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46 Minuten
Johannes Becker spricht mit Stefan Willer (HU Berlin) über sein Buch »Präventionsfantasien. Zukunftssicherung in der Gegenwartsliteratur« (Berlin: De Gruyter 2026). Darin untersucht er, wie literarische und filmische Fiktion und präventives Zukunftsdenken zusammenhängen. ———————— Becker versteht Prävention als den Versuch, die Zukunft durch Vorstellungen von Sicherheit berechenbarer zu machen. Sie erscheint als gesellschaftliche Technik, die Zukunft gestaltet, indem sie bestimmte Entwicklungen verhindern will. Eine lückenlose Kausalität zwischen Gegenwart und Zukunft lässt sich allerdings nicht herstellen, die Zukunft bleibt immer offen. Präventive Maßnahmen können den Raum des Möglichen zwar beeinflussen, aber nie vollständig kontrollieren und sind daher auf Fiktionen angewiesen. Wie lässt sich dieser Möglichkeitsraum in Literatur und Film gestalten? Daniel Suarez’ »Daemon«-Reihe zieht eine von Gaming und Online-Rollenspielen inspirierte Parallele zwischen präventiver Handlungsmacht und fiktionaler Handlung. Der oft beschworene Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit wird dabei aufgelöst: Sicherheitsmaßnahmen erscheinen nicht als Einschränkung, sondern als Zugewinn an Freiheit, sofern sie auf gemeinschaftlichen Beteiligungs- und Entscheidungsprozessen beruhen. Mit ihrer Vision einer technologisch geprägten Utopie steht die Reihe zugleich in der Tradition marxistisch inspirierter Science-Fiction. Einen anderen Weg geht Jeff Nichols’ Film »Time Shelter«. Statt das Panorama einer ganzen Gesellschaft zu entwerfen, richtet er den Blick auf die Zukunftssicherung im Privaten. Becker liest den Film im strukturalistischen Sinne als fantastische Erzählung, in der innerhalb einer fiktionalen Wirklichkeit zwei Wirklichkeiten nebeneinander bestehen, aus deren Gleichzeitigkeit die Spannung entsteht. In Colson Whiteheads Zombie-Roman »Zone One« ergibt sie sich dagegen aus der Erschütterung der zeitlichen Ordnung. Diskrepanzen zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit lenken den Blick auf das Verhältnis von Sicherheit der Verlässlichkeit fiktionalen Erzählens. Die Analysen machen eine gemeinsame Tendenz in Literatur und Film sichtbar: Drohendes Unheil soll abgewendet werden, indem es benannt und vorgestellt wird. In Katja Thomas’ Satz »Wenn ich es mir vorstelle, wird es niemals geschehen« nimmt diese Vorstellung beinahe die Form magischen Denkens an. Die Darstellung unheilvoller Gegenwart und bedrohlicher naher Zukünfte erfüllt mehrere Funktionen. Einerseits kann sie entlastend wirken, weil Risiken erzählbar und damit greifbar werden. Andererseits eröffnen Unheilsszenarien, die in der unmittelbaren Gegenwart verortet und über soziale Nahbeziehungen vermittelt werden, neue Möglichkeiten literarischer und künstlerischer Weltgestaltung. So erweitern Literatur und Film unsere Vorstellungen davon, was Gegenwart und Zukunft sein könnten. ———————— Johannes Becker studierte Neuere deutsche Literatur, Amerikanistik und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er arbeitet als Schriftsteller und Übersetzer und war von 2014 bis 2017 Doktorand im von Stefan Willer geleiteten Projekt »Sicherheit und Zukunft. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Security Studies« am ZfL. Stefan Willer ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2010–2018 war er stellvertretender Direktor des ZfL und leitete dort unter anderem die Projekte »Übersetzungen im Wissenstransfer« (2014–2016) und »Prognostik und Literatur« (2010–2013). www.zfl-berlin.org
35 Minuten
