OE3000 - Episode 21 - So viele Möglichkeiten: Was die Organisationsentwicklung von der Science-Fiction lernen kann

OE3000 - Episode 21 - So viele Möglichkeiten: Was die Organisationsentwicklung von der Science-Fiction lernen kann

vor 2 Wochen
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Beschreibung

vor 2 Wochen

Vom 18. bis 20. Mai 2026 fand in Berlin die re:publica statt.
Über tausend Sprecherinnen und Sprecher, mehr als zwanzig Bühnen.
Unter den Gästen: der kanadische Science-Fiction-Autor und
Aktivist Cory Doctorow, mit einem Vortrag über Enshittification.


Den Begriff hat Doctorow 2022 geprägt. Er beschreibt den
dreistufigen Verfall zweiseitiger Plattformen: Erst werden die
Nutzerinnen und Nutzer angelockt und abhängig gemacht, dann die
Geschäftskunden geködert, am Ende holt die Plattform den Wert für
sich zurück. Höhere Gebühren, Werbebetrug, gezielter
Sichtbarkeitsentzug. Am 13. Mai 2026 ist Doctorows gleichnamiges
Buch auf Deutsch erschienen.


Diese Episode nimmt die Science-Fiction als Werkzeug, um über
Organisationen nachzudenken. Das klingt unseriös, ist es aber
nicht. Spekulative Literatur darf die Spielregeln verändern,
statt sie nur zu optimieren.


Doctorow ist Diagnostiker und Romanautor zugleich. Sein Roman
„Walkaway" entwirft Gemeinschaften, die Open-Source-Prinzipien
auf alle Lebensbereiche anwenden — nicht in der Idylle, sondern
in dauerhafter Reibung mit dem Rest der Welt.


Drumherum eine Tour durch die Tonarten des Genres. Den Klamauk
vertritt Douglas Adams, dessen Vogonen die Erde für eine
Hyperraum-Umgehungsstraße sprengen und die formale Korrektheit
gleich mitliefern. Die Dystopie kommt von George Orwell, Dave
Eggers und Ida Auken — drei Texte, ein Muster: Überwachung wird
zu Anerkennung, Eigentum zur Belastung, ständige Erreichbarkeit
zur Wertschätzung. Die Verschiebung passiert im Vokabular. Eine
hoffnungsvollere Linie zeichnen Solarpunk und der Afrofuturismus
von Nnedi Okorafor und N. K. Jemisin, die kollektive
Entscheidungsfindung und traditionelle Wissensformen mit
Technologie verbinden — und damit sichtbar machen, dass
Effizienz, Hierarchie und Rationalität kulturell geprägt sind,
nicht universell.


Am stärksten beschäftigt diese Episode Liu Cixins
„Drei-Sonnen-Trilogie". Sie denkt menschliche Organisationen über
vierhundert Jahre — den Maßstab, den Probleme wie der
Klimakollaps tatsächlich verlangen. Liu Cixin erfindet dafür
institutionelle Mechanismen: das Wandschauer-Projekt, das
einzelnen Personen geheime Vollmacht ohne Rechenschaft gibt; den
Tiefschlaf, der Wissen über Lebenszeiten hinweg verfügbar hält;
den Schwertträger, der allein über eine letzte Drohung wacht.
Lauter Werkzeuge für extreme Langfristigkeit — und zugleich
Karikaturen von Mustern, die in heutigen Organisationen längst
wirken.


Dass solche Langzeit-Organisationen nicht nur in Romanen
existieren, zeigt Stewart Brand. Seine 1996 mitgegründete Long
Now Foundation baut eine mechanische Uhr, die zehntausend Jahre
laufen soll, und archiviert in ihrem Rosetta-Projekt mehr als
tausend Sprachen für eine ferne Zukunft.


Die Lehre der Science-Fiction für das Nachdenken über
Organisationen ist keine Rezeptsammlung. Sie macht sichtbar, dass
unsere Organisationsformen eine Wahl sind, kein Naturgesetz. Dass
Technologie Machtverhältnisse nicht auflöst, sondern verschiebt.
Und dass die entscheidenden Fragen politisch sind, nicht
technisch. Doctorows Pointe im Gespräch mit der Ökonomin
Francesca Bria auf der re:publica: Echte Veränderung gibt es
nicht durch technische Korrekturen, sondern erst durch einen
Angriff auf die Konzernmacht selbst.


Erwähnte Personen: Cory Doctorow, Douglas Adams,
George Orwell, Dave Eggers, Ida Auken, Nnedi Okorafor, N. K.
Jemisin, Liu Cixin, Stewart Brand, Francesca Bria


Schreib mir: mail@robin-taylor.de


Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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