingegliedert und anschließend zügig entschieden werden, wer von ihnen eine langfristige Dienstperspektive in der Bundeswehr haben könnte. 

Übernahme ehemaliger NVA-Soldaten

Der Charakter der NVA als militärisches Repressionsinstrument der SED-Diktatur machte dabei die massenhafte Übernahme früherer NVA-Soldaten unwahrscheinlich. Eine Karriere in der NVA hatte nur SED-Mitgliedern offen gestanden. Die Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit in den Reihen der NVA war sehr hoch gewesen. Schlussendlich wurden nach gründlicher Prüfung 10 800 ehemalige NVA-Angehörige in die Bundeswehr übernommen. 

Armee der Einheit und Deutsche Einheit

Die in der Bundeswehr übliche hohe Mobilität und die Verlegung vieler Bundeswehr-Dienststellen in die neuen Bundesländer sorgten dafür, dass nach 1990 viele Soldaten aus West- und Ostdeutschland den jeweils anderen Teil des vormals geteilten Landes kennenlernten. So trug die Armee der Einheit erheblich dazu bei, den Prozess der Deutschen Einheit zu fördern. 

Der Militärhistoriker Oberst i. G. Prof. Dr. Matthias Rogg lehrt derzeit am U.S. Army War College in Carlisle, PA, im Department of Military Strategy, Planning and Operations. Er war zuvor Direktor Strategische Studien und Forschung an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg sowie von 2010 bis 2017 Gründungsdirektor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden.

Artikeltext: Christoph Kuhl

Sprecher: Christoph Jan Longen
11 Minuten
In dieser Folge von ANGELESEN, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, stellen wir das Buch „State-Building. Die Rolle von Streitkräften am Beispiel der Bundeswehr in Afghanistan“ vor. Es erschien 2024 im Nomos Verlag. 

Brigadegeneral a.D. Michael Bartscher war mehrfach in leitenden Verwendungen in Afghanistan eingesetzt. Im vorliegenden Werk, seiner im Jahr 2024 erschienenen Dissertation, befasst er sich mit den Einsätzen ISAF und Resolute Support

Analyse des deutschen Beitrags zu ISAF und Resolute Support

Welche Lehren lassen sich aus der Art und Weise ziehen, in der Bundesregierung und Bundestag institutionell und in der Außendarstellung gegenüber der deutschen Öffentlichkeit mit den Einsätzen ISAF und Resolute Support umgegangen sind? Auf diese Fragen sucht die vorliegende Arbeit Antworten.      

Auf Basis amtlichen Quellen, der aktuellen Forschungsliteratur sowie von Befragungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Geschäftsbereichen des BMVg und anderer Ministerien, die in Afghanistan tätig waren, liefert das Werk eine profunde Analyse des deutschen Beitrags zu den Einsätzen ISAF und Resolute Support.

Ergebnisse der detaillierten Betrachtung der Lageentwicklung

Aus der detaillierten Betrachtung sowohl der Lageentwicklung in Afghanistan als auch der Art und Weise, in der der politische Betrieb in Deutschland mit den Einsätzen umging, leitet der Autor eine Reihe von Empfehlungen ab, die helfen sollen, künftig vergleichbare Einsätze mit besserem Erfolg abzuschließen als die Einsätze in Afghanistan.

Artikeltext und Sprechtext: Christoph Kuhl

Sprecher: Christoph Jan Longen
1 Minute
Das aus mitteleuropäischer Perspektive abgelegen erscheinende Grönland ist in den Mittelpunkt globaler Aufmerksamkeit gerückt, weil die USA deutlicher als zuvor ihr Interesse an der größten Insel der Welt zum Ausdruck gebracht haben. In dieser Folge von ANGELESEN, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, möchten wir mit dem Werk Buch Amerikas langer Arm. Kontroversen um die Nutzung von Grönland im Zweiten Weltkrieg den historischen Wurzeln der amerikanischen Grönlandpolitik nachspüren.

Der emeritierte Neuzeithistoriker Lothar Burchardt geht in diesem Werk der Entwicklung der Beziehungen der USA zu Grönland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der entscheidende Weichenstellungen stattfanden. Bereits 1920 war die US-Regierung den Ambitionen Großbritanniens, Grönland von Dänemark zu kaufen, entschieden entgegengetreten und hatte für den Fall, dass Dänemark verkaufen wolle, ein amerikanisches Vorkaufsrecht beansprucht. In den folgenden Jahrzehnten unternahm Washington aber nichts, um Kopenhagen zum Verkauf zu bewegen. 