Sophie-C. Hartisch spricht mit Eva Geulen (beide ZfL) über ihr Buch »Stern und Kosmos. Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900« (Göttingen: Wallstein 2026). Darin zeigt sie, dass die allgegenwärtige Beschäftigung mit der Sternenwelt um 1900 sich nur in einer gattungs- und disziplinenübergreifenden Perspektive erschließen lässt. ———————— Der Blick in den Sternenhimmel ist besonders in der Lyrik der Jahrhundertwende präsent. Astrale Konstellationen sind nicht nur ein häufiges Gedichtmotiv, sondern stehen auch in enger Beziehung zur Form der Gedichte selbst. In den Formexperimenten Stéphane Mallarmés erkennt Paul Valéry beispielsweise den Versuch, den Kosmos auf Papier zu bannen. In den dunklen Umrissen der Schrift auf dem hellen Blatt sieht er die visuelle Inversion der hellen Sterne vor dem dunklen Firmament. Zugleich sprengen Mallarmés Konstellationen die lineare Ordnung der Schrift auf. Dies zeuge vom Verlust von Ganzheit und Kontinuität in der Moderne, den Georg Lukács als transzendentale Obdachlosigkeit beschreibt. Die materialreiche Studie erzählt jedoch nicht nur diese wirkmächtige Verlustgeschichte. Sie macht vielmehr sichtbar, wie stark um 1900 auch Vorstellungen von Kontinuität und Verbundenheit im Astralen fortwirken. Das zeigt sich in der anhaltenden Annahme eines Zusammenhangs zwischen kosmischer und moralischer Ordnung ebenso wie bei Denkern wie Georg Simmel, für den der Blick in den Sternenhimmel das alle Menschen Verbindende darstellt. Das Vertrauen in den vereinenden Sternenhimmel drückt sich um 1900 auch in der Mythenforschung, der populären Planetenlandschaftsmalerei und der wiederauflebenden Begeisterung für die Astrologie mit ihrem Versprechen von Ganzheit aus. Wie unterschiedlich das Astrale gedeutet wurde, zeigen seine politischen Aneignungen im frühen 20. Jahrhundert. Im George-Kreis etwa diente der Bezug auf den Sternenhimmel dazu, eine klar abgegrenzte und hierarchisch geordnete Gemeinschaft zu begründen. Die Berufung der mit George verbundenen Kosmiker auf einen über die ›Blutlinie‹ geteilten Boden lässt sich als düstere Umkehrung von Simmels Vorstellung eines alle verbindenden Himmels lesen und weist bereits auf die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten voraus. In der Exildichtung dagegen bietet der Blick in den Sternenhimmel oft letzten Halt in einer unsicheren Welt, während der ›Leitstern‹ Orientierung für die Zukunft verspricht, was auch in kommunistischen und sozialistischen Aneignungen und symbolischen Aufladungen des Astralen zu beobachten ist. Nach dem Ersten Weltkrieg entsteht mit dem Planetarium ein neuer Ort, an dem der Kosmos erfahrbar wird. Bei Bertolt Brecht avanciert er zum Modell fürs Theater als Ort des Lernens und der Erfahrung. Bei Walter Benjamin kann der durch neue Technik greifbar werdende Kosmos einen Ausweg aus der Erfahrungsarmut der Moderne eröffnen – vorausgesetzt, die Verfügung über diese technischen Mittel liegt bei den Richtigen. ———————— Die Literaturwissenschaftlerin Sophie-C. Hartisch ist akademische Rätin auf Zeit am Institut für Germanistik der Universität Bonn. Für ihre 2024 an der Universität zu Köln abgeschlossene Dissertation »Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900. Stern und Kosmos als Zeitsignatur der Moderne« erhielt sie den Carlo-Barck-Preis 2025 und arbeitet derzeit als Carlo-Barck-Preis-Stipendiatin mit ihrem Projekt »Kohärenz. Die Poetik des Zusammenhangs« am ZfL. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL, Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. www.zfl-berlin.org
48 Minuten
