OE3000 - Episode 22 - Über Organisation als Tätigkeit: Ein Einblick in den Alltag von Schulen, Gewerkschaften und Vereinen

OE3000 - Episode 22 - Über Organisation als Tätigkeit: Ein Einblick in den Alltag von Schulen, Gewerkschaften und Vereinen

vor 1 Woche
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Beschreibung

vor 1 Woche

Am 15. Mai 2026 sind in Deutschland über 5.000 Beschäftigte dem
ersten bundesweiten Warnstreikaufruf von ver.di im Handel
gefolgt. In mehr als 200 Filialen — von Edeka und REWE über
Douglas und H&M bis zu IKEA. Ab dem 21. Mai laufen weitere
regionale Streiks, am 4. und 5. Juni ruft die Gewerkschaft erneut
bundesweit auf. Hintergrund ist die Tarifrunde Handel, in der es
um eine Lohnerhöhung für rund 5,2 Millionen Beschäftigte geht.


Das ist organisierte Tätigkeit im stärksten Sinne. Menschen
verständigen sich über Filialgrenzen hinweg auf gemeinsame
Forderungen, finden Sprecherinnen und Sprecher, wählen Termine,
verteilen Aufgaben. Niemand hat sie dafür auf einen Workshop
geschickt. Niemand hat es auf Ansage verordnet.


Diese Episode fragt, was Organisieren eigentlich ist — und warum
es gleichzeitig so elementar wichtig und so frustrierend schwer
ist. Schon das kleinste gemeinsame Vorhaben zerrt an
unterschiedlichen Interessen. Sechs Leute wollen ein Wochenende
an der Ostsee verbringen, und schon beginnt das Ringen: Eine
möchte wandern, einer am Strand liegen, eine isst vegan, einer
will unbedingt Fischbrötchen. Dazwischen mischt sich das Leben
gnadenlos ein.


Genau dieselbe Dynamik durchzieht jede Organisation. Der
IT-Leiter und die Marketingchefin lesen denselben
Projektfortschritt unterschiedlich. Die Pflegekraft und der
Verwaltungsdirektor haben verschiedene Vorstellungen vom
Patientenwohl. Im Sportverein haben Hausmeister und
Vorstandsvorsitzender selten dieselbe Idee davon, was in einer
Umkleide als sauber durchgeht. Und doch wären wir ohne
Organisation buchstäblich aufgeschmissen — von der spontanen
Sandsackkette am Deich bis zur Versorgung einer Millionenstadt.


Für das Phänomen, das in vielen Organisationen entsteht, wenn
Reden und Handeln auseinanderfallen, gibt es einen treffenden
Begriff: Hyperpolitik. Der Historiker Anton Jäger hat ihn
geprägt. Er beschreibt eine Kommunikation, die unablässig
Meinungen, Aufbruchsstimmung und symbolische Akte produziert,
ohne dauerhafte Strukturen aufzubauen. In Organisationen sieht
das so aus: Strategieworkshops, deren Hochglanz-Ergebnis nach
drei Wochen in der Schublade liegt. Reformprozesse, deren
bleibendster Output die Pressemitteilung am Tag des Beschlusses
ist.


Eine Schule am Montag: Dienstbesprechung über das neue Leitbild,
alle nicken. Am Dienstag steht eine Lehrerin im Klassenraum vor
29 Kindern, drei sprechen kein Deutsch, zwei tragen gerade einen
Konflikt aus, sie improvisiert. Ein Fußballverein in einer
Kleinstadt: Jahreshauptversammlung mit Jugendförderungskonzept
und Sponsoringplan. Am Samstagvormittag richtet derselbe Vorstand
mit drei Vätern den Platz her, eine Mutter wäscht die Trikots,
der Übungsleiter improvisiert eine Taktik. Beides ist
Organisation. Aber das Leitbild und der Trikotsack auf der
Rückbank haben nur lose miteinander zu tun.


Die Tarifrunde Handel zeigt das Gegenbild: organisierte
Tätigkeit, in der sich tatsächlich etwas bewegt. Forderungen
liegen auf dem Tisch, Filialen bleiben zu, am Ende kann sich der
Lohnzettel verändern. In der Hyperpolitik-Variante bleibt das
Wichtigste auf der Folie.


Wer wirklich verstehen will, wie organisiertes Miteinander
funktioniert, lernt es selten im Seminarraum. Die aktive
Mitarbeit in einem Verein, das Engagement in einer Gewerkschaft,
die Beteiligung an einer Streikbewegung lehrt über Interessen,
Aushandlung und Koordination mehr als jedes Teamtraining. Nur
bekommt man dafür kein Zertifikat.


Erwähnte Personen: Anton Jäger


Schreib mir: mail@robin-taylor.de


Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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