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Beschreibung
vor 1 Woche
Falko Schmieder spricht mit Georg Simmerl (beide ZfL) über den von
ihm herausgegebenen Band »Geschichte im Widerstreit. Beiträge zur
Historisierung Reinhart Kosellecks« (Göttingen: Wallstein 2026),
der Kosellecks Denken einer kritischen Neuperspektivierung
unterzieht, indem politische und theoriegeschichtliche Fragen in
den Mittelpunkt gerückt werden. ———————— Reinhart Koselleck
(1923–2006) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen
Historiker des 20. Jahrhunderts. Während die Geschichtswissenschaft
lange von einer eher unkritischen Verehrung geprägt war, wird
Koselleck in aktuellen Debatten zuweilen als Vorreiter einer
neurechten Strategie kultureller Hegemonie dargestellt. Ist
Koselleck also ein Rechtsintellektueller, oder werden hier
gegenwärtige Konflikte auf die Nachkriegszeit projiziert? Die
Kritik konzentriert sich meist auf Kosellecks Frühwerk,
insbesondere auf seine Dissertation »Kritik und Krise«, deren Nähe
zu Carl Schmitt und unbefangener Umgang mit NS-Autoren irritieren.
Oft wird dabei jedoch versäumt, Koselleck zu historisieren und
seine Entwicklung mitzudenken. Jürgen Habermas beispielsweise
porträtierte Koselleck zunächst als Sprachrohr Schmitts und der
Gegenaufklärung, relativierte diese Einschätzung jedoch später.
Auch Kosellecks Auftreten als politischer Intellektueller
provozierte Widerspruch, etwa im Streit um das Berliner
Holocaustmahnmal oder die Spannung zwischen Universalismus und
Singularität des Holocaust. Umso auffälliger ist seine Vermeidung
einer direkten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, etwa
in der Konzentration der Geschichtlichen Grundbegriffe auf die
»Sattelzeit« um 1800. Dennoch bleibt Kosellecks Kritik der
Aufklärung anschlussfähig: Seine Analyse eines Moralismus, der
politische Interessen verschleiert, schärft den Blick für die
Aufgabe der Theorie und Begriffsgeschichte, verborgene Politizität
offenzulegen. Seine konservative Aufklärungskritik, die die
Prekarität der bürgerlichen Ordnung reflektiert und Adornos
Gegenwartsdiagnosen überraschend nahesteht, erscheint heute
mitunter plausibler als Habermas’ kontrafaktisches Ideal
kommunikativen Handelns in liberalen Demokratien. Vor dem
Hintergrund einer vielfach beschworenen »Wiederkehr von Weimar« ist
diese Opposition auch deshalb aktuell, weil wir Demokratie erneut
als prekär erfahren – heute allerdings unter umgekehrten
ideologischen Vorzeichen und im Schatten einer Krise des Marxismus
sowie fehlender emanzipatorischer Perspektiven. Gerade im Begriff
der Krise zeigt sich jedoch der grundlegende Unterschied zwischen
einer Dialektik der Aufklärung, die auf die emanzipatorische Kraft
der Kritik setzt, und Kosellecks Verständnis der Kritik selbst als
Krisenauslöser. 1982 gilt ihm ›Krise‹ noch als erschöpfte
Worthülse; wenige Jahre später erkennt er in der ökologischen Krise
eine neue politische Schwellenerfahrung. Am Verhältnis zur Ökologie
zeigen sich letztlich auch die Grenzen seiner Aktualität. Zwar
erkannte Koselleck früh, dass das Klima zunehmend in den Bereich
menschlicher Verfügung rückt. Angesichts der heutigen Erfahrung
einer sich politischer Kontrolle und Verfügung entziehenden
Klimakatastrophe wirkt diese Perspektive jedoch überholt. ————————
Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das
Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon
zur historischen Semantik in Deutschland« und ist Herausgeber des
E-Journals Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte. Er ist seit
2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. Der Politik- und
Kulturwissenschaftler Georg Simmerl ist mit dem Projekt »Strategien
der Kritik. Eine systematische Rekonstruktion der Debatte um die
documenta fifteen« wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. 2022
erhielt er den Carlo-Barck-Preis des ZfL für seine Dissertation zur
Theorie- und Begriffsgeschichte des Liberalismus.