Deutsche Besetzung Dänemarks als Übergang zu aktiver Grönlandpolitik

Die deutsche Besetzung Dänemarks 1940 markierte den Übergang zu einer aktiveren amerikanischen Grönlandpolitik. Die USA unterbanden Bestrebungen Kanadas und Großbritanniens, die Insel zu besetzen und schlossen mit dem dänischen Botschafter in Washington 1941 ein Abkommen, das die Stationierung von US-Truppen auf Grönland erlaubte. Die Verschlechterung der Beziehungen zur Sowjetunion ließ es nach Ende des Zweiten Weltkriegs geraten scheinen, die militärische Präsenz auf Grönland aufrechtzuerhalten.

„Geopolitischer Greifreflex“

Der Autor kommt zu dem Fazit, dass die Grönlandpolitik der USA nicht einer ausgearbeiteten Langfriststrategie folgte. Vielmehr nutzte die USA ab 1940 situativ die sich durch die deutsche Besetzung Dänemarks bietende Chance zur Ausdehnung ihres Einflusses auf Grönland.

Artikeltext und Sprechtext: Christoph Kuhl

Sprecher: Christoph Jan Longen
10 Minuten
In dieser Folge von Angelesen, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, stellen wir aus Anlass zum 150. Geburtstag Konrad Adenauer, am 5. Januar 2026, das Buch von Wolfgang Krieger „Adenauer und die Wiederbewaffnung“ vor. Es erschien im Jahr 2000 im Bouvier Verlag.

Niemand prägte die junge Bundesrepublik stärker als ihr erster Regierungschef Konrad Adenauer

Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland übernahm dieses Amt im September 1949 und hatte es bis Oktober 1963 inne. Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik gehörte zu den bedeutenden politischen Leistungen Adenauers, der persönlich keine Erfahrung als Soldat machte. 1876 in Köln geboren, war er zunächst aus gesundheitlichen Gründen von der Wehrpflicht befreit und im Ersten Weltkrieg als Erster Beigeordneter der Stadt Köln vom Wehrdienst freigestellt worden. Offiziere waren in Adenauers Augen Fachleute für technische Fragen des Militärischen. Er vertraute ihrem fachmännischen Urteil auf diesem Gebiet, legte aber größten Wert auf die Unterordnung der militärischen unter die politische Führung. Im Dezember 1949 bot er den Westalliierten einen Beitrag der Bundesrepublik zur Verteidigung Westeuropas an. Dabei leitete ihn einerseits der Wunsch, der jungen Bundesrepublik mehr Gewicht auf der internationalen Bühne zu verleihen, da er Außenpolitik als Machtpolitik verstand, die auf die Dimension des Militärischen nicht verzichten konnte. Andererseits wusste er, dass nur durch einen umfangreichen deutschen Verteidigungsbeitrag ein Ende des alliierten Besatzungsrechts im neuen westdeutschen Staat sowie maßgebliches Mitspracherecht in westlichen Bündnisstrukturen zu erreichen war. Wie diese Strukturen aussehen würden, entschied sich erst Mitte der 1950er Jahre. Frankreich hatte 1950 eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft vorgeschlagen.

Die gescheiterte Bündnisstruktur und die Alternative

Eine solche Bündnisstruktur hätte neben der Abschreckungswirkung Richtung Sowjetunion auch Wirkung als Motor der europäischen Einigung entfalten können. 1954 scheiterte sie zum Bedauern Adenauers an fehlender Zustimmung der französischen Nationalversammlung. Als Alternative blieb die Mitgliedschaft in der NATO, die die USA der Bundesrepublik anboten. Auch in diesem Rahmen erreichte Adenauer die Ziele, die er mit der Wiederbewaffnung anstrebte: Die Beziehungen der Bundesrepublik zu den Westalliierten wurden nicht mehr besatzungsrechtlich, sondern vertraglich geregelt. Zudem erlangte die Bundesrepublik erheblichen Einfluss auf die Gestaltung von Politik und militärischer Strategie der NATO.

 

Artikeltext und Sprechtext: Christoph Kuhl

Sprecher: Christoph Jan Longen
15 Minuten
In dieser Folge von ANGELESEN, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, stellen wir das Buch von Sönke Neitzel "Die Bundeswehr. Von der Wiederbewaffnung bis zur Zeitenwende" vor. Es erschien 2025 im Verlag C. H. Beck. 

