#43 | «KI ist ein Spiegel der Menschheit» | Gast: Selena Calleri, Computerlinguistin
vor 3 Tagen
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vor 3 Tagen
Blondinenwitze in Kulturen, wo es sie nie gab – ein
kleines Beispiel, das viel erklärt. KI ist nicht neutral, sie
spiegelt zurück, was wir hineingesteckt haben. Computerlinguistin
Selena Calleri im Podcast «AI und Gesellschaft».
Selena Calleri ist Computerlinguistin, Rechtstheoretikerin und
Inhouse AI Consultant bei der TX Group. Im Podcast «AI und
Gesellschaft – Wege in die neue Welt» spricht sie über eine
Frage, die viele beschäftigt: Versteht KI Sprache wirklich – oder
simuliert sie nur?
Für Selena Calleri ist die Antwort klar: «Es ist eigentlich immer
nur ein Educated Guess. Die KI versucht statistisch
vorauszusagen, was die bestmögliche Antwort ist.» Wer
Computerlinguistik studiert hat, wie sie es getan hat, war schon
früh immunisiert gegen den Hype. Sprachmodelle waren schon immer
Werkzeuge zur Sprachmodellierung – jetzt seien sie schlicht
besser, weil sie über mehr Daten und leistungsfähigere
Algorithmen verfügen. Von einem «denkenden Wesen» zu sprechen,
hält sie für eine Kategorienverwechslung.
Tausend Perspektiven – und keine eigene
Was fehlt, nennt sie «Situiertheit». Ein Mensch ist eingebettet
in seine Geschichte, seine Erlebnisse, seine Beziehungen – das
alles formt seine Perspektive, ob er will oder nicht. Ein
Sprachmodell hingegen sei eine Mischung aus tausend Perspektiven,
aber besitze keine eigene. Die Philosophin Donna Haraway
beschreibe diesen blinden Fleck treffend als «View from Nowhere»
– der Anspruch auf einen objektiven Blick von überall und
nirgendwo zugleich.
Blondinenwitze als Symptom
Besonders pointiert fällt Calleris Einschätzung zur viel
beschworenen Neutralität von KI aus. «KI ist nicht neutraler als
wir – sie spiegelt einfach alle Meinungen auf dieser Welt wider.»
Das Training entscheide, was hineinkomme, und damit auch, was
herauskomme. Als Beispiel nennt sie mehrsprachige Modelle, in
denen Blondinenwitze plötzlich auch in Sprachräumen auftauchen,
wo solche Stereotype kulturell schlicht nicht existieren – ein
Nebenwirkung der Mehrsprachigkeit, die unbemerkt kulturelle
Prägungen überträgt. Kurz: Sprachmodelle halten uns einen Spiegel
vor – und der zeigt unsere eigenen Vorurteile.Der Spiegel lügt
nicht, er zeigt nur unsWie lässt sich das verbessern? Calleri
plädiert nicht für technische Patentrezepte, sondern für mehr
Diversität – in Teams, in Trainingsdaten, im Diskurs. Mehr
Perspektiven am Tisch, und die Bereitschaft, Widersprüche
auszuhalten, statt vorschnell einen Konsens zu erzwingen. «Es
gibt keine absolute Wahrheit», sagt sie mit der Gelassenheit
einer Philosophin, die das ernst meint.
Ihr Blick auf die nächsten zehn Jahre ist nüchtern: Sie erwartet
eine wachsende gesellschaftliche Schere zwischen einer
hyper-digitalisierten Schicht und einer Gegenbewegung, die auf
Souveränität und Selbstbestimmung in der Technologie setzt.
Gerade in Europa werde diese Spannung spürbar zunehmen. Was
hilft? Räume schaffen, in denen Menschen miteinander reden, die
das normalerweise nicht tun. «Community Building», sagt Calleri –
und schlägt, nicht ganz ohne Augenzwinkern, das gemeinsame Essen
als unterschätztes Mittel der Demokratisierung vor.
Der Videopodcast «AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt»,
moderiert von Christoph Soltmannowski, wird produziert von der
Stiftung Text Akademie. Monatlich erscheinen zwei Folgen, auf
Spotify, YouTube und den grösseren weiteren Podcast-Plattformen.
Produziert von Castalavista.
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