www.zfl-berlin.org
ihm herausgegebenen Band »Geschichte im Widerstreit. Beiträge zur
Historisierung Reinhart Kosellecks« (Göttingen: Wallstein 2026),
der Kosellecks Denken einer kritischen Neuperspektivierung
unterzieht, indem politische und theoriegeschichtliche Fragen in
den Mittelpunkt gerückt werden. ———————— Reinhart Koselleck
(1923–2006) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen
Historiker des 20. Jahrhunderts. Während die Geschichtswissenschaft
lange von einer eher unkritischen Verehrung geprägt war, wird
Koselleck in aktuellen Debatten zuweilen als Vorreiter einer
neurechten Strategie kultureller Hegemonie dargestellt. Ist
Koselleck also ein Rechtsintellektueller, oder werden hier
gegenwärtige Konflikte auf die Nachkriegszeit projiziert? Die
Kritik konzentriert sich meist auf Kosellecks Frühwerk,
insbesondere auf seine Dissertation »Kritik und Krise«, deren Nähe
zu Carl Schmitt und unbefangener Umgang mit NS-Autoren irritieren.
Oft wird dabei jedoch versäumt, Koselleck zu historisieren und
seine Entwicklung mitzudenken. Jürgen Habermas beispielsweise
porträtierte Koselleck zunächst als Sprachrohr Schmitts und der
Gegenaufklärung, relativierte diese Einschätzung jedoch später.
Auch Kosellecks Auftreten als politischer Intellektueller
provozierte Widerspruch, etwa im Streit um das Berliner
Holocaustmahnmal oder die Spannung zwischen Universalismus und
Singularität des Holocaust. Umso auffälliger ist seine Vermeidung
einer direkten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, etwa
in der Konzentration der Geschichtlichen Grundbegriffe auf die
»Sattelzeit« um 1800. Dennoch bleibt Kosellecks Kritik der
Aufklärung anschlussfähig: Seine Analyse eines Moralismus, der
politische Interessen verschleiert, schärft den Blick für die
Aufgabe der Theorie und Begriffsgeschichte, verborgene Politizität
offenzulegen. Seine konservative Aufklärungskritik, die die
Prekarität der bürgerlichen Ordnung reflektiert und Adornos
Gegenwartsdiagnosen überraschend nahesteht, erscheint heute
mitunter plausibler als Habermas’ kontrafaktisches Ideal
kommunikativen Handelns in liberalen Demokratien. Vor dem
Hintergrund einer vielfach beschworenen »Wiederkehr von Weimar« ist
diese Opposition auch deshalb aktuell, weil wir Demokratie erneut
als prekär erfahren – heute allerdings unter umgekehrten
ideologischen Vorzeichen und im Schatten einer Krise des Marxismus
sowie fehlender emanzipatorischer Perspektiven. Gerade im Begriff
der Krise zeigt sich jedoch der grundlegende Unterschied zwischen
einer Dialektik der Aufklärung, die auf die emanzipatorische Kraft
der Kritik setzt, und Kosellecks Verständnis der Kritik selbst als
Krisenauslöser. 1982 gilt ihm ›Krise‹ noch als erschöpfte
Worthülse; wenige Jahre später erkennt er in der ökologischen Krise
eine neue politische Schwellenerfahrung. Am Verhältnis zur Ökologie
zeigen sich letztlich auch die Grenzen seiner Aktualität. Zwar
erkannte Koselleck früh, dass das Klima zunehmend in den Bereich
menschlicher Verfügung rückt. Angesichts der heutigen Erfahrung
einer sich politischer Kontrolle und Verfügung entziehenden
Klimakatastrophe wirkt diese Perspektive jedoch überholt. ————————
Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das
Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon
zur historischen Semantik in Deutschland« und ist Herausgeber des
E-Journals Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte. Er ist seit
2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. Der Politik- und
Kulturwissenschaftler Georg Simmerl ist mit dem Projekt »Strategien
der Kritik. Eine systematische Rekonstruktion der Debatte um die
documenta fifteen« wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. 2022
erhielt er den Carlo-Barck-Preis des ZfL für seine Dissertation zur
Theorie- und Begriffsgeschichte des Liberalismus.
www.zfl-berlin.org
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