Für die Bewertung aktueller Entwicklungen der deutschen Sicherheitspolitik bietet das Buch eine komprimierte Rückschau aus der Feder eines kritischen Wegbegleiters der Geschichte der Bundeswehr.

Die Aufstellung der Bundeswehr begann 1955 kurz nach dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO. Nach schwierigen Anfangsjahren, die von einem Mangel an Ausbildern und Infrastruktur geprägt waren, wuchs die Bundeswehr bis Anfang der 1970er Jahre zu einer Friedensstärke von rund 500 000 Mann auf. Sie leistete in Zentraleuropa den entscheidenden Beitrag zum Abschreckungskonzept der NATO. Im internen Bewertungssystem der NATO erhielt sie gute Noten, von der DDR wurde sie als ernstzunehmender Gegner eingestuft. Das Ende der Blockkonfrontation 1990/91 brachte für die Bundeswehr eine deutliche Verkleinerung und den Umbau zum Instrument des internationalen Krisen- und Konfliktmanagements mit sich. Auslandseinsätze standen in den folgenden Jahrzehnten im Vordergrund. Die aggressive Politik Russlands gegenüber der Ukraine seit 2014 bewirkte eine Rückbesinnung auf Landes- und Bündnisverteidigung, die seit der Vollinvasion Russlands in der Ukraine 2022 wieder im Mittelpunkt aller Planungen steht.
15 Minuten
Eine Gemeinschaft, die sich von Beginn an westlichen Werten verpflichtet sah. In dieser Folge von Angelesen, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, stellen wir das Buch "Die Gründung der Nordatlantischen Allianz" von Gero von Gersdorff vor. Es erschien 2009 im Oldenbourg Verlag.

Zum 60. Geburtstag der NATO im Jahr 2009 legte der Militärhistoriker Gero von Gersdorff diese minutiös ausgearbeitete Darstellung der Gründungsgeschichte des Nordatlantikpakts vor, die auch 16 Jahre später unübertroffen ist. Die britische Idee zu einer solchen Vertragsorganisation stieß 1947 in USA und Frankreich noch auf eher distanzierte Reaktionen. Erst von Kommunisten organisierte gewalttätige Streiks in Frankreich und Italien im Winter 1947/48 und insb. der Staatsstreich, mit dem 1948 die Kommunistische Partei die alleinige Macht in der Tschechoslowakei an sich riss, beeinflussten die öffentliche Meinung in Frankreich und die politischen Entscheider in Washington entscheidend zugunsten einer transatlantischen Verteidigungsgemeinschaft. Die Verhandlungen zwischen USA, Kanada, Großbritannien und Frankreich begannen im Juli 1948 und mündeten im April 1949 in die Gründung der NATO. Sie war von Anfang an auch als Gemeinschaft konzipiert, die sich westlichen Werten verpflichtet sah. 

Fazit

Ein bekanntes Zitat besagt, ihre Gründung habe drei Zielen gedient: die Sowjets abzuschrecken, die USA als militärischen Partner in Europa zu halten und erneute von Deutschland ausgehende Aggression zu verhindern. Die dritte Zielsetzung ist längst obsolet, hat sich doch Deutschland in den vergangenen 70 Jahren als verlässlicher Partner in der NATO erwiesen. Abschreckung potentieller Aggressoren und Stärkung der transatlantischen Bindung bleiben hingegen Ziele, zu deren Erreichen die NATO noch lange ein wichtiges Instrument bleiben wird.
17 Minuten
Den "Zerfall des Friedens von 1990" beschreibt der Historiker Andreas Rödder als Verdrängen der freiheitlichen Demokratie durch militärische Gewalt in Osteuropa. Mit seinem Werk, das wir in dieser Angelesen-Folge vorstellen, liefert er einen guten Überblick über neuere globale Entwicklungen in der internationalen Sicherheitspolitik.

Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In seinem Werk zeichnet er mit vielen Beispielen und einer überzeugenden historischen Erzählung die Bruchlinien und Widersprüche in der prodemokratischen Geschichtserzählung vom "Ende der Geschichte", dem Zerfall der Sowjetunion in den 1990er Jahren, nach. Die Überzeugung, dass sich die freiheitliche Demokratie naturgemäß immer weiter ausbreiten müsse, wird von Rödder infrage gestellt. Er beschreibt in seinen Ausführungen: „Der globale Westen als Sieger von 1989 steht nicht mehr vor der weltweiten Verbreitung seiner Ordnung, sondern vor der existenziellen Herausforderung seiner Selbstbehauptung.“ 

In Bezug auf  die großen Debatten der Gegenwart bleibt Andreas Rödder in seinem Werk allerdings verhalten. Eine Strategie für die Ukraine, für das Baltikum, für Taiwan, für die Zukunft der NATO, für Deutschland in Europa oder auch für eine mögliche gemeinsame europäischen Verteidigung werden in seinem Werk kaum angesprochen.