Falko Schmieder spricht mit Georg Simmerl (beide ZfL) über den von ihm herausgegebenen Band »Geschichte im Widerstreit. Beiträge zur Historisierung Reinhart Kosellecks« (Göttingen: Wallstein 2026), der Kosellecks Denken einer kritischen Neuperspektivierung unterzieht, indem politische und theoriegeschichtliche Fragen in den Mittelpunkt gerückt werden. ———————— Reinhart Koselleck (1923–2006) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Historiker des 20. Jahrhunderts. Während die Geschichtswissenschaft lange von einer eher unkritischen Verehrung geprägt war, wird Koselleck in aktuellen Debatten zuweilen als Vorreiter einer neurechten Strategie kultureller Hegemonie dargestellt. Ist Koselleck also ein Rechtsintellektueller, oder werden hier gegenwärtige Konflikte auf die Nachkriegszeit projiziert? Die Kritik konzentriert sich meist auf Kosellecks Frühwerk, insbesondere auf seine Dissertation »Kritik und Krise«, deren Nähe zu Carl Schmitt und unbefangener Umgang mit NS-Autoren irritieren. Oft wird dabei jedoch versäumt, Koselleck zu historisieren und seine Entwicklung mitzudenken. Jürgen Habermas beispielsweise porträtierte Koselleck zunächst als Sprachrohr Schmitts und der Gegenaufklärung, relativierte diese Einschätzung jedoch später. Auch Kosellecks Auftreten als politischer Intellektueller provozierte Widerspruch, etwa im Streit um das Berliner Holocaustmahnmal oder die Spannung zwischen Universalismus und Singularität des Holocaust. Umso auffälliger ist seine Vermeidung einer direkten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, etwa in der Konzentration der Geschichtlichen Grundbegriffe auf die »Sattelzeit« um 1800. Dennoch bleibt Kosellecks Kritik der Aufklärung anschlussfähig: Seine Analyse eines Moralismus, der politische Interessen verschleiert, schärft den Blick für die Aufgabe der Theorie und Begriffsgeschichte, verborgene Politizität offenzulegen. Seine konservative Aufklärungskritik, die die Prekarität der bürgerlichen Ordnung reflektiert und Adornos Gegenwartsdiagnosen überraschend nahesteht, erscheint heute mitunter plausibler als Habermas’ kontrafaktisches Ideal kommunikativen Handelns in liberalen Demokratien. Vor dem Hintergrund einer vielfach beschworenen »Wiederkehr von Weimar« ist diese Opposition auch deshalb aktuell, weil wir Demokratie erneut als prekär erfahren – heute allerdings unter umgekehrten ideologischen Vorzeichen und im Schatten einer Krise des Marxismus sowie fehlender emanzipatorischer Perspektiven. Gerade im Begriff der Krise zeigt sich jedoch der grundlegende Unterschied zwischen einer Dialektik der Aufklärung, die auf die emanzipatorische Kraft der Kritik setzt, und Kosellecks Verständnis der Kritik selbst als Krisenauslöser. 1982 gilt ihm ›Krise‹ noch als erschöpfte Worthülse; wenige Jahre später erkennt er in der ökologischen Krise eine neue politische Schwellenerfahrung. Am Verhältnis zur Ökologie zeigen sich letztlich auch die Grenzen seiner Aktualität. Zwar erkannte Koselleck früh, dass das Klima zunehmend in den Bereich menschlicher Verfügung rückt. Angesichts der heutigen Erfahrung einer sich politischer Kontrolle und Verfügung entziehenden Klimakatastrophe wirkt diese Perspektive jedoch überholt. ———————— Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland« und ist Herausgeber des E-Journals Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte. Er ist seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. Der Politik- und Kulturwissenschaftler Georg Simmerl ist mit dem Projekt »Strategien der Kritik. Eine systematische Rekonstruktion der Debatte um die documenta fifteen« wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. 2022 erhielt er den Carlo-Barck-Preis des ZfL für seine Dissertation zur Theorie- und Begriffsgeschichte des Liberalismus. www.zfl-berlin.org