Fazit

Rödders Buch beschreibt ausführlich, wie die Hoffnung auf die Ausbreitung von Freiheiten und demokratischen Rechten in der neuesten Geschichte enttäuscht wurde. Die Hoffnung sollte dennoch nicht aufgegeben werden. Denn eine Flucht in Isolationismus, Gleichgültigkeit oder Selbstbezogenheit wäre kontraproduktiv in der heutigen dynamischen Welt. Die Errungenschaften der westlichen Tradition mit ihrem freiheitlichen Grundgedanken werden sich langfristig als robuster und anpassungsfähiger gegenüber autoritären Modellen erweisen.
18 Minuten
Obwohl die drei baltischen Länder oft als Einheit gesehen werden, hat doch jeder Staat seine eigene Geschichte. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist notwendig, um die aktuellen Entwicklungen zu verstehen. Einen guten Überblick liefert das Werk Geschichte der baltischen Länder von Norbert Angermann und Karsten Brüggemann, das wir in dieser Angelesen-Folge vorstellen.

Norbert Angermann war bis zu seiner Entpflichtung Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg. Karsten Brüggemann lehrt estnische Geschichte an der Universität Tallinn. Gemeinsam haben die beiden Spezialisten eine Überblicksdarstellung zur Geschichte der baltischen Länder vorgelegt. Diese Region hatte seit dem Mittelalter einen hohen Stellenwert in den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen West und Ost. Während Litauen eine eigene Staatlichkeit ausbildete und in dynastischer Verbindung mit Polen ein einflussreiches Staatsgebilde wurde, gerieten die kleinen Staaten auf dem Gebiet des heutigen Lett- und Estland zunächst unter schwedische und 1721 unter russische Herrschaft.

Fazit

Im Zuge der Teilung Polens gelangte 1795 auch Litauen unter die Knute der Zaren. Die russische Fremdherrschaft konnte am Ende des Ersten Weltkriegs abgeschüttelt werden. Das  Einvernehmen, das Nazis und Sowjets 1939 über die Abgrenzung ihrer Interessensphären herstellten, überlebten die drei baltischen Republiken nicht. Sie wurden 1940 und nach dreijähriger deutscher Besatzung 1944 nochmals und bis zu deren Ende 1991 Teil der Sowjetunion. Anschließend gelang Litauern, Letten und Esten eine umfassende politisch-gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformation, die ihre Länder zum festen Bestandteil des europäischen Projekts und zu zuverlässigen Partnern in der NATO machte.
15 Minuten
Welche Erinnerungskulturen haben sich in Litauen seit 1945 aufgrund von  Erfahrungen und Erinnerungen herausgebildet? In dieser Folge von "Angelesen", dem Buchjournal des ZMSBw stellen wir das Buch "Erinnerungen an den Krieg - Krieg der Erinnerungen: Litauen und der Zweite Weltkrieg" vor.

Die an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg lehrende Osteuropa-Historikerin Ekaterina Makhotina untersucht im vorliegenden Werk die Erinnerungskulturen Litauens und deren Entwicklung von 1945 bis in die Gegenwart. Nachverfolgt wird diese Entwicklung der Erinnerungskulturen anhand von Museen und Gedenkstätten. Dabei widmet sich die Autorin Fragen wie z.B.: Wie wurde zu Sowjetzeiten des Zweiten Weltkriegs gedacht? Wie wandelte sich das Gedenken nach dem Ende der Sowjetunion? Wie unterscheiden sich die Erinnerungskulturen der Litauer, der russischen Minderheit und der jüdischen Gemeinde?

Fazit

Die Sowjetunion inszenierte das litauische Volk als Opfer der deutschen Invasion und die Rote Armee als seine Befreierin. Nach 1991 sahen Litauerinnen und Litauer sich in erster Linie als Opfer der 1940 beginnenden und 1991 endenden sowjetischen Besatzung. Das dreijährige Intermezzo der deutschen Besatzung 1941-1944 trat in den Hintergrund. Dies führt zu Spannungen mit der Erinnerungskultur der jüdischen Gemeinde, die aus naheliegenden Gründen vor allem an die deutsche Besatzungszeit erinnert und die Rolle der umfangreichen litauischen Kollaboration dabei nicht ausklammert.
14 Minuten
War der Beitritt osteuropäischer Staaten zur NATO nach 1990 eine Provokation Russlands? Wer darauf nach einer wissenschaftlich fundierten Antwort sucht, der sollte zum vorliegenden Werk von Mary Elise Sarotte greifen: "Nicht einen Schritt weiter nach Osten. Amerika, Russland und die wahre Geschichte der NATO-Osterweiterung". Das Buch erschien 2023 im Verlag C. H. Beck. 

Die amerikanische Historikerin Mary Elise Sarotte ist ausgewiesene Spezialistin für die Geschichte Osteuropas. Im vorliegenden Werk nimmt sie, beginnend beim Mauerfall im Herbst 1989, die Vorgeschichte der 1999 einsetzenden NATO-Osterweiterung in den Blick. Dabei wird der bis heute verbreitete Irrtum widerlegt, im Zuge der Wiedervereinigung sei der Sowjetunion verbindlich zugesichert worden, es werde keine NATO-Osterweiterung geben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion setzte die Clinton-Administration auf gute Beziehungen zur russischen Regierung unter Boris Jelzin.

Partnerschaft für den Frieden

Um den auf  NATO-Beitritt drängenden osteuropäischen Staaten eine schrittweise, langfristige Beitrittsperspektive zu eröffnen ohne Russland vor den Kopf zu stoßen, wurde 1993 die "Partnerschaft für den Frieden" ins Leben gerufen. Ihr traten die osteuropäischen Länder und eine Reihe ehemaliger Sowjetrepubliken einschließlich Russlands bei. Der vielversprechende Ansatz der "Partnerschaft für den Frieden" büßte bereits 1994 aus verschiedenen, von Sarotte minutiös dargelegten Gründen seine Erfolgschancen ein. Anschließend setzten die USA zwar ihre finanzielle Unterstützung für das die gesamten 1990er Jahre wirtschaftlich schwache Russland fort, doch kühlte das beiderseitige Verhältnis ab. Daran änderte sich bis 1999 nichts, als Jelzin zurücktrat und Putin als seinen Nachfolger präsentierte.
13 Minuten
„Eine dauerhafte Entspannung in Osteuropa erscheint nur dann möglich, wenn Russland seine Vorbehalte gegenüber der NATO und den USA aufgibt und bereit ist, in verbindliche vertragliche Vereinbarungen…einzutreten. Derzeit ist die russische Außenpolitik davon weit entfernt“

Diese Einschätzung von Autor Friedrich Jeschonnek ist heute noch ebenso treffend wie im Jahr 2018, dem Erscheinungsjahr des vorliegenden Bandes "Osteuropa - Konflikte verstehen. Ein Praxishandbuch. Osteuropa zog seit dem Russisch-Georgischen Krieg von 2008 und verstärkt seit der völkerrechtswidrigen russischen Annexion der Krim 2014 Aufmerksamkeit auf sich. Der Verband der Reservisten der Bundeswehr e.V. hat 2018 das vorliegende Werk herausgegeben. Es ist als Praxis-Handbuch zur Erwachsenenbildung auf dem Themenfeld Politik und Geschichte Osteuropas konzipiert. Aufsätze zu sämtlichen Staaten der Region von Polen bis Georgien bieten ausführliche landeskundliche Informationen. Ergänzt werden sie durch praktische Hinweise zu Planung, Organisation und Durchführung von Veranstaltungen der politischen Bildung. 

Fazit

Seit Russland 2022 begann, die Ukraine mit einem Angriffskrieg zu überziehen, der das Ziel hat, sie als souveränen Staat von der Landkarte zu streichen, wuchs das Interesse an Osteuropa nochmals stark an. Auch wenn es diese dramatische Entwicklung nicht berücksichtigen kann, eignet sich dieses Handbuch dennoch sehr gut als Leitfaden für politische Bildung in der Bundeswehr zum Themenfeld Osteuropa, das sicher noch lange im Blickpunkt stehen wird. Der vorliegende Band stellt einen sehr guten Leitfaden für die Planung und Vorbereitung von Veranstaltungen der Politischen Bildung zu diesem Themenkreis dar.