36 Minuten
Sophia Gräfe (HU Berlin) und Georg Toepfer (ZfL) sprechen über den von ihnen herausgegebenen Band »Wissensgeschichte des Verhaltens. Interdisziplinäre Perspektiven« (Berlin/Boston: De Gruyter 2025). Das Buch untersucht, wie sich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Disziplinen Wissen über Verhalten gebildet, verändert und institutionalisiert hat. ———————— Doch was ist eigentlich Verhalten? Die Biologie der 1950er und 60er Jahre betrieb erheblichen Aufwand, dies zu klären. Die in den 1930er Jahren entstehende Ethologie löste sich von der Laborphysiologie des 19. Jahrhunderts und beobachtete – Ernst Haeckel und Jakob von Uexküll folgend – Organismen in ihrer Umwelt. Zur Bestimmung arttypischer Verhaltensweisen entwickelte sie Experimente und markierte damit stets auch Abweichungen von der Norm. Verhaltenswissen ist somit an Verfahren der Sicht- und Erzählbarmachung gebunden und doppelt kodiert: als empirisches Geschehen und als moralisch-sozialer Maßstab. Seine historische Tiefenschichtung – von höfischen Benimmregeln über juristische Regulierungen bis hin zur modernen Biologie – verweist auf eine lange Geschichte der Disziplinierung und Anpassung. Die Popularität der Verhaltenswissenschaft gründet dabei vor allem in ihrem Umweltbezug. Prominent zeigt sich dies in den beliebten Tierfilmen von Konrad Lorenz, in denen das Versprechen eines harmonischen Miteinanders von Mensch und Tier transportiert wird. In der Nachkriegszeit schloss daran die Kybernetik an, die Organismen als Regulationssysteme verstand, die ihr Verhältnis zur Umwelt über Rückkopplungskreisläufe regulieren – auch dies eine Form von Verhalten. Die Beiträge des Sammelbands zeigen, dass die Verhaltensforschung stets politische Implikationen hat: Wer nach Ursachen und Auslösern für bestimmtes Verhalten fragt, verhandelt Verantwortung und Schuld, was stets auch Folgen für die Gemeinschaft hat. Ein historisierender Blick auf die Zuschreibung und Aberkennung von Verhalten bei Menschen, Tieren, Maschinen oder Pflanzen macht Konflikte um Autonomie, Norm und Abweichung sichtbar. Begriffe wie ›Zucht‹ und ›Zähmung‹, die den Verhaltensdiskurs begleiten, offenbaren ideologische Prägungen biologischer Konzepte. Die Instrumentalisierung verhaltensbiologischen Wissens ist jedoch kein rein historisches Phänomen. Verhalten als zu regulierende Größe begegnet uns auch heute in verschiedenen Politikfeldern von der Gesundheits- bis zur Verkehrspolitik sowie im ökonomisch motivierten Nudging. ———————— Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Sophia Gräfe leitet gemeinsam mit Claudia Mareis und Peter Fratzl das Projekt »Material Form Function« am Exzellenzcluster »Matters of Activity«. In ihrer Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin entwickelt sie eine Medien- und Wissensgeschichte des Verhaltens. Von 2018–2019 war sie Gastwissenschaftlerin im Programmbereich Lebenswissen des ZfL. Der Biologe und Philosoph Georg Toepfer ist Ko-Leiter des Programmbereichs und leitet dort die Projekte »Diversität. Begriffe, Paradigmen, Geschichte« und »Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen«. Frühere Forschungsprojekte widmeten sich »Lebenslehre, Lebensweisheit, Lebenskunst« und den »wandernden Grenzen der Biologie«. www.zfl-berlin.org
1 Stunde 6 Minuten
Ivana Perica und Aurore Peyroles (beide ZfL) sprechen über ihre Bücher »Politics, Literature and Tertium Datur« (London: Bloomsbury 2025) und »Voyages au bout de la banlieue« (Berlin: De Gruyter 2025). Beide eint die Neugier für die Peripherie und Phänomene der Verbannung und des Ausschlusses. Trotz unterschiedlicher Schauplätze, Zeiten und Gegenstände treten die Bücher als einander ergänzende Unternehmungen in einen Dialog miteinander. ———————— Aurore Peyroles unternimmt eine Reise in die Pariser Banlieue und die mit ihr verknüpfte Vorstellungswelt – von Honoré de Balzac über Victor Hugo bis Louis-Ferdinand Céline. Die Banlieue, in die historisch sowohl Friedhöfe als auch Fabriken und somit Tod und Arbeit verbannt wurden, lässt sich als ein Gegen-Ort zu Paris lesen, der »Hauptstadt der Moderne« (Benjamin). Von der Peripherie her wird so das Zentrum infrage gestellt. In der französischen Literatur entlarvt sie zugleich die republikanischen Versprechen, indem sie als Raum des Durchgangs und der Anonymität geschildert wird, wo keine demokratische Teilhabe an einer vorgestellten nationalen Gemeinschaft möglich ist. Die historische Banlieue Rouge der 1930er Jahre, Schauplatz politischen Aufruhrs und revolutionärer Energie, bleibt in der Literatur überraschend randständig. Dass die Banlieue überhaupt Darstellung in der Literatur findet, kann jedoch im Sinne Rancières als politisch verstanden werden, steht dahinter doch häufig die Absicht, diese sonst unsichtbaren Menschen und Lebensrealitäten zu zeigen. Das Schreiben über die Banlieue macht somit sichtbar, was im Verborgenen liegt und legt zugleich das Unsichtbare der Norm frei. Auch bei Ivana Perica steht der Wandel von Orten des literarischen Geschehens und politischer Debatten im Mittelpunkt. Sie untersucht, wie an den historischen Knotenpunkten 1928 und 1968 in Berlin, Wien, Prag und Zagreb sowie Belgrad das Verhältnis von Literatur und Politik verhandelt wurde. Besonders interessieren sie die Diskussionen um ein »Tertium Datur« (Lukács), einen sozialistischen dritten Weg, in den 1920er Jahren und ihr Nachleben nach 1945. Immer wieder stellt sich dabei die Frage, was zuerst kommen soll: revolutionäre Kunst oder die Revolution? In den Debatten von 1928 zeigt sich eine politische Literatur, die sich von der auf die Autonomie der Kunst fixierten unterscheidet, die sich nach 68 vor allem im Westen etablierte. Viele der häufig parteilich organisierten linken Autor:innen der Zwischenkriegszeit sahen sich und ihr Schreiben als Teil einer kollektiven Bewegung. Sie agierten jedoch nicht als dogmatische Sprachrohre politischer Parolen, sondern verstanden ihre Texte als kundschaftende Beiträge zu einer lebendigen Kontroverse. In internationalen intellektuellen Netzwerken wurde diese differenzierter geführt, als es der enge Blick auf Moskau als Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit nahelegt. Die Frage, was politische Literatur ist, was sie leisten kann und soll und welches Politikverständnis ihr zugrunde liegt, ist auch heute noch aktuell. Sie stellt sich etwa bei Joseph Ponthus, der diskutiert, ob der Aussteiger oder der bekennende Aktivist die ›wahre‹ politische Figur ist, sowie in der Autosoziobiographie, in der die Banlieue als kultureller Identitätsmarker und als Ort zurückerobert wird, von dem aus – und nicht nur über den – geschrieben wird. ———————— Die Literaturwissenschaftlerin Ivana Perica und die Romanistin Aurore Peyroles sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt »Kartographie des politischen Romans in Europa am ZfL«. www.zfl-berlin.org
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Über diesen Podcast

Für »Bücher im Gespräch«, den Podcast des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), unterhalten sich Wissenschaftler*innen über ihre neuen Publikationen